Nebelländer

Teil I:

Sturm auf Amber

Buch 2:

Die alte Welt zerbricht

Inhaltsverzeichnis

 

Prolog

Der Rat der Fürsten der Nebelländer

Erster Tag

Zweiter Tag

Dritter Tag

Kyrta

Der Galgen

Der Ratschluss

Sarah Helgisons Entscheidung

Königin Silufees Glaspalast

Stürmische See vor Konbrogi

Wallis, die sichere Burg

Das Bankett

Fürstin Kalia

Botschaften und Pläne

Wigman

Hochzeit in Wallis

Abschied

Falkenweld

Im Moor

Prinzessin Hrodwyn

Veränderung

Aarans Mission

Aufbruch in Tettis

Kampf um Glansest

Elisa

Personenverzeichnis

Danksagung

 

Prolog

Die Insel Amber leckte sich noch die Wunden, die der erste Krieg ihr geschlagen hatte, als die Fürsten die Arglist der Menschen erlebten und eilig einen Rat einberiefen. Der zerbrechliche Frieden mit den Menschen war in Gefahr.

„Sie haben erneut einen Übergangsort geschlossen, mein Fürst“, berichtete einer der Hauptleute der Silven dem Fürsten Ewen, der der Erste unter den Fürsten der Nebelländer war.

„Wir haben ihnen doch so eindringlich ans Herz gelegt, sich vernünftig zu verhalten“, sagte Kalia, die den Menschen nahestand. „Doch sie sind wie Kinder. Seit den Tagen des Sieges im ersten Krieg haben immer mehr Menschen das alte Bündnis mit uns abgelehnt, weil sie unsere Macht fürchten und die neue Religion annehmen. Sie haben fast alle Übergangsorte von ihrer Seite aus geschlossen. Wir sind kaum noch in der Lage, Amber zu betreten“, sagte Fürstin Kalia enttäuscht.

„Einer ist noch offen. Doch wir haben lange nichts von den Priestern in Falkenweld gehört, seit wir sie gebeten haben, ihn für uns geöffnet zu halten“, berichtete Fürst Hagun nachdenklich, der sich stark machte für die Menschen, weil er sein Herz an eine Frau der Menschen verloren hatte. Die Silven hörten ihn und sahen bedenklich drein.

„Ihr hättet kein Bündnis mit ihnen schließen dürfen“, rief Fürst Berrex in die entstandene Stille hinein. „Die Menschen sind unzuverlässig und wankelmütig. Sie verdienen unsere Zuneigung nicht. Wir hätten sie in den Untergang gehen lassen sollen. Ohne unsere Hilfe hätten die Menschen sich im Krieg gegenseitig zerstört. Dann gehörte uns Amber noch. Doch ihr wolltet nicht auf mich hören. Dabei weiß ich, dass sie uns ganz verbannen werden aus ihrer Welt. Die Furcht vor uns treibt sie an. Ihr Vertrauen in uns ist erloschen.“

Fürst Ewen sah aus dem Fenster. Es gefiel ihm nicht, was geschah, aber er war machtlos, seit die Menschen sich entschlossen hatten, die Insel vor ihnen zu verschließen. Er verachtete die eigene Hilflosigkeit, die er durch die Taten der Menschen spürte. Fürst Ewen hatte sich entschieden.

„Ich gebe dir Recht, Berrex“, sagte Fürst Ewen bedrückt. „Die Menschen schließen uns aus ihrem Leben aus. Nur Konbrogi wird uns bleiben. Wenn das geschieht, werde ich nicht mehr der Erste sein unter euch. Wählt euch einen anderen. Ich bin alt und müde und zu enttäuscht, um mich noch einmal mit diesen wankelmütigen Kreaturen beschäftigen zu wollen.“ Er trat dichter an das Fenster zu Kalia, die ihm tief und verständnisvoll in die Augen sah.

Da erstarrte Fürstin Cialae. Sie, die in allen Zeiten gleichzeitig leben konnte, bemerkte, was gerade auf Amber geschah.

„Sie verschließen den letzten Übergangsort in Falkenweld. Es ist der Ort, an dem wir unsere Feste feierten. Dort haben wir alle unsere schönsten Zeiten erlebt. Ehen wurden geschlossen, Kinder gesegnet und unsere heiligen Feste gefeiert. Ich liebe Falkenweld und werde doch nicht wieder dorthin zurückkehren können“, sagte sie und ihr Kleid wurde dunkel vor Trauer. Sie nahm das Unfassbare hin und schwieg entsetzt.

„Was hast du gesehen, Cialae?“ forderte sie Kosos unwirsch auf zu sprechen und ergriff sie am Arm, weil sie ihm die Auskunft verweigern wollte.

„Junge Männer sind gekommen mit dürren, trockenen Zweigen der ewigen Eibe in den Händen. Sie legen sie auf den Opferstein. Sie versuchen, sie mit Feuerstein und Zunder zu entzünden. Gleich brennen die Zweige“, sagte sie einsilbig und düster. Ihr Kleid trug ein tiefes Schwarz, das alle Farben und die Gefühle ihrer Umgebung in sich hineinzuziehen drohte.

„Nein“, brüllte Kosos entsetzt, der sich niemals geschlagen gab. „Was steht ihr dann noch so versonnen hier herum und wartet demütig auf das Ende unserer Welt?“, rief er. Weil er sie alle in Bestürzung verharren sah, lief er eilig zur Türe hinaus. Wo er das Ende seiner Welt abwartete, war egal, aber er wollte nichts unversucht lassen, um es doch noch zu verhindern. Er verließ die Fürsten, bediente sich des magischen Nebels, der ihn augenblicklich in die Gegend nach Falkenweld brachte. Dort schlüpfte der graue Nebel drängend über die Schranke der Welten zu den Menschen hinaus. Er sah sie nun, die beiden Burschen, die sich bemühten, die heiligen Eibenzweige zu entzünden.

„Lasst das, sofort! Ihr verschließt das letzte Tor zur Welt der Nebel, wenn die Zweige verbrannt sind“, hörten die Burschen einen Mann sagen, der von Nebel umhüllt vor ihnen stand. Dunkel und grimmig waren seine Gesichtszüge und das dichte, dunkle Haar wurde von einem Silberreif zurückgehalten. Er ängstigte sie, wie Fürst Kosos Erscheinung alle Menschen ängstigte.

„Sieh nur, Aldhelm, wie Vater es sagte. Da ist einer von ihnen, sie sind gefährlich und finster“, rief Edwin entsetzt aus und versuchte, den lockeren Zunder schneller zu entzünden. „Sie werden uns vernichten.“

Eben da sprang der Funke auf die trockenen Äste und Zweige und entzündete sie. Kosos sah erschrocken, wie schnell die wenigen Zweige abbrannten. Der Fürst erblickte einige Priester, die heraneilten und versuchten, die Burschen von ihrer Tat abzuhalten. Doch sie kamen zu spät. Der letzte lange Zweig war am Verglühen.

Die Priester mussten tatenlos mit ansehen, wie sie die Verbindung zu den Fürsten der Nebel verloren.

„Wir warten hier auf ein Wiedersehen, Fürst“, rief einer der Priester noch.

Kosos hörte es und vergaß es sofort wieder. Er hatte sich entschieden. Der magische Nebel zog sich hinter die Sperre in die Welt der Nebelländer zurück und Kosos mit ihm. Er musste gehen, wollte er nicht in Feindesland zurückbleiben. Hier besaß er keine Macht mehr. Er sah, wie die Priester ihn unaufhörlich riefen und ihn zum Bleiben veranlassen wollten, doch Kosos begriff die Lage schneller als die Menschen. Er ahnte, dass sie sich kaum noch um die Bedürfnisse der Nebelfürsten kümmerten. Er durchschaute den Egoismus und die Verachtung der Menschen, die nicht gewillt waren, ihnen zuzuhören. Als er so auf seiner Seite stand und das vergehende Tor zu ihnen beobachtete, stieg unabänderlicher Hass auf die Menschen Ambers in ihm auf. Sein Zorn auf sie würde bis in alle Zukunft ungebrochen sein. Die Priester des Nebels sahen es in seinen Augen und fürchteten ihn.

Und noch ehe das Tor verschlossen war, stürzte Kosos zurück in den Rat der Fürsten und grollte den Menschen. Als das letzte offene Tor schließlich verschwand, verspürten die Nebelländer einen Ruck, als wenn eine Tür zornig ins Schloss geworfen worden wäre. Dieser Ruck ging durch die Lande der Nebel und in Caesnarfon, ihrer Hauptstadt, vereinigte sich dieser Stoß mit den Schlägen der enttäuschten Herzen der Fürsten, die von da an einen immerwährenden Groll gegen die Menschen hegten. Sie würden niemals mehr auf einen Umgang mit den Menschen Ambers sinnen. Sie fühlten sich verraten, waren erzürnt.

Unverbrüchlich und ewig.

Der Rat der Fürsten der Nebelländer

König Alasdair Dowell saß auf seiner Bank inmitten der streitenden Fürsten. Er brachte schon drei Tage hier zu. In einer Umgebung, die ihn immer ein wenig orientierungslos machte, weil ihr der reguläre Fluss der Zeit fehlte. Alasdair hatte schon oft diesen Hain betreten, nur um seine Wirkung auf sich zu spüren. Er wollte sich daran gewöhnen, damit er sich bei einer Beratung nicht allzu sehr verwirren ließ. Trotzdem war er jedes Mal froh, diesen Ort wieder verlassen zu können, ohne wichtige Entscheidungen treffen zu müssen. Denn er war hier nicht ganz er selbst. Es fehlte ihm manchmal die Luft zum Atmen. Das beunruhigte ihn. Und die Gedanken in seinem Kopf nahmen nicht die gewohnte Ordnung ein, die er brauchte, um sie zum richtigen Zeitpunkt abzurufen. Aber das war sicher nur ein Nebeneffekt der Zwischenwelt, in der er sich in der Halle der Ahnen befand. Das nahm er jedenfalls an. Er wünschte sich wider besseren Wissens, dass es den Fürsten so erging wie ihm. Doch das war nur ein frommer Wunsch, denn offensichtlich unterlagen die Fürsten anderen Mechanismen.

Keita Morgenan und Theodric, ihr Sohn, standen ihm bei diesen Beratungen mit den Fürsten zur Seite. Und Keita Morgenan war es auch, die Fürst Arano zu allerlei Zugeständnissen veranlasste. Als er vor drei Tagen eingetroffen war, hatte das zähe Ringen um das Überleben Ambers begonnen. Die anderen Fürsten waren bisher noch nicht erschienen, aber Arano versicherte ihnen, sie würden kommen, denn er habe sie gerufen.

Erster Tag

Alasdair lief rastlos in der Ratshalle umher.

„Für wann hat Fürst Arano sein Kommen angekündigt?“, fragte er gereizt. Er wandte sich an seine Beraterin Keita Morgenan, die ruhig und gelassen auf einer Bank im Schatten der Säulen saß. Theodric stand neben ihr.

„Nun, er hatte sich für den heutigen Vormittag angekündigt, nach unserer Zeit am Vormittag, mein König“, antwortete sie ihm geduldig. Sie wunderte sich, diesen Mann, der sich schon mit unzähligen Ratsversammlungen herumgeschlagen hatte, so aufgelöst zu sehen. Alasdair hatte auch keine Erklärung für seine Unruhe. Er litt unter dieser Schwäche. Deshalb wertete er alle Blicke falsch und fühlte sich unwohl unter dem prüfenden Blick der Beraterin.

„Was siehst du mich so gequält an, Keita?“, fragte Alasdair aufgebracht. Er wusste, es war nicht richtig, sie zu schelten, denn Keita tadelte ihn niemals, sie unterstützte ihn unvoreingenommen mit ihrem Rat. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit und so gut wie ihn kannte Keita auch Fürst Arano. Mit ihr an seiner Seite hatte er gute Voraussetzungen, die Verhandlungen in Gang zu bringen. Sie war es auch, die vorgeschlagen hatte, sich zuerst mit Arano alleine auseinanderzusetzen. Alasdair hatte zugestimmt und ärgerte sich nun über sein kindisches Verhalten, nicht zur Ruhe kommen zu können. Es lag wohl daran, dass er ein Scheitern der Verhandlungen in Betracht zog und kein König war, der gerne scheiterte.

So haderte er noch eine Weile mit seinem Schicksal und die von ihm so heiß ersehnte Ruhe kam nicht über ihn. Erst wenn die Verhandlungen mit allen Fürsten begonnen hätten, könnte er sich zurücklehnen, denn dann hätte er etwas Konkretes, mit dem er sich auseinandersetzten könnte.

So lief er vor der Eingangstüre herum und wurde fast verrückt.

„Seid gegrüßt, König Alasdair“, hörte er eine freundliche Männerstimme hinter sich sprechen. Alasdair drehte sich erstaunt um und sah Fürst Arano vor sich stehen. Wie konnte das geschehen? Er hatte ihn nicht hereinkommen sehen, denn schließlich hatte er die ganze Zeit die Türe der Halle im Auge. Alasdair Dowell begriff, dass er nur eine vage Ahnung von Aranos Macht hatte. Doch das war ihm jetzt egal, denn es hatte begonnen. Der Rat hatte Gestalt angenommen. Der erste der Fürsten war da. Derjenige, der ihnen wohlgesonnen war. Alasdair seufzte erleichtert, entschied sich, ihn zu mögen, ging auf den jungen Fürsten zu und reichte ihm die Hand. Fürst Arano stutzte, sah die ihm dargebotene Hand, wirkte erstaunt, lächelte und nahm sie. Er drückte sie, wie er es von Keita gelernt hatte, und ließ sie nach angemessener Zeit wieder los. Er beobachtete den König und las in Alasdairs Gesicht Zufriedenheit. Das war perfekt, dachte sich Arano und strahlte über das ganze Gesicht. Langsam wurde er mit den Gepflogenheiten der Menschen vertrauter.

„Lasst uns Platz nehmen“, bat Arano aufgeräumt. Er wusste, dass die Menschen gerne saßen und ihm dann entspannter begegneten. Er selbst setzte sich in die Nähe Keitas, grüßte sie und Theodric mit einem Kopfnicken, das den Silven gemeinhin zur Begrüßung genügte. Ab dann schenkte er Alasdair seine ganze Aufmerksamkeit.

„Wir sind hier zusammengekommen, um das Problem der einfallenden Horden aus dem Norden zu diskutieren“, sagte er an König Alasdair gewandt und ließ sich Zeit. Als Alasdair stumm blieb und nur nickte, versuchte es Arano noch einmal, denn er wusste von Alasdairs Neigung, sich gerne selbst reden zu hören. Deshalb irritierte ihn dessen Schweigen. Da Arano lieber zuhörte, hätte er es bevorzugt, sich aus dem Schwall an Informationen, die er von Alasdair bekäme, die richtigen für sich und seine Sache herauszusuchen.

„Sicher habt ihr eine Vorstellung vom Verlauf dieser Zusammenkunft, die seit mehr als hundert Jahren nicht mehr stattgefunden hat. Ihr wollt bestimmt einen Lösungsvorschlag von mir hören, oder täusche ich mich?“, fragte Arano ein letztes Mal und beschloss, jetzt in jedem Fall Alasdair das Wort zu erteilen. Arano lächelte freundlich und verlor von da an kein Wort mehr.

König Alasdair nickte, sammelte sich, als er merkte, dass die Pause anfing, peinlich zu werden. Er begann endlich zu sprechen.

„Mein Fürst, die Nordleute haben Großes vor auf Amber. Sie plündern die Küsten und dringen mittlerweile auch in das Landesinnere der Insel vor. Seit zwei Generationen bereichern sie sich an unseren Schätzen. Es ist also kein neuer Vorgang, aber mit einem Unterschied zu früher. Jetzt haben sie sich hier festgesetzt und Familien gegründet. Sie haben Land in ihren Besitz gebracht und machen sich nun daran, die gesamte Insel zu besetzten. Sie morden, plündern, verkaufen unsere Mitmenschen als Sklaven und leben, als wären sie die eigentlichen Herrscher hier in diesem Land. Es ist kein Auskommen mit ihnen und nichts und niemand kann ihnen Grenzen setzen.“

„Langsam, guter Freund“, sagte Arano lächelnd. Er sah Alasdair tief in die Augen und las in seinen Gedanken. Er sah, dass dieser Mann bis in sein Innerstes aufgewühlt war und er die tandhener Eindringlinge verabscheute und sie gerne aus dem Land werfen wollte. Aus Amber wohlgemerkt. Das wunderte Arano, der dachte, die Konbrogi hätten kein Interesse mehr an den anderen Völkern Ambers. Dieses Mitgefühl Alasdairs für die anderen Völker auf Amber verwirrte ihn.

„Wisst, König Alasdair, es wundert mich, dass ihr versucht, den Amberländern zur Hilfe zu eilen. Denn nur dort fallen die Nordleute ein. Sie haben eure Landesgrenze noch gar nicht verletzt. Ich frage mich, was euch zu diesem Einsatz treibt, denn es ist Eile, die euch drängt, das sehe ich. Darüber hinaus seid ihr bis tief in euer Innerstes erschreckt. Doch bedenkt, auch die Eindringlinge sind nur Menschen, wenn auch grausam und unberechenbar, mit Führern, die nur über eine begrenzte Macht verfügen.“

Fürst Aranos Gesicht drückte nach wie vor Nachsicht und Gelassenheit aus. Auf ihn wirkte dieses Szenario, das sich außerhalb Konbrogis abspielte, nur geringfügig gefährlich.

„Fürst, euch ist sicher zu Ohren gekommen, dass sie in Lindane eingefallen sind. Sie haben König Lius, der sich ihnen mit einem großen Heer entgegenstellte, grausam ermordet. Seine Frau ist daraufhin im Kindbett verstorben, und da der Thronfolger erst ein Jahr alt ist, fällt das Land jetzt unter die Herrschaft des König Bornwulf Paeford von Dinora, der der Großvater des kleinen Thronfolgers Draca ist.“

„Ja, wir wissen, dass die Tandhener dort überaus grausam vorgingen und es missfällt uns. Wir können jedoch nichts dagegen unternehmen. Aber wir haben auch vor langer Zeit den Kontakt zu den Amberländern aufgegeben, da sie sich von uns abwandten. Wir sind Unangenehmes gewohnt von den Menschen, daher muss es schon weitaus schwerwiegendere Gründe geben als den Einfall einiger Räuberbanden, bevor wir uns wieder mit ihnen näher beschäftigten. Von Hilfe wäre dabei noch gar nicht die Rede.“

Aranos Haltung vermittelte König Alasdair eine überhebliche Arroganz, wie sie gegenüber Alasdair noch kein Mensch so unverblümt zur Schau gestellt hatte. Selbst die Könige Ambers waren zurückhaltender in ihrem Auftreten. Deshalb wich Alasdair erstaunt zurück. Er wusste von der Selbstgefälligkeit und Dünkelhaftigkeit der Silven, die sich den Menschen immer überlegen fühlten. Fürst Hagun war in seinem Auftreten jedoch noch eindrucksvoller, als es Arano war. Hagun war selbstherrlich und selbstgerecht, das wusste Alasdair von seinem Vater, der sich in früheren Zeiten mit ihm herumschlagen musste. So fühlt es sich also an, gedemütigt zu werden, dachte Alasdair und nahm es hin. Es wunderte ihn, dass er angesichts dieses unverschämten Hochmuts nicht gleich verärgert war. Aber Alasdair hielt sich an seinen Plan, sich nicht provozieren zu lassen. Sein Vater hatte ihm vor vielen Jahren geraten, immer die Ruhe zu bewahren, wenn er auf Silven traf, denn sie waren nicht zu belehren. Er beruhigte sich, denn vom Verlauf dieser Verhandlungen hing zu viel ab.

Keita Morgenan sah, wie sich Aranos Blick verdunkelte. Der junge Fürst erinnerte sich an die Ereignisse des großen Krieges. Er war noch ein junger Silv gewesen, als sich die Kriege mit den Südländern ihrem Ende näherten und sich die Amberländer, die mit Hilfe der Nebelvölker über sie gesiegt hatten, von ihren Rettern abwandten. Er empfand es heute noch als Verrat an den Silven und Korrigenern, dass die Menschen auf Amber die heiligen Übergangsorte zerstört und damit jeglichen Kontakt zu den Nebelländern abgebrochen hatten. Die Menschen fühlten sich damals mächtig und wollten den Fürsten, die sich als ihre Führer betrachteten, nicht mehr ihren Respekt erweisen. So verärgerten sie die Silven und ein Silv, der es gewohnt war, die alten Bündnisse hochzuschätzen, vergaß einen begangenen Verrat nicht schnell. Die anderen Fürsten, Silven wie Korrigener, die sich wie er mit ihren Völkern nach Konbrogi zurückgezogen hatten und dort die Grenzen sicherten, sahen sich heute in keiner Weise verpflichtet, den Amberländern zur Hilfe gegen die Nordleute zu eilen. Besonders Hagun und Kosos, die beiden Korrigener, hatten kein Interesse daran. Arano ahnte, es wäre den anderen Fürsten kaum begreiflich zu machen, die Insel Amber gegen die Eindringlinge zu schützen.

„Seht, König Alasdair, weitaus wichtiger, als sich mit den Amberländern zu befassen, ist es doch, die Grenzen Konbrogis zu sichern, damit es keine Verletzung der Grenzen Konbrogis durch die Tandhener geben wird. Glaubt ihr nicht auch, damit hätten wir dem Volk der Konbrogi, das immer treu zu uns gestanden ist, genüge getan?“

Arano sah König Alasdair prüfend in die Augen und sah dort nur Erstaunen und Verwunderung. Arano verstand Alasdairs Reaktion nicht.

Keita, die diesem Gespräch aufmerksam folgte, entging nicht das erstaunte und völlig erstarrte Gesicht Alasdairs, der es kaum fertigbrachte, Arano eine schlüssige Antwort zu geben. Alasdair begriff in diesen Sekunden, dass sie auch gleich wieder alle nach Hause gehen und Amber seinem Schicksal überlassen könnten. Alasdair, dieser imposante König, saß nachdenklich und zusammengesunken auf seiner Bank. Hier schien etwas aus dem Ruder zu laufen. Alasdair gelang es nicht, nein, er versuchte es gar nicht erst, Arano seine Ängste und seine plötzliche Gemeinsamkeit mit den anderen Völkern Ambers begreiflich zu machen. Der König fühlte sich nur rüde abgewiesen. Und das, obwohl er als Herrscher eines zurückgezogenen Volkes klarer in die Zukunft und auf die Gefahren blickte, die sich auch für die Fürsten der Nebelländer auftaten, als die Fürsten selbst.

Dieser allgewaltige Fürst ist in seiner Sichtweise beschränkt, und ich schaffe es nicht, ihm die Augen zu öffnen, haderte Alasdair mit sich.

Fürst Arano war enttäuscht zu sehen, wie den Menschen offensichtlich immer nur an ihrem eigenen Volk gelegen war und sie sich wieder von den Völkern des Nebels abwandten. Darüber hinaus wollten sie sich für ihre zweifelhaften Zwecke der Macht der Nebelländer bedienen, um ihre eigenen Interessen voranzutreiben.

Keita Morgenan fühlte sich zu Recht alarmiert, denn hier schienen die uralten Verhaltensmuster wieder aufzubrechen, die immer in eine Sackgasse führten. Sie blickte die Kontrahenten erstaunt an und begriff, dass sich die Positionen Alasdairs und Aranos verfestigten. Das galt es schleunigst zu verhindern.

Keita mischte sich ein, weil Alasdair beharrlich schwieg. Ihre dunkle Stimme trug weit in die Halle hinein.

„Ich bin mir nicht sicher, ob es genügen würde, lediglich die Grenzen Konbrogis zu sichern, denn die Nordländer werden nicht haltmachen vor diesen Grenzen. Sie werden Mittel und Wege finden, doch noch hier einzufallen. Sie werden nicht vor den Toren Konbrogis stehenbleiben, sich verwundert die Augen reiben, um dann unverrichteter Dinge umzukehren. Im Gegenteil, ich denke gerade, es ist das Geheimnis der Macht, die Konbrogi umgibt, die sie wie die Fliegen anziehen wird.“

Mehr sagte sie nicht, denn Arano schätzte es nicht, wenn viele Worte gemacht wurden. Er nickte nur, stand dann auf und ging wie vorher Alasdair in der Halle umher. Er schwieg lange, und Keita wusste, es wäre eine leichte Sache, die anderen Fürsten davon zu überzeugen, nur Konbrogi zu schützen. Denn Hagun und Kosos schützten dessen Grenzen schon seit Jahrhunderten. Wie sollte ein so unpraktisches und friedliebendes Volk wie die Konbrogi die Jahrhunderte überdauert haben, ohne den mächtigen Schutz durch die Fürsten der Nebelländer? Doch selbst wenn sie ihn für ihre Sache gewinnen könnten, würde es Arano sicher sehr schwer fallen, die anderen Fürsten davon zu überzeugen, ganz Amber vor den Tandhenern zu schützen. Und genau darauf lief die Einberufung des Rates hinaus. Der Gefahr, die ganz Amber und damit auch die Nebelländer bedrohte, musste mit allen Mitteln begegnet werden.

Als Arano Keita anblickte, wurde ihm genau das bewusst, aber er wollte es noch nicht wahrhaben. Arano lehnte es ab, sich auf eine Stufe mit den Menschen zu stellen und vor einer Horde Eindringlinge Angst zu haben. Es sollte wie immer genügen, sich hinter die Grenzen Konbrogis zurückzuziehen. Dort konnte man abwarten, wie die Dinge sich entwickelten.

Theodric, der fassungslos dabei stand, verfolgte das Gespräch atemlos. Er befürchtete, dass selbst Fürst Arano auch nicht für einen Moment die Absicht hatte, ganz Amber zu schützen. Theodric konnte Aranos Standpunkt verstehen. Es gab aus seiner Sicht und aufgrund seiner Kenntnis keinen Grund, es zu tun. Amber interessierte ihn seit dem Verrat der Menschen vor vielen Jahrhunderte nicht mehr. Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, ihm stichhaltige Gründe für ein Eingreifen zu liefern. Theodric erriet, dass sich Arano zwar genau mit diesen Gedanken beschäftigte, er aber keine Grundlage hatte, auf der er eine Entscheidung treffen konnte. Einzig die versteinerte Reaktion Alasdairs machte ihn stutzig. Weil Arano immer noch zu zögern schien, den Menschen alle Hilfe zu verweigern, wagte es Theodric, sich in das Gespräch einzumischen. Seine Mutter sah ihn erstaunt an, als er das Wort an sich riss. Er sprach mitten hinein in die schwere Stille, die von Arano geschürt wurde und die nicht einmal seine Mutter oder König Alasdair zu stören wagten.

„Wisst ihr, Fürst Arano,“ sagte Theodric laut vernehmbar und trat einige Schritte auf den ihm zugewandten Rücken des Fürsten zu. Als dieser sich zu ihm umdrehte, stockte Theodric für einen Moment der Atem, denn er stand einem sehr großen Silv gegenüber, der in seiner strahlenden Helligkeit Theodrics Mut fast verglühen lies. Da es aber Theodric gewohnt war, mit weitaus unangenehmeren Erfahrungen umzugehen, er musste in Norgan an König Halfdans Hof mit Bork und seinen Schergen zurechtkommen, fand er nach einigen Sekunden seine sichere Haltung wieder. Arano lächelte bewundernd, als er diese Veränderungen in Theodric bemerkte.

„Wagt es ruhig, Theodric Morgenan. Ihr hattet einen Einwand“, sagte Arano leicht amüsiert.

„Nun, wir haben hier alle nur die Gefahr vor Augen, die dem Volk der Konbrogi droht, wenn es von den Tandhenern überfallen wird. Aber könnt ihr euch nicht vorstellen, was den Völkern des Nebels blüht, sollten sich die Tandhener und ihre Verbündeten hier breitmachen? Denkt einmal ein wenig weiter, Fürst Arano. Haben euch nicht schon die Amberländer enttäuscht, die sich immerhin mit den Traditionen der Nebelvölker auskannten, die aber trotzdem nach eurem Sieg über die Südländer eure heiligen Stätten zerstörten? Sie haben euch damit den Zugang nach Amber erschwert. Die Nordleute jedoch scheren sich nicht einen Deut um eure Anwesenheit auf Amber. Weder in Konbrogi, noch in den anderen Ländern. Sie werden eure Existenz auf dieser Insel einfach tilgen. Sie verbannen euch, sobald sie Konbrogi in ihrem Besitz haben, in die Nebelländer und damit in die ewige Isolation. Ihr könnt keine Gnade von den Nordleuten erwarten. Sie sind völlig anders als die Amberländer.“

Theodric sagte nichts mehr. Er hatte den wichtigsten Einwand in Worte gefasst. Als er Arano beobachtete, sah er, dass dieser schon zu ähnlichen Überlegungen gekommen sein musste. Es konnte keinen Silv erfreuen, nicht mehr frei auf Amber und unter den Menschen zu wandeln, sondern nur noch beschränkt auf die Nebelländern zu leben. Besonders wenn sie dazu gezwungen wurden von einem Haufen gieriger Angreifer, die sich auf ihrer Insel breitmachten.

Sowohl König Alasdair als auch Keita Morgenan konnten sehen, dass Fürst Arano zum ersten Mal beunruhigt war, wenn man es so nennen konnte, denn er verfügte über deutlich mehr Macht sich zu beherrschen als ein Mensch. Er stand noch eine Weile gedankenverloren vor dem Fenster und sah hinaus in seine Welt, die gleich hinter dem Tempel des Übergangs begann. Dann drehte er sich um und lächelte.

In König Alasdair, den der Hunger plagte und der das Lächeln des Silv falsch verstand, keimte Hoffnung auf und er beschloss, in die Offensive zu gehen.

„Wollt ihr mir die Freude machen, im Kreise meiner Familie ein anständiges Mahl einzunehmen?“, fragte Alasdair geradeheraus. Er hatte das Bedürfnisse, sich mit dem Fürsten in einer freundlicheren Umgebung zu unterhalten, in einer, die ihn nicht so verwirrte. Der Fürst lächelte breiter. Er war plötzlich angerührt von Alasdairs Einladung, die er trotz ihrer Uneinigkeit erhielt. Er stimmte zu, hätten sie doch noch genug Zeit, sich mit diesen unerquicklichen Dingen herumzuschlagen.

„Ihr werdet nicht enttäuscht von meiner Tafel aufstehen, das verspreche ich euch“, sagte Alasdair leutselig und war kurz davor, dem Silv zu nahe zu treten, um ihn zu umarmen. Doch Keita, die so etwas befürchtete, ging zu Arano und führte ihn nach draußen in ihre Welt.

„Wird Leana Paeford, König Bornwulfs schöne Tochter, auch an diesem Mahl teilnehmen?“, fragte Arano beiläufig Keita Morgenan, die neben ihm ging. Keita lächelte und antwortete ihm sofort.

„Das wird sich gewiss einrichten lassen, mein Fürst.“ Sie ging still neben ihm und machte sich ihre eigenen Gedanken dazu. Es gefiel ihr, dass sich Arano wieder von einem Mädchen angezogen fühlte. Arano ging schon zu lange alleine durchs Leben. Der Fürst der Verwandlung hatte Leana vom ersten Augenblick in sein Herz geschlossen. Sie zu retten war ihm ein reines Vergnügen gewesen.

Leana Paeford betrat Alasdairs Festsaal an der Hand ihrer Freundin Morwenna. Sie war aufgeregt, wieder in einer ihr vertrauten Umgebung zu sein. Ihr gefiel die langgestreckte Tafel, die von unzähligen, hellen Kerzenlüstern beleuchtet wurde. Die Musiker spielten leise auf und Keita Morgenan führte sie zu ihrem Platz. Sie saß zur Linken des Fürsten Arano, der in graue Beinkleider und ein silbernes Gewand gekleidet war.

Leana erkannte ihn sofort, denn auf den Stufen des Hauses der Heilerinnen hatte er für einen Augenblick seine wahre Gestalt angenommen. Leana hatte diese Erinnerung bisher vergessen, glaubte sie doch bislang, ihr Retter wäre ein roter Wolf gewesen, der sie auf die Stufen gelegt hatte und dann eilig verschwunden war. Aber sie kehrte augenblicklich wieder, als ihr Arano entgegentrat.

Als Arano sie lange anblickte, wurde sie verlegen. Ihre Wangen röteten sich und sie bemerkte, dass er ihr sehr zugetan war. Es war neu für Leana, die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Mannes zu besitzen, der für sie Gefühle hegte. Denn bis jetzt bettelte sie in ihrer Jungmädchenart um ein wenig Aufmerksamkeit von Ilari, den sie zu lieben glaubte. Doch sie vergaß ihn in der Nähe des Fürsten sofort. Ihr gefiel dieser lichthelle Fürst, der kein Alter zu haben schien und trotzdem jung wirkte, der von einer unerklärlichen Macht umgeben war und der sie in der Stunde der größten Gefahr gerettet hatte. Er hatte sie federleicht in Sicherheit gebracht und auch ihre Freunde nicht vergessen. Es dauerte nicht lange und sie war verliebt in ihn, so unrettbar, dass sie sogar ihre Heimat nicht mehr vermisste. Arano spürte es und war glücklich, obwohl er wusste, welche Verantwortung daraus für ihn in diesen Minuten erwuchs. Aber er würde sich morgen damit beschäftigen. Heute Abend ließ er dem Schicksal seinen Lauf.

Als der Abend vergangen war und Leana gehen musste, hielt der Fürst sie an den Schultern zurück und zog sie ein wenig zur Seite.

„Trefft mich morgen nach der Ratsstunde im Garten des Tempels“, bat er Leana, die nicht lange zögerte.

„Ich werde da sein, nur weiß ich nicht, wann der Rat endet“, sagte sie. Männer stellten sich immer alles so einfach vor.

„Es ist einfach, Leana Paeford“, antwortete ihr Arano, der mitten in ihr Herz sehen konnte, das vor ihm lag wie ein offenes Buch. So erkannte er ihre Zuneigung, die sie nicht mehr vor ihm verbergen konnte. Er war berührt und lächelte so schön, dass es Leana den Atem verschlug.

„Ihr wisst es einfach und kommt zum Garten, glaubt mir.“ Er nahm ihre Hand, sah sie an und küsste sie. Dann ging er. Es war alles gesagt.

Zweiter Tag

König Alasdair ging am folgenden Tag weitaus besser gelaunt in die Gespräche. Er war guter Dinge, denn er hatte seit gestern Abend den Eindruck, Fürst Arano wäre nicht mehr ganz so abgeneigt, ihnen zu helfen. Vielleicht könnte er die anderen Fürsten von ihrem Vorhaben überzeugen. Doch im Verlauf des Morgens wurden seine Hoffnungen zerstört.

Arano befand sich schon in der Ratshalle, als der König und seine Berater eintrafen. Alasdair sah sich um und erkannte Hagun und Kosos, die ein wenig abseits standen. Sie wirkten weder entgegenkommend noch verträglich. Beide hatten die Arme vor der Brust verschränkt und sahen ernst aus. Als Hagun Alasdair ansah, störte ihn der kritische Blick des Fürsten. Alasdair beriet sich mit Keita, die neben ihm stand.

„Siehst du, wie ablehnend die beiden Brüder uns begegnen? Sie werden ganz sicher nicht für den Schutz Ambers eintreten“, knurrte Alasdair und war von einem Augenblick auf den anderen schlecht gelaunt.

„Lasst den Tag vergehen, noch sind nicht alle Fürsten eingetroffen. Es besteht immer noch die Hoffnung, dass sich die Vernunft bei ihnen durchsetzt.“

Keita sah Alasdair aufmunternd an. Sie glaubte wirklich an ihre Worte. Sie wusste, es gab eine Menge Unstimmigkeiten unter den Fürsten, die nur nicht aufbrachen, weil man sich seit langer Zeit aus dem Weg ging. Fürst Kosos, ein aufbrausender, stolzer Charakter, hielt nicht viel von Arano, den er immer noch als einen frischgebackenen Grünschnabel betrachtete. Arano hatte sich, genauso wie sein Bruder Hagun, dadurch angreifbar gemacht, dass er angefangen hatte, Frauen der Konbrogi zu heiraten. Kosos würde nicht den Fehler begehen, sein Erbe mit dem eines Menschen zu verwässern. Er hatte zahlreiche Söhne, die ihm im Charakter glichen. Zusammen mit den Söhnen Haguns bildeten sie in den Nebelländern eine nicht zu unterschätzende Macht. Fürst Arano war zwar nur wenig älter als Kosos ältere Söhne, aber bei weitem nicht so manipulierbar wie diese. Das allein verursachte bei Kosos einiges Ungemach. Außerdem rieb er sich an der menschlichen Seite seiner Familie. Einen König der Konbrogi in der Familie zu haben, war für ihn ein ständiger Stein des Anstoßes mit Hagun. Kosos verachtete offen die Dynastie der Könige in Konbrogi, selbst wenn er ihnen Tapferkeit und Mut zusprechen musste. Sie hatten stets geschickt gehandelt. Aber auch von Keita Morgenan und ihrem Bastard Theodric hatte er keine hohe Meinung. Theodric war so sehr vermischt mit den Menschen innerhalb und außerhalb Konbrogis, dass es Kosos überhaupt schwerfiel, irgendeine Liebenswürdigkeit für ihn zu empfinden. Keita spürte Kosos Ablehnung stärker als König Alasdair, doch ließ sie sich davon zu keinem Zeitpunkt beeindrucken. Sie wusste mit Kosos umzugehen und tat ihm nicht den Gefallen, vor ihm zu Kreuze zu kriechen. Und Theodric, der nun ebenso genau von Kosos gemustert wurde wie die anderen, war zu lange abwesend gewesen, als dass ihn die Querelen der Konbrogi mit den Korrigenern auch nur anrührten. Er hatte seine Stärke zum einen aus den Aufenthalten in Amber und Norgan gewonnen. Und zum anderen daraus, dass er für Kosos einen Mischling darstellte, der sich nicht in das Bild Konbrogis und der Welt Kosos einfügen wollte. Hagun lächelte amüsiert, als er sah, wie Theodric Morgenan den kritischen Blick Kosos einfach von sich abprallen ließ. Etwas wie Stolz stieg in ihm auf, als er diesen jungen Mann betrachtete. Er hatte die Stärke Theodrics schon in den Bergen gefühlt. Sie drückte sich nicht in seiner äußeren Statur aus, aber durch einen unerwarteten, inneren Gleichmut und eine glasklare Härte und Entschiedenheit in seinem Auftreten.

So warteten die Anwesenden ungeduldig auf das Eintreffen der letzten Fürsten. Kosos und Hagun unterhielten sich leise und ließen sich nicht auf eine Konversation mit König Alasdair ein. Fürst Arano zog es schließlich vor, schweigend aus dem Fenster zu sehen, bis eine wunderschöne Gestalt die Ratshalle betrat. Fürstin Cialae war eingetroffen. Es schien allen, als brächte sie leise, weiche Töne mit in den Saal. Ihr Kleid war schillernd und leuchtend. Sie war schön wie der Tag und wirkte dabei wie ein unfolgsames, verwöhntes Kind. Cialae sah ruhig und aufmerksam in die Runde. Sie schenkte Hagun, der sich ihr zuwendete, ihr wunderbarstes Lächeln.

Kosos sah es und fand Haguns Unterwürfigkeit unpassend. Wusste er doch, dass Cialae fähig war, seinen Bruder für ihre Zwecke einzuspannen. Sie besaß ein schlummerndes Temperament, an das nicht einmal Kosos zu rühren wagte. Sein Bruder Hagun konnte sich ihr oft nicht entziehen. Wie eben jetzt, als er ihr einen wohlmeinenden Gruß schenkte.

Unmittelbar nach ihr betrat Fürst Rhianar den Saal. Er wirkte wie immer abwesend und freundlich. Er hatte einen Blick, der nur Güte auszudrücken schien. Er sah sich flüchtig um, nickte König Alasdair höflich und freundlich zu, denn so gebot es die Sitte, und suchte sich einen Platz auf einer Bank. Er mutmaßte, die Verhandlungen dauerten nicht sehr lange, denn er war mit den Vorgängen auf der Insel in keiner Weise vertraut. Lebte er doch ähnlich wie Cialae ein abgeschiedenes und zufriedenes Dasein auf dem Grund eines großen Wassers in Konbrogi. Er war mächtig, aber sich seiner Macht nicht wirklich bewusst, hatte er sie doch im letzten Krieg gegen die Südländer zuletzt eingesetzt. Er half den Konbrogi häufig im täglichen Leben, aber das waren Kleinigkeiten in der Anwendung. Er hätte letztlich nachdenken müssen, welche Mittel ihm in Gänze zur Verfügung stünden, so uninteressiert war er an allem. Er lächelte Cialae zu, die er am besten kannte. Er besuchte sie von Zeit zu Zeit, sicher aber alle Jahrhunderte einmal.

Fürst Ewen fehlte noch. Er hatte sich angekündigt, war aber noch nicht eingetroffen.

„Soll ich den Rat ohne ihn eröffnen, Keita“, fragte Alasdair seine Beraterin. Ihm wurde dieses schweigsame Herumstehen zu viel. Ihn drängten die Vorgänge auf der Insel zur Eile. Keita bemerkte es und deshalb riet sie ihm, die Zeit zu nutzten, um einige freundlich Worte an die bisher erschienenen Fürsten zu richten, die eigentlichen Gespräche aber noch hinauszuzögern. Denn Fürst Ewen besaß keinen Humor und er war nachtragend und aufbrausend. Er war außerdem alt und starrsinnig. Es wäre schwierig genug, ihn zu überzeugen, lehnte er doch alle Veränderungen auf Amber und in Konbrogi auf das Schärfste ab. Sie fragte sich, wie er wohl auf die begangenen Raubzüge der Angreifer aus dem Norden reagierte. Sicher wäre er nicht davon begeistert, aber würde er den Amberländern zur Hilfe eilen? Er hatte es schon im letzten Krieg äußerst unwillig getan.

Alasdair stand entschlossen auf, trat in die Mitte des Saales und begann zu sprechen.

„Seid gegrüßt, edle Fürsten“, begann er mit lauter Stimme, die über die Anwesenden hinweg trug. Kosos, der im Schatten stand, trat nach vorne, um sich diesen König genauer anzusehen, der vom gleichen Geschlecht abstammte wie er. Er sah den genusssüchtigen Körper des Königs, kannte seine Lasterhaftigkeit, was Frauen anging, und erriet die helle Aufregung, die den König gefangen nahm. Er lächelte herablassend und fragte in den Raum hinein, ohne sich um den König zu scheren, der den Rat der Fürsten eröffnen wollte.

„Heil Alasdair. Euer Rat wünscht die Rettung der Menschen zu beschließen, habe ich gehört“, fiel Kosos Alasdair rüde ins Wort. „Das ist aus eurer Sicht löblich, aber welchen Zweck hat es eigentlich, diese Menschen zu schützen. Seht sie euch an, ihre Vertreter hier in Konbrogi. Sie sind harmlos und verwöhnt und friedliebend nur aus Ängstlichkeit. Alasdair ist ihr König, weil es ihm in den Schoß fiel.“

Er sah sich in der Runde um und war amüsiert, denn König Alasdair stand für einen Augenblick der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Kosos winkte gelangweilt ab. Er beschloss, sich niemals in ihre Querelen mit den Tandhenern hineinziehen zu lassen.

Fürst Rhianar, der anscheinend gut gelaunt war, denn er glaubte, die Zusammenkunft nähme nicht viel Zeit in Anspruch, zuckte angesichts dieses unhöflichen Auftritts des Fürsten Kosos unangenehm berührt zusammen. Er liebte solche Unstimmigkeiten nicht, denn er war ein freundlicher Fürst, der weder ein großartiger Taktiker war, noch ein aufbrausendes Wesen besaß. Er legte sich ungern auf eine Sache fest, wollte aus allen Schwierigkeiten herausgehalten werden und musste sich an ein Projekt gebunden fühlen, sonst war er unzuverlässig. Er und Cialae verließen selten ihre Reiche, denn dort lebten sie ein weltabgewandtes Leben, das ihnen gefiel und das sie ungern unterbrachen. Er kam heute nur hierher, weil ihn Ewen darum gebeten hatte. Denn eigentlich würde ihn die Isolation von den Menschen nicht stören. Er lebte schon seit grauen Urzeiten ohne die anderen Völker nur für sich. Verirrten sich hie und da Menschen in sein Reich, dann wurden sie herzlich aufgenommen, aber sich ihnen von sich aus zuzuwenden, fiel dem Fürst der scheinbaren Wasser nicht ein. Menschen übten keinerlei Faszination auf ihn aus.

Theodric war erstaunt zu sehen, wie sich diese überlegenen Fürsten darstellten. Er beobachtete jeden einzelnen eindringlich und begriff, dass es den Menschen in erster Linie gelingen müsste, Cialaes Temperament zu wecken, Kosos Arroganz zu begegnen und Ewens Feindlichkeit allem Fremden gegenüber zu überwinden, sonst wäre der Rat der Fürsten gescheitert, bevor er begann. Berrex, der Fürst der Abtrünnigen, fehlte in dieser illustren Runde genauso wie Fürst Ewen, der jedoch sein Erscheinen zugesichert hatte. Aber möglicherweise war Berrex schon ihr Feind, denn er hatte sich zu keinem Zeitpunkt bei Alasdair oder Arano gemeldet.

Fürst Ewen betrat die Halle, als Kosos Worte noch von den Wänden widerhallten. Er wirkte uralt, beinahe so alt wie die Welt. Ewen war voller Härte und Unnachgiebigkeit. Er sah verwundert auf die Horde Kinder herab, die sich hier eingefunden hatte, um etwas in Gang zu bringen. Sie hatten vor, die Tandhener aus dem Land zu werfen, und das war seiner Meinung nach ein gewaltiges Vorhaben, doch nicht unmöglich, wenn man es geschickt anstellte. Er nickte König Alasdair, der ihn nicht interessierte, beiläufig zu und setzte sich auf einen Stuhl, denn er hatte keinen Bedarf nach der Nähe seiner Artgenossen. Cialae tat es ihm gleich. Sie setzte sich auf eine Bank und bat Rhianar an ihre Seite. Arano war es, der zwischen den Fürsten hin und herlief, denn er war der jüngste von ihnen und hatte daher die Pflicht sich zu kümmern.

„Seid gegrüßt, König Alasdair“, richtete Ewen ein unerwartet freundliches Wort an den König der Konbrogi. „Nehmt die Worte des Fürsten Kosos nicht zu wichtig. Er hat sich noch nie für die Menschen begeistern können und alles, was nicht die Stärke eines Korrigeners ausmacht, ist ihm unangenehm. Selbst wir Silven können vor Kosos Urteil oft nicht bestehen. Aber er tut dem Menschengeschlecht unrecht damit, denn ich habe im Laufe der Zeit nicht nur Unangenehmes durch sie erfahren. Obgleich ich ihnen genauso wenig zugeneigt bin wie Kosos. Aber es wäre vernünftig, nicht gleich jeden Vorschlag der Menschen abzulehnen, denn auf eine unheimliche Weise ist unser Schicksal unwiderruflich an das der Menschen gebunden.“ Er blickte nachdenklich zum Fenster hinaus, als wollte er seine Worte selbst nicht glauben.

Ewen nickte in die Runde der Fürsten und schwieg. Keita war erstaunt. Ein mäßigendes Wort aus seiner Richtung hatte sie nicht erwartet. König Alasdair selbst wirkte gestärkt. Er bewunderte Fürst Ewen vom ersten Augenblick an, als er ihn sah. Alasdair fühlte so etwas wie eine spontane Loyalität für ihn. Er wusste dennoch genau, dass er von Ewen nur geduldet wurde.

„Nun, ungeachtet dessen, was sich Fürst Ewen vorstellt, sind wir gekommen, um den Untergang Ambers zu diskutieren“, sprach Kosos weiter. „Aber mir ist nicht an Amber gelegen, deshalb lasst die Amberländer ruhig ihrem Untergang entgegengehen.“

„Halte dich zurück, Kosos“, hörten sie Hagun sagen, in dessen Stimme ein gefährlicher Unterton mitschwang. „Auch wenn es dir so gefiele, werden wir nicht ganz Amber dem Untergang weihen, sondern die Grenzen Konbrogis gegen die Nordleute sichern“, fügte Hagun hinzu. „Dann werden sich die Tandhener die Zähne an unserem Land ausbeißen. Habt ihr sonst noch einen Wunsch, Alasdair Dowell?“, fragte Hagun den König etwas spitz und ziemlich endgültig.

König Alasdair hörte den herablassenden Ton des Fürsten Hagun und fand das Verhalten der Fürsten mit einem Mal kindisch und unklug. Sie wirkten auf ihn wie seine eigenen Kinder, die sich um irgendein Privileg prügelten und von denen keines einen Kompromiss eingehen wollte. Ärger stieg in ihm hoch, doch er beherrschte sich, da er glaubte, er könnte den Fürsten nur mit Gelassenheit begegnen und sie damit für seine Sache gewinnen. Seine anfängliche Unsicherheit wich aber völlig angesichts Kosos albernen Verhaltens und Ewens stärkender Worte. Er erinnerte sich plötzlich seines eigenen Mutes wieder.

„Natürlich habe ich noch einen Wunsch und dergleichen noch mehrere, Fürst Hagun. Seid euch darüber ganz sicher. Wir werden sie alle verhandeln“, sagte er selbstsicher. „Und was eure Haltung zu den Menschen angeht, Fürst Kosos und auch Fürst Ewen, ist sie grundlegend falsch. Ihr habt recht, sie haben euch vielfach enttäuscht, doch auch uns Konbrogi wurde immer wieder von den Amberländern unrecht getan. Aber denkt daran, gerade von eurem Volk mussten wir Jahrhunderte lang die größte Demütigung hinnehmen, die uns Menschen widerfahren konnte, und trotzdem waren wir euch treu und haben uns auf euch verlassen. Denn Loyalität kann nicht völlig durch einen oder mehrere ungerechte Vorgänge zerstört werden. Sie fußt tiefer, auf anderen Grundsteinen. Und vor allen Dingen haben wir euch wieder vertraut, als Fürst Berrex den Vertrag zwischen Menschen und Fürsten missachtet hatte, und ihr ihn mit unerbittlicher Härte bestraftet. Wir Konbrogi haben mit Erstaunen erkannt, dass auch ihr Silven nicht unfehlbar seid. Das brachte uns euch näher, denn wir waren doch bis dahin nur die unmündigen Kinder, die ihr immer nur schützen und bevormunden konntet. Was also die Amberländer betrifft: Gewiss, sie haben euch verraten nach dem letzten Krieg, und doch behaupte ich noch immer, sie verdienen es nicht, jetzt mit einem lästigen Schulterzucken abgetan und zur Seite geschoben zu werden“, antwortete König Alasdair leicht erregt. Er blickte auf die Fürsten und unkontrollierbare Wut bemächtigte sich seiner, obwohl er versuchte, sie zu unterdrücken. Denn er sah nur in ungläubige Gesichter. Sie wollten ihn offensichtlich nicht verstehen. Die Fürsten zogen sich beleidigt in ihre Schneckenhäuser zurück und überließen den Tandhenern das Spielfeld.

„Ach zum Teufel mit diesen ausgesuchten Höflichkeiten, die zu nichts führen, ihr Fürsten“, donnerte er ihnen plötzlich aufgebracht entgegen und seine Stimme erfüllte den ganzen Saal. „Ja, ich wünsche mir den Schutz Konbrogis, der uns zusteht durch euch, Fürst Hagun. Ihr habt euch mehrfach mit uns Menschen eingelassen und seid mit mir und meinem Geschlecht verwandt und mit anderen, die sich hier im Raum befinden. Dies zum einen. Und ich wünsche auch, dass ihr über die Ausweitung des Schutzes auf die ganze Insel Amber nachdenkt, die mit unserem Schicksal verwoben ist. Denn nicht die Isolation führt uns aus der Gefahr, sondern die gemeinsame Anstrengung und die Bündelung unserer Kräfte. Ihr habt euch indessen alle schon von vornherein festgelegt. Ihr wollt keinen Kompromiss an uns Menschen machen. Da sollen doch lieber die Tandhener die Insel einnehmen. Dann können sie schalten und walten, wie sie auch immer wollen. Ihr selbst lehnt euch gelassen zurück und wollt euch nicht einmischen in einen Konflikt, der auf den ersten Blick nur die Menschen betrifft. Das ist der blanke Unsinn und unüberlegt, glaubt mir. Es ist demütigend, euch zuzusehen, wie ihr euch hochmütig zurückzieht, ohne euch auch nur für einen Moment ernsthaft mit den Hintergründen und den Gefahren für alle Bewohner Ambers zu befassen. Ich wiederhole es. Alle Bewohner und dazu gehört auch ihr, ihr großen Fürsten der Nebelländer. Doch euch interessieren die Tandhener nicht und ihre dreckigen Machenschaften, denn ihr glaubt, sie bestimmen nicht über euer Schicksal. Glaubt ihr das wirklich? Habt ihr euch schon einmal überlegt, wie und wo sie vielleicht euren Interessen im Weg stehen könnten?

Nun platzte König Alasdair endgültig der Kragen und das erschien auf den ersten Blick sehr unklug. Keita Morgenan zeigte es ihm mit ihren gänzlich zusammengekniffenen Lippen, die sie immer hatte, wenn sie unzufrieden mit ihm war.

Doch in diesem Punkt irrte sich Keita Morgenan. Denn Fürst Kosos sah zum ersten Mal interessiert auf Alasdair, der immer noch erregt war. Dieser langweilige und behäbige König schien doch noch einen gewissen Schneid zu haben. Seine Worte waren zwar direkt und beleidigend, aber herrlich erfrischend. Sollte sich Kosos in Alasdair geirrt haben? Schließlich wusste er, dass ihn sein Vater unter seinen drei Söhnen als Nachfolger ausgesucht hatte, obwohl Alasdair der jüngste war.

Fürst Ewen machte sich zum Ausbruch des Königs seine eigenen Gedanken. Hier ging etwas vor, das ihnen auch gefährlich werden konnte. Er spürte es schon lange. Sollten die anderen Fürsten so begriffsstutzig sein und es nicht bemerken? Er wollte gerade das Wort an Alasdair richten, als sich Fürstin Cialaes nörgelnde Stimme vernehmen ließ.

„Weiß jemand, wo Berrex geblieben ist? Wir sind nicht vollzählig erschienen. Wir können doch keinen Beschluss zu Amber treffen ohne ihn. Er ist mächtig und grausam. Wenn er nicht unserem Ratsschluss zustimmt, dann wird alles sehr unerquicklich.“

Sie schwieg und sah auf Arano, der in der Mitte des Raumes stand. Er glaubte fast, sie hätte das Wort direkt an ihn gerichtet. Also antwortete er ihr. Er sah vorher noch auf die anderen Fürsten, die unerbittlich schwiegen, und sagte nur knapp: „Berrex hat sich zur Ratsversammlung nicht geäußert. Er wurde eingeladen, hat sich aber nicht bei uns gemeldet. Er wird wohl dem Rat fernbleiben.“ Mehr sagte Arano nicht.

„Nun, das ist kein Verlust“, ließ sich Hagun vernehmen. „Denn seit ihn Ewen in die Verbannung geschickt hat, werden die Körper der Toten nicht mehr missbraucht. König Alasdair hat völlig recht. Berrex hat sich nie im Einklang mit unserem Ratsschluss verhalten. Es wäre unklug, ohne ihn eine Entscheidung zu treffen, aber es wäre sicher auch kein Beinbruch, denn egal, was wir beschließen, er wird diesen Beschluss missachten“, bemerkte Hagun gelassen.

Hagun war nie einer Meinung mit Berrex gewesen und in der Zeit, als Berrex zum Führer der Fürsten gewählt worden war, waren sie unaufhörlich aneinandergestoßen. Hagun war es leid, sich andauernd mit ihm auseinandersetzten zu müssen. Hagun war es auch gewesen, der Ewen dazu gebracht hatte, seine angestammte Macht als Ältester in ihrer Runde zu verwenden, um Berrex und sein Volk für ihre Verfehlungen in die Verbannung zu schicken. Dort in den Bergen lebten sie seit einigen Jahrhunderten. Sie waren alleine und kollidierten hie und da mit den anderen Nebelvölkern, besonders mit Hagun und Kosos. Sie hielten aber eine gewisse Ruhe und man vergaß mit der Zeit Berrex gefährlichen Charakter. Nur Fürstin Cialae, die sowohl in der Gegenwart, als auch in der Vergangenheit lebte, wusste noch, wie mächtig Berrex war und wie schamlos er seine Interessen durchsetzte. Ihre Bedenken waren wohl begründet. Doch auch Kosos lachte wie sein Bruder Hagun über die Einwände Cialaes. So zog sich ein tiefer Riss durch die Gemeinschaft der Fürsten, der immer weiter aufbrach und die Verhandlungen schließlich ins Stocken brachte.

Kosos warf Arano kritische Blicke zu. Denn Arano war es gewesen, gegen den Kosos im Gebirge gekämpft hatte, als die Flüchtenden aus Tamweld ins Land gekommen waren. Er wollte damals verhindern, dass Ilari und Oskar die Grenze überschritten. Auch die anderen Fremden störten ihn. Zudem spürte er die dunkle Gefahr, die mit der Gruppe ins Land zog. Und dieser Grünschnabel Arano hatte es gewagt, sich gegen ihn zu stellen. Das sollte nicht ohne Folgen bleiben. Arano, der die Blicke sah, zuckte nur mit der Schulter. Er wusste damals genau, was er tat, und er sah mit Erstaunen, wie sich die Ratsversammlung nun einer gewissen Lächerlichkeit preisgab. Keiner der Fürsten wich auch nur einen Fußbreit von seiner Meinung ab. Morgen würden sie sich ein letztes Mal treffen, dann wäre das Schicksal Ambers und Konbrogis und, wie er befürchtete, auch das Schicksal der Nebelländer zu ihrem Nachteil beschlossen.

Die Fürsten nickten sich ernüchtert zu und verschwanden alle wortlos wie auf ein unsichtbares Kommando hin. König Alasdair und seine Berater Keita Morgenan und Theodric standen alleine in der Ratshalle, unsicher, wie es weitergehen würde. Auch Keita wusste sich keinen Rat, doch ahnte sie, dass morgen etwas geschehen würde, was die Fürsten aus ihrer selbstherrlichen Sicherheit aufrütteln könnte. In genau diesem Augenblick fasste Alasdair einen Beschluss. Morgen sollten Oskar Ashby und Ilari Thorbjörnson an den Verhandlungen teilnehmen. Wenn die Fürsten auch dann nichts verstanden und endlich zuhörten, wäre alles verloren.

Leana Paeford zog sich einen Umhang über und ging nach draußen. Sie wusste, sie müsste sich jetzt auf den Weg machen, um zum Garten des Tempels zu gehen. Sie hatte ein Verabredung mit Fürst Arano.

„Willst du weggehen, Leana?“, fragte Morwenna, die bei ihr im Zimmer saß und nun sehr erstaunt war, dass Leana mitten in ihrer Tätigkeit innehielt, um sich den Umhang zu greifen. Auch dass Leana niemanden bat mitzukommen, war neu für Morwenna. Denn seit sie Tamweld verlassen hatten, waren sie beinahe jeden Tag zusammen. Unzertrennlich, bis auf Leanas Aufenthalt bei den Heilerinnen. Doch selbst da war Morwenna nicht von ihrem Bett gewichen. Leana lächelte Morwenna zu und verabschiedete sich von ihr.

„Ich habe eine Verabredung. Warte nicht mit dem Essen auf mich, denn ich weiß nicht, wie lange ich weg sein werde.“

„Wen triffst du?“, wollte Morwenna wissen. Aber Leana winkte ab.

„Du bist nicht meine Mutter, Morwenna. Ich komme heil wieder, das musst du mir glauben. Mehr musst du nicht wissen.“ Sie nickte ihr noch einmal kurz zu und verschwand durch die Tür.

Morwenna fand es ganz merkwürdig, dass Leana plötzlich so geheimnisvoll tat, und noch als sie sie die Stufen hinabsteigen hörte, beschloss Morwenna, ihr zu folgen. Sie hatte plötzlich Angst, dass sich vielleicht Edbert in das Land geschlichen haben könnte oder sogar in Wallis wäre. Obwohl sie doch wusste, dass Wallis nicht gefunden werden konnte, außer von den Konbrogi selbst oder den Fürsten des Nebels. Trotzdem wurde sie nicht ruhig und öffnete die Türe, um Leana zu folgen.

Leana beeilte sich, denn sie war auf eine eigentümliche Art unruhig. Sie spürte, seit sie gerettet worden war, wundersame Dinge. Sie erahnte Geschehnisse, die sich dann tatsächlich ereigneten. Konbrogi veränderte sie. Nicht nur war sie feinfühliger und waren ihre Sinne schärfer geworden, auch ihr Äußeres veränderte sich. Sie hatte es anfangs nicht glauben wollen, als Morwenna behauptete, ihre Haut hätte einen eigenartigen, silbrigen Glanz. Aber es war so und es wurde immer schlimmer. Leanas Haut glich nun der der Silven. So wie Aranos Haut einen silbrigen, fast durchscheinenden Glanz hatte. Er passte ausnehmend gut zu seinen hellblonden Haaren und seinen schwarzen Augen. Doch bei ihr wirkte es fremd. Anfangs war Leana entsetzt, doch dann tolerierte sie die helle Blässe und seit einigen Tagen hielt sie sie für ein Zeichen. Ein gutes Zeichen wohlgemerkt. Denn sie sah, wie Arano ihre Wangen berührte. Sie wusste in diesem Moment, dass sie für ihn schön war und begehrenswert. Sie war erstaunt, für jemanden wie Arano, dem großen Fürsten der Verwandlung, ein Herzenswunsch zu sein. Diese Dinge gingen ihr durch den Kopf auf dem Weg zu den Gärten. Als sie dort ankam, stutzte sie und fragte sich, was sie als nächstes tun sollte. Da spürte sie eine kühle Hand auf der Schulter und es begrüßte sie Aranos dunkle Stimme.

„Sei gegrüßt, Prinzessin Leana.“

Ihr Herz wummerte plötzlich unablässig, es wollte sich gar nicht mehr beruhigen, und ehe sie sich umsah, stellte ihr Arano eine Frage.

„Möchtest du mein Reich kennenlernen, Leana Paeford?“

Leana nickte und drehte sich zu ihm um. Da trafen ihre Augen seinen Blick und plötzlich fühlte sie sich, als könnte sie fliegen. Als sie um sich blickte, sah sie von oben auf die Welt herab. Sie saß auf einem weißen Kranich, der hoch in den Lüften schwebte. Sie spürte keine Furcht. Es gefiel ihr, die Welt von oben zu betrachten. Morwenna, die dicht hinter Leana hergelaufen kam, sah mit Verwunderung, wie sich Leana plötzlich in den Lüften auf einem weißen Kranich befand. Er stieg mit ihr immer höher, bis sie in den Wolken am Firmament verschwand. Bin ich verrückt geworden, fragte sich Morwenna, aber sie war alleine und erhielt keine Antwort. Jedenfalls sah das alles nicht nach einem Verrat Edbert von Turgods aus. Leana ist wohl in Sicherheit, aber unerreichbar für mich, dachte sich Morwenna und trauerte um die Freundin. Doch sie ahnte, es wäre nicht die letzte Trauer um Leana.

Leana sah noch eine Weile fasziniert auf die Welt herab, dann fragte sie sich, ob sie auf dem Weg zu Arano wäre.

„Wir sind es, Leana, du sollst meine Heimat gleich sehen. Zuerst wollte ich dir die Welt aber aus einer anderen Sicht zeigen“, sagte Arano.

Da stand Leana wieder auf der Erde und einem riesigen roten Wolf gegenüber. Er schien zu lächeln. Als sie merkte, wie er ihr anbot, auf ihm zu reiten, nahm sie sein Angebot an und er ritt mit ihr über die Felder und die Berge Konbrogis. Es ging alles wunderbar schnell, als wäre Arano in der Lage, mit einem Fingerschnippen von einem Ort zum andern zu kommen. Leana wusste, der Wolf war Arano, denn er war der Fürst der Verwandlung. Nur dass alles so schnell an ihr vorbeizog, wunderte sie.

„Nicht ich bin es, Leana, der dich so vorwärts treibt. Es sind deine Wünsche, die dich überall hin bringen.“ Arano sprach zu ihr trotz der eiligen Schritte.

Leana lächelte, sie hatte begriffen. Deshalb wünschte sie sich, Aranos Zuhause zu sehen und auch dies wurde ihr sofort gewährt. Sie stand einen Augenblick später in einem gläsernen Schloss, das kühle, weiße Mauern in seinem Innern hatte, sowie silberweiße Fußböden und lichthelle, hohe Decken. Es mutete alles still und frisch an. Die vielen, großen Hunde, die Arano begrüßten, wirkten wie fehl am Platz, denn sie waren so völlig lebendig und farbig. Sie liefen auf einen Wink ihres Herrn zusammen über die bunten Wiesen und schillernden Felder, die sich vor dem Schloss ausbreiteten. Der Himmel in Aranos Reich war grün und die Sonne am Himmel, die in ihrem Zenit stand, leuchtete rot wie ein glühender Feuerball. Als die Sonnenstrahlen auf das Schloss trafen, wurden die Räume mit rotem Licht überflutet und das warme Licht wärmte die, die sie bewohnten.

„War es schon immer so hier in deinem Reich?“, fragte Leana den Fürsten und konnte sich nicht sattsehen an allem, was sie umgab.

„Vom Anbeginn der Welt und so soll es bleiben, denn mir gefällt es, hier zu leben. Könntest du hier leben, ohne dich nach deiner Heimat zurückzusehnen? Dir nicht mehr zu wünschen, irgendwann für immer dorthin zurückzukehren? Oder würdest du vor Gram hier in meiner Welt versterben? Würdest du mit mir hier leben, zusammen als Mann und Frau?“, fragte Arano Leana. Als sie erkannte, dass er ihr eben einen Heiratsantrag gemacht hatte, nickte sie nur, immer und immer wieder. Denn sie war sprachlos, gänzlich unfähig, ihre einfache Antwort in Worte zu fassen. Da nahm Arano sie glücklich in seine Arme und band sich an diesen einen Menschen in der Hoffnung, sie niemals mehr zu verlieren bis an das Ende der Tage der Welt.

Als Leana wieder sprechen konnte, antwortete sie ihm.

„Doch, Arano, würde ich gerne öfter in meine Welt zurückkehren, nicht um dich zu verlassen, sondern um meine goldene Sonne zu spüren und die Blumen zu sehen, die in meinen Farben dort wachsen. Ich fürchte, ich könnte schlecht auf sie verzichten, auf die Welt Ambers und ganz sicher die Welt Dinoras. Denn ich wünsche mir, trotz meiner Liebe zu dir, dann und wann meine Eltern zu sehen. Das wären meine Wünsche, ansonsten kannst du über mich verfügen, wie du möchtest, denn ich liebe dich mehr, als ich alles andere jemals zuvor geliebt habe. Glaube es mir.“

Sie schwieg und nahm das Gesicht Aranos in ihre Hände. Da bemerkte sie, dass ihre Hände die gleiche silberne Blässe hatten wie Aranos Haut. Er sah es auch und lächelte.

„Du scheinst dich auf Dauer in eine von uns zu verwandeln. Das liegt an deiner Erkrankung und der Art, wie dich Keita und ich geheilt haben. Du hast schon die ersten Schritte in die Verwandlung zur Unsterblichkeit getan. Das ist schön, denn dann kannst du wie ich die Unsterblichkeit erringen, wenn du möchtest“, bat er sie beinahe schon. Denn er fürchtete schon jetzt, sie an den Tod zu verlieren. Was sind schon einige Menschenjahre verglichen mit der Lebensspanne eines Silv. Arano würde ihr die Unsterblichkeit schenken und ihren Kindern. Er hoffte darauf, dass sie nicht eines Tages in tiefe Trauer verfiele und trotzdem starb, wie es seine erste Frau getan hatte. Bei Leana hoffte er auf ihren Verstand. Aber er sorgte sich umsonst, denn Leana freundete sich in jugendlicher Sorglosigkeit mit der Ewigkeit an und versprach ihm, niemals zu sterben, wenn er ihr ihre wenigen Wünsche erfüllte.

„Vielleicht will ich eines Tages gar nicht mehr in meine Heimat, aber bis dahin muss ich frei wählen können, sonst würde ich vor Kummer vergehen. Kannst du dir das vorstellen?“, fragte sie Arano. Und Arano nickte. Er wusste, wovon sie sprach. Er würde nicht den gleichen Fehler noch einmal begehen, jetzt an den Toren seines ewigen Glücks. Er begriff nun durch Leanas einfachen Wunsch, dass ihre Heimat Amber erhalten werden musste um jeden Preis, denn nur so würde er sein Glück erhalten. Deshalb würde er morgen in den Verhandlungen sein ganzes Gewicht in die Waagschale werfen zur Rettung Ambers. Denn für den Fürsten der Verwandlung ging es dabei um nicht weniger als sein Lebensglück.

So kam es, dass Leana Paeford, Bornwulfs jüngste Tochter und ein Kind Dinoras, zum wichtigsten Verhandlungspfand für die wunderbare Bernsteininsel wurde. Denn Fürst Arano, der sie vom ersten Augenblick in sein Herz geschlossen hatte, machte seine künftige Einstellung zu den Amberländern von ihrem Verhalten abhängig. Es war gut, dass dieses junge Mädchen nichts von seiner Verantwortung wusste.

Ihr Auftreten seiner Welt gegenüber war frei von Vorurteilen und alten Abneigungen. Unbekümmert und freimütig trat sie Arano entgegen und Arano verliebte sich immer stärker in sie. In ihre dunkle Wildheit, ihr fröhliches Lachen und ihre offene Zuneigung.

Morgen er würde um die Freiheit der Amberländer und um sein Glück kämpfen. Fürst Arano hatte ein Ziel und er würde es erlangen.