Neues von den Nebelländern

Juli 2, 2016
Thea Perleth

Edbert von Turgod

„Nein, Vater, lass‘ mich mit dir gehen“, rief der zehnjährige Edbert mit angstvoller Stimme. Seine Worte hallten den langen, feuchten Flur entlang, der aus dem grauen Verlies führte. Er geriet in Panik, als er vom Vater ins finsteren Kerkerloch gesperrt und verlassen wurde. Doch einigen Augenblicke später hörte Edbert das eiserne Tor einrasten. Ein hoher, schneidender Ton von Metall auf Metall schnitt sich ihm in die Brust und ließ seine Kinderseele erzittern. In Wellen erschauderte sein schmaler Kinderkörper, der noch von den grausamen Schlägen brannte, die der Vater ihm mit dem breiten Lederriemen zufügt hatte.
Die Ohnmacht, die Edbert spürte, als er vom Vater über den Tisch gezwungen wurde, war so erniedrigend für ihn, dass er sich schließlich selbst hasste. Edbert spürte die harte Hand, die ihn mit der Brust auf die kantige Tischplatte zwang und vergaß nach dem zehnten Schlag mitzuzählen. Sein Körper war nur noch flammender Schmerz. Er biss anfangs tapfer die Zähne aufeinander. Er gönnte dem Vater nicht, seine schmerzverzerrte Stimme zu hören. Doch weil der Vater mit den Schlägen nicht nachließ, entwich ihm zuerst ein leises Wimmern, das sich zu den Schreien eines gemarterten Kindes steigerte. Edbert hörte die eigene Stimme in seinem Kopf dröhnen, bis er fast einer Ohnmacht nahe war. Erst da ließ der Vater ab von ihm und zwang ihn, ihn anzusehen. Der alte Ellis von Turgod, Herzog von Turgod und Nachkomme der Könige von Dinora, schnitt nach einigen Sekunden eine zufrieden Grimasse. Er hatte die Demütigung des eigenen Sohnes in dessen Augen gesehen. Endlich spürte Ellis die Macht, die er über den Sohn hatte bis in sein Herz. Edbert war ihm hilflos ausgeliefert, er musste zu allen Zeiten die Erniedrigungen erdulden, die der Vater für ihn übrig hatte. Jetzt musste der Junge nur noch in den eisigen Kerker und hätte die Tortur wieder hinter sich.
Langsam gewöhnten sich Edberts Augen an die schale Finsternis, die ihn umgab und ihm den Atem raubte. Es roch nach modriger Erde und rührte an der Angst, einmal lebendig begraben zu werden. Ratten, die hier ihr Dasein fristeten, liefen ihm quiekend über die Füße und verloren ihre Spur in der Dunkelheit der feuchten Ecken des Kerkers. Edbert tat erschrocken einen Sprung zur Seite und stieß sich heftig an einem Mauervorsprung den Kopf. Er taumelte und fiel der Länge nach zu Boden. Erst dachte er, ihm sein nichts geschehen, doch sofort glitt Dunkelheit über seinen Geist und er wurde erst wieder wach, als jemand nach ihm rief. Edbert konnte nicht antworten. Seine Waden taten ihm weh. Ein klarer scharfer Schmerz schnitt sich in sein Bewusstsein und ließ ihn nur jammern. Er war ganz Schmerz und begriff nicht, woher der Schmerz rührte. Da hörte er, wie die Türe des Kerkers aufgeschlossen wurde. Er spürte eine warme Hand, die ihm unter die Schulter griff, und dann noch eine, die ihm half sich aufzurichten. Die Person sagte nichts, doch er hatte die Stimme erkannt. Es war der Bastard des Vaters, sechs Jahre älter als er und der Sohn einer Dienerin aus Konbrogi. Er mochte ihn nicht und hatte auch keine brüderlichen Gefühle für ihn übrig. Doch jetzt ließ Edbert sich von ihm helfen. Er war so tief gesunken, die Unterstützung eines Bastardes anzunehmen. Tiefer konnte ein Turgod kaum fallen.
Kurz darauf spürte Edbert das Tageslicht auf seiner Haut und seine Augen blinzelten in die warme Sonne, die ihn freundlich umhüllte. Doch als sie den Hof hastig überquerten, wusste Edbert, dass der Halbbruder ihn in die dunkle Küche führte. Sie war für ihn tabu. Hier herrschte die Köchin, die ihn verabscheute und ihm nur half, weil sie vom Bruder gebeten wurde. Es war stets dieselbe Prozedur. Sie strich eine dicke, stinkende Salbe auf seine Wunden und ließ ihn wegbringen, so als ertüge sie die Anwesenheit eines Turgod in ihrer Küche nicht. Edbert schwor ihr finstere Rache. Doch jetzt ließ er sich in das Bett seines Bruders bringen, in dem er bis zum nächsten Morgen lag und schlief. Als Edbert erwachte, stützte er sich auf und fing an, seine Wunden zu prüfen. Er stellte mit Freude fest, dass alle am Verheilen waren. Er zog die frische Kleidung an, die wie üblich auf dem Stuhl neben dem Bett lag, und machte einige tastende Schritte. Es ging. Er konnte das Zimmer des Bruders verlassen. Er lief zur Burg und betrat die dunkel Halle, die sommers wie winters kalt und abweisend war. Der Vater saß an einem Schreibtisch und besprach seine Geschäfte mit seinem Verwalter. Ellis warf nur einen kurzen Blick auf seinen Sohn. Er vergaß, ihn genauer in Augenschein zu nehmen.
„Das ist ein Fehler“, murmelte Edbert vor sich hin und ging ohne ein weiteres Wort zu sagen auf sein Zimmer. Dort rief er nach der Dienerin, die ihm einen Krug Wein und zwei Gläser bringen sollte. Er schickte das dumme Ding sofort wieder weg und trat an das Fenster heran. Dort griff er in einen schmalen Zwischenraum und ertastete mit seinen kalten Kinderhänden eine kleine Flasche, die mit einem Korken aus Wachs verstöpselt war. Er entkorkte sie und roch daran. Ein bösartiger, giftiger, bitterer Geruch entströmte dem winzigen Fläschchen, das er letzten Winter von einem herumziehenden Gaukler erhalten hatte. Er wusste, es war ein Mittel, das einem Herzkranken sofort Linderung verschaffte. Doch wenn man dem Kranken zu viel Tropfen bemaß, konnte es leicht geschehen, dass das Herz es nicht vertrug. Im schlimmsten Fall wäre der Kranke nach einer quälenden Nacht tot. Edbert hatte seine ganzen Ersparnisse aufgebracht, um das kleine Fläschchen zu erwerben. Und heute sollte es eingesetzt werden. Der Vater hatte in seiner Lust übertrieben, ihm Schmerzen zuzufügen. Das Maß war für Edbert voll. Es war Zeit für eine klare Abrechnung. Edbert zählte die sieben Tropfen, die der Gaukler ihm angewiesen hatte für einen kräftigen Mann, in das Glas und fügte dann noch einmal die Hälfte dessen hinzu. So würde der Vater einen Herztod erleiden, wenn er mitten in der Nacht in seinem Bett lag. Er sollte nicht tagsüber sterben, wenn alle ihm zur Seite stehen konnten. Der Vater sollte einsam und alleine sterben, wie er es im Leben auch war. Ein einsamer, herzloser Tyrann, dem die Qual anderer Menschen die allergrößten Freuden bereitete.
Ellis trank vom Wein, den der Sohn ihm in das Schlafzimmer gestellt hatte. Edbert wusste, der Vater würde den Krug vor dem Schafengehen leeren. Um den Moment nicht zu verpassen, an dem der Vater seinen letzten Atemzug tat, drückte sich Edbert erwartungsvoll in den Lücken des Flures herum, bis er ein eindeutiges Stöhnen und Poltern aus dem Schlafgemach des alten Herzogs hörte. Edbert begann zu lächeln. Er ahnte, dass sein Plan aufgegangen war. In aufgeregter Erwartung lief er ungesehen zur Türe, öffnete sie zügig und trat in den dämmrigen Raum. Ellis ließ zum Einschlafen stets eine kleine Kerze herab brennen. Die Diener frotzelten, der Alte hätte Angst vor der ewigen Finsternis. Als Edbert tiefer in das Gemach trat, warf das flackernde Licht der zitternden Flamme lange Schatten durch den Raum und Edbert musste sich anstrengen, den Vater zu finden, der nicht mehr im Bett lag, wie es der Junge erwartet hatte. Erst als Edbert seinen ungeduldigen Blick über den Boden gleiten ließ, erkannte er die gekrümmte Gestalt eines kleinen, beleibten Mannes auf dem Boden, der sich in unheilvollen Krämpfen wand. Ellis konnte nur noch stöhnen, zu mehr war sein geplagte Körper nicht mehr fähig. Edbert beeilte sich, stürzte förmlich zum Vater, um ihm noch ein letztes Wort ins Ohr zu hauchen. Er hoffte, dieser würde es mitnehmen in den Tod, dem er fast erlegen war.
„Stirb Teufel, fahr zur Hölle“, gab er dem irrsinnig Stierenden mit auf dem Weg. Zuerst befürchtete Edbert, der Elende hätte die Worte nicht mehr verstanden. Als er aber, wie es der Vater immer getan hatte, den Blick des Herzogs in seinen Augen bündelte, sah er das abgrundtiefe Entsetzten in dessen Augen, als der Tod ihn griff und mitnahm in die ewige Höllenfinsternis. Die Kerze tanzte ein letztes flimmerndes Flackern und erstarb. Als Edbert in Dunkelheit gehüllt war, lächelte er und fürchtete sich zum ersten Mal nicht mehr vor der undurchdringlichen Finsternis, die ihn umgab.

Juni 29, 2016
Thea Perleth

Morwenna von Falkenweld

Falkenwelds dunkle Nacht

„Feuer! Rettet euch!“, gellte ein schneidender Schrei über die Burg Falkenweld. Die Herzogin lag aufgeschreckt in ihrem Bett. Ihr Blick glitt zu ihrem neugeborenen Kind hinüber. Sie hatte vor sechs Stunden ein kräftiges Mädchen entbunden und war glücklich in die Kissen zurück gesunken als sie es lebend in die Arme geschlossen hatte. Endlich hatte sie ihre Aufgabe erfüllt und dem Herzog Kasto von Falkenweld ein lebendes Kind geboren. Eines, das das Erbe derer zu Falkenweld fortführen konnte. Wenn es auch nur ein Mädchen war, wie Kasto mit verzogener Miene feststellte.
„Nur ein Mädchen, seid ihr verrückt“, murrte die Hebamme. Doch Kasto hatte ihre Worte gehört.
„Was mischt du dich in die Dinge ein, die dich nichts angehen, Weib. Dein Dienst an der Herzogin ist zu Ende. Pack‘ dich, sofort“, warf ihr Kasto zornig entgegen.
„Es lebt, euer Kind, Herzog. Seht es von dieser Seite“, entgegnete sie dem riesigen Mann, der sich lieber einen Sohn gewünscht hatte. „Ihr habt in den letzten vierzehn Jahren noch kein Kind lebend von eurer Frau geboren bekommen. Nun ist die Nachfolge auf Falkenweld gesichert und eurer Neffe muss sehen, wo er sich betten kann, wenn er alles Geld seiner Eltern versoffen und verhurt hat und wieder kommt, um euch zu beerben. Ein feiner junger Mann ist er. Einer ganz nach eurem Geschmack. Doch ihr müsst ihn nun heim schicken. Ihr habt nun eine Erbin. Ob euch das gefällt oder nicht. Seht nun zu, dass ihr geht und die Brände löscht, damit noch etwas zum Vererben da ist für eure Tochter, der zukünftigen Herzogin von Falkenweld, mein Herr“, setzte die wütende Hebamme hinzu. Sie sah in das zornentbrannte Gesicht des Mannes, dessen aufschäumende Wut im ganzen Land bekannt war. Der Zorn überwältigte Kasto von Falkenweld. Hätte nicht die Burg in Flammen gestanden, Weda hätte diese Nacht nicht überlebt. Er hielt die Hand nach einem kurzen Zucken zurück, als ein Diener zur Türe hereinstürmte. Gut so, dachte Weda, sonst hätte ich den Hieb aushalten müssen, den meine Worte herausgefordert haben. Kasto sah sie wütend an und ging. Noch aus den Augenwinkeln sah sie Kasto einen letzten mürrischen Blick auf das Lager seiner Frau werfen. Doch Weda macht sich frei von Kastos Wut. Als sie die Herzogin anblickte, wusste Weda, dass die Wöchnerin diesen Blick gesehenen hatte. Sie erstarrte unter ihm. Weda richtete freundliche Worte an sie, damit sie so schnell wie möglich Kasto vergaß.

„Soll er gehen, Herrin. Er hat heute Nacht noch eine Aufgabe. Er muss sein Erbe retten. Ihr solltet euch langsam anziehen und das Schloss verlassen. Euer Kind ist in Gefahr.“ Sie trat auf die schwache Frau zu und half ihr aufzustehen. Als die Herzogin kurz stand, sank sie geschwächt in die Federn zurück.
„Ich schaffe es nicht, Weda“, sagte die Herzogin erschöpft. Weda, die Hebamme, schüttelte den Kopf. Sie ging an das Bett des Säuglings, der ruhig schlief und kniff ihn. Erschreckt schrie das Mädchen auf und seine Stimme jagten der Mutter Schauer über den Körper.
„So wird es schreien, wenn ihr es nicht aus der Burg hinausführt. Ihr müsst fliehen“, sagte Weda eindringlich und packte die Mutter am Arm. Sie zog sie aus dem Bett und half ihr sich anzuziehen. Nur ein Unterkleid, das musste reichen. Dann wickelte sie das Kind in eine Decke und hielt es auf dem linken Arm. Die Herzogin indessen griff sie mit ihrer rechten Hand und zog sie hinter sich zur Türe hinaus. Sie liefen langsam aber beständig den Flur entlang, bis sie zu der Treppe kamen, die die Herzogin zögerlich musterte.
„Das schaffe ich nicht, Weda“, sagte sie verzweifelt. „Nehmt das Kind und geht ohne mich.“
„Den Teufel werde ich tun, Frau. Ich lasse meine Wöchnerinnen nicht zurück. Selbst wenn es Herzoginnen sind“, stellte Weda verärgert fest. Ihr Blick streifte die Augen der Herzogin, die sich ein Lächeln abzwang und nach einem tiefen Seufzen folgte sie mit schwerfälligen Schritten der Hebamme. Sie kamen nach unten in die Halle, in der die Diener geschäftig hin und her liefen. Sie hatten von Herzog Kasto die Anweisung erhalten, alle Wertgegenstände auf den Hof hinaus zu bringen.
„Was soll das“, rief Weda. „Lasst alles stehen und liegen und rennt um euer Leben. Am besten lauft ihr hinaus aus der Burg, vor die Wassergräben, dort seid ihr sicher“, rief sie und schob eine junge Magd zur Türe hinaus. Alle hielten erstaunt inne und sahen auf die Herzogin, die mit blassem Gesicht und ernster Miene auf der Treppe stand.
„Ihr habt Weda gehört. Lasst den Kram liegen und flieht. Euer Leben ist wichtiger.“ Die Diener verharrten noch eine Sekunde und liefen dann sofort los. Ein älterer Diener ging die Treppe hoch zur Herzogin und griff sich ihren Arm.
„Kommt, Mylady, ich stütze euch. Wir werden gemeinsam überleben.“
Die Herzogin lächelt. Als Weda mit dem Kind aus der Tür hinauslief, sah sie noch den Alten mit der Herzogin die große Halle Falkenwelds verlassen. Draußen jedoch schimmerte der Himmel rot glühend. Er warf die flackernden Lichter der Flammen zurück und der Himmel schien ebenso zu brennen wie die Burg Falkenweld. Weda lief mit dem Kind weiter über den hell erleuchteten Platz zum Burgtor. Sie sah hinter sich den Diener, der die Herzogin herausführte und war zufrieden. Ihre Freundin Telja, die Köchin, stand dort. Sie hatte sie heute Abend rufen lassen, als die Herzogin und eine bratanische Dienerin in den Wehen lagen. Jetzt lief sie mit ihrem Gesinde und einigen Küchengeräten zum Tor hinaus. Sie rannten alle und Weda drehte sich ein letztes Mal nach der Herzogin um. Da sah sie, wie Herzog Kasto seine Frau am Arm zog und mit ihr auf die Stallungen zulief. Sie erreichten den Stall zügig und verschwanden schließlich dort im seinem Inneren.
„Nimm du das Kind, Telja“, sagte sie nervös und übergab der Köchin das Mädchen. Sie selbst lief zum Diener, der langsam zu Tor kam.
„Was ist geschehen“, fragte sie ihn atemlos. Der Diener stand staunend vor ihr und starrte entsetzt auf das rote Inferno, die hinter ihm innerhalb der Burgmauern ausbrach.
„Kasto hat sie einfach von mir weggerissen“, stammelte er und schüttelte den Kopf. „Sie wird zu schwach sein, um noch vor dem Feuer davonzulaufen. Wie soll es nur gehen? Was will dieser herzlose Mann von ihr? Sie ist so gut. Sie hat diesen Tyrann nicht verdient“, sagte er. Doch Weda ließ nicht locker.
„Wozu hat er sie geholt? Sprich endlich“, herrschte sie den Diener an, der sich zusammenriss und sie schließlich direkt ansah.
„Sie soll sich die Stallung ansehen und mithelfen, wenn das Feuer übergreift. Es sei ihre Pflicht als Herzogin“, sagte der Diener und traute seinen eigenen Worten nicht, die jedoch die selben waren, die der Herzog gebraucht hatte. Weda runzelte die Stirn.
„Was hat er vor, der Hund“, murmelte sie. Dann sah sie den Alten.
„Geh und komme erst wieder, wenn alles vorbei ist. Ich werde laufen und versuchen, die Herzogin herauszuholen.“ Weda sagte kein Wort mehr und lief zu den Stallungen der Burg.
„Mach das nicht, Frau“, rief der Alte. Doch als er mehr sagen wollte, nahm ihm die rauchige Luft den Atem. Er stutzte, kehrte um und lief zum Tor.
Weda hatte den Platz bald überquert und erreichte die Tür der Stallung. Sie hörte den Herzog und die Herzogin darin streiten.
„Ich will, dass du da bist, Frau, wenn das Feuer kommt. Wir werden nicht weglaufen wie die erbärmlichen Diener, die du hinaus geschickt hast aus der Burg, damit sie ihr Leben retten“, rief Kasto und griff die Herzogin fester am Arm, als sie fliehen wollte. „Du bleibst und wirst nun mutig sein.“
„Lasst eure Frau gehen, Herr“, sagte der Verwaltern, der mit den Männer kam, um den Stall zu sichern. Er sah Weda herumstehen und schickte Burschen mit Wasserkübeln auf das Dach des Stalles, um es zu nässen. „Wir sollten jetzt gehen. Weda, die Hebamme, hat recht. Der Stall ist nicht mehr sicher.“ Er schickte Weda weg, um seine Arbeit erledigen zu können. Doch Kasto stand wie ein Fels in der Brandung und ignorierte den beißenden Brandgeruch, der seiner Frau den Atmen nahm und sie zu Hustenkrämpfen zwang. Kasto sprach weiter, doch sie hört ihn nicht mehr. Die Herzogin versuchte, frische Luft in ihre Lungen zu pumpen, doch stattdessen war es giftiger Rauch, der sie fast ohnmächtig werden ließ. Ihre letzten Gedanken gehörten dem Kind, das sie in dieser Nacht geboren hatte. Da keimte in ihr ein unbekannter Wille auf und bemächtigte sich ihrer. Sie schöpfte erneut Hoffnung und drängte mit den letzten Resten ihrer Luft zur Türe hin. Sie sah den Ausgang schon vor sich, den sie mit ihren schwachen und zitternden Schritten fast erreicht hatte. Da fühlte sie den festen Griff ihres Mannes am Arm, der sie vor dem Ziel zurückhielt. Kasto grinste sie an und holte mit der Hand aus, um sie zu schlagen. Kurz zuckte er zurück, dann traf sein Schlag ihr Kinn und sie sank getroffen zu Boden. Sie war fast bewusstlos. Als sie vor ihm lag, warf er ihr einen angewiderten Blick zu.
„Bleib dort liegen, Weib. Du taugst zu nichts. Sieben Kinder hast du tot geboren. Alle kurz vor dem Ende der Schwangerschaft und es waren allesamt Jungen. Das einzige Kind jedoch, das überlebt hat, ist ein Mädchen. Ich verachte dich dafür. Du sollst sterben“, sagt er wütend und warf eine Blick auf den Verwalter, der ihn am Arm zog.
„Wir müssen hinaus“, rief er und versuchte, die kraftlose, weinende Frau vom Boden zu heben. Er schaffte es nicht. „Helft mir, Herr. Sie wird sonst verbrennen. Ihr könnt nicht eurer Weib den Flammen überlassen.“
„Doch, das kann ich. Wir beide werden hinausgehen. Lass dich nicht aufhalten, wenn du zu ängstlich bist. Geh ruhig zuerst. Ich komme gleich nach“, sagte Kasto gereizt. Er warf dem Verwalter einen Blick zu, der keinen Zweifel über seine Absichten aufkommen ließ, und darüber, was er von seinem Verwalter erwartete. Der Verwalter schüttelte den Kopf und trat aus der Türe hinaus. Was gingen ihn die Dinge eines Herzogs an. Er wollte nicht wissen, was dort geschah. Doch gleich darauf hörte er einige dumpfe Schläge auf einen Menschenkörper. Er konnte sich denken, wem sie galten. Erbarmungslos schlug der gereizte Herzog auf seine Frau ein. Das war ihr Todesurteil.
„Das ist ihr Ende“, murmelte er vor sich hin, „So stirbt eine tapfere Herzogin. Sie hat diesen Tod nicht verdient.“
„Was murmelst du, Mann?“, fragte ihn einer seiner Leute, als er im Freien stand.
„Nichts“, herrschte ihn der Verwalter an. „Kümmere dich um deine Angelegenheiten. Nässt das Dach, damit es nicht einstürzt.“
„Dafür ist es zu spät, mein Herr. Es hat schon Feuer gefangen. Es brennt lichterloh. Seht doch nur selbst.“
Da sah der Verwalter zum Dach hinauf, das hell lodernd brannte. Und gerade als er zurück laufen wollte, den Herzog zu retten, der auf die Türe zu hastete, stürzten die Balken des Daches ein und verschlossen grausam knisternd den Eingang zu den Stallungen. Der Herzog stand hinter dem brennenden Inferno und sein Blick glitt verwundert auf die Flammen, die sich in Windeseile bis zu ihm fraßen. Der Verwalten und ein Diener starrten gebannt auf den Herzog. Sie sahen den schreienden Mann in Flammen stehen und sich winden, als ein Knarren und Reißen durch das Gebälk zog und sich krachend auf dem Herzog entlud. Gemeinsam mit ihnen stürzte der Mann zu Boden und brannte hell lodernd bis der Stall nur noch einem brennenden Scheiterhaufen glich. Keiner konnte diesem Brand entfliehen und endlich verstummten die verzweifelten Schreie des Herzogs, die über die Flammen hinaus ihren Weg zu ihnen fanden.
Der Brand wurde bis zum Morgen eingedämmt und Falkenweld war gerettet. Als der Verwalter am nächsten Mittag die noch heißen Überreste des Stalles betrat, hoffte er die verkohlten Überreste seiner Herrschaft zu finden, um sie zu beerdigen. Doch die schwarzen Reste des Pferdestalles gaben nur die verbrannten Gebeine des Herzogs frei.
Die Gerippe der Herzogin waren nicht auffindbar und auf dem Gut Falkenweld machte sich nach einige Zeit der Gedanke breit, die Herzogin hätte das Inferno überlebt und wäre aus dem Flammenmeer geflohen und kehrte aus Gram nie mehr wieder.
„So ein dummes Geschwätz. Hört auf damit, diese Geschichten zu spinnen“, versuchte es der Verwalten immer wieder. „Die Hitze der Flammen war so groß, dass sie die Herzogin vollständig verbrannten.“ Er konnte ihnen nicht sagen, dass sie geschlagen und bewusstlos auf dem Boden lag, bevor der Stall über ihr zusammenbrach. Sie war nicht fähig zu fliehen, wie es die Diener hofften, die sich ein besseres Schicksal für ihre stille und freundliche Herrin wünschten. Das Volk blieb bei seiner Fassung der Geschehnisse. Sie ließen nicht ab von ihrer Vorstellung und mit der Zeit wurde es zur Wahrheit im Volk. Dagegen war der Verwalter machtlos. Die Mär wurde hinaus ins Land getragen.
Doch Morwenna hörte davon nichts. Auch später nicht. Denn die Geschichten über ihre Mutter drangen nicht bis Tamweld an den Hof Bornwulfs vor.
Morwenna überlebte in den Armen der Köchin Telja, die das Kind in dieser Nacht sicher barg.
„Sie hat keinen Namen, Telja“, sagte die Hebamme zu ihr, als sie das Kind schlafen sah.
„Dann müssen wir ihr einen geben, Weda. Wir wäre es mit Morwenna? Es kling schön und freundlich. So wie das Wesen des Kindes ist. Siehst du nicht, wie vertrauensvoll sie hier schläft inmitten der Tragödie um ihre Eltern?“
„Ja, sie soll Morwenna heißen. Morwenna von Falkenweld“, murmelte Weda, der alles gefiel, wie es war. Nur nicht der Tod ihrer Herrin, der Herzogin von Falkenweld.
Zwei Tage später wurde das Kind mit seiner Amme nach Tamweld an den Hof geschickt, wo sie als Mündel der Königin Eadgyth aufwuchs und dort ihre schönsten Jahre verbrachte. Bis sie als sechzehnjähriges Mädchen zum ersten Mal Ilari Thorbjörnson begegnete.

Juni 27, 2016
Thea Perleth

Oskar Ashby

Oskar Ashby ist das Mündel des Königs Bornwulf Paeford von Dinora. Er lebt an dessen Hof und wird von ihm wie die eigenen Kinder erzogen. Oskar hat einen unbekümmerten und aufbrausenden Charakter und ist immer gut gelaunt. Bräche der Himmel über ihn zusammen, fände er noch etwas Gutes daran. Als halb nordländischer Bastard wird er von der Bevölkerung der goldenen Stadt Tamweld abgelehnt. Obwohl er von König Bornwulf und Königin Eadgyth gefördert wird, kann er sich nicht seine Stellung innerhalb des Adels sichern. Bei der Dienerschaft jedoch ist er hoch angesehen.

Besonders die Köchin Hildburg liebt ihn wie einen eigenen Sohn. Die große Küche Hildburgs ist für ihn wie ein zweites zu hause.

Als er sieben Jahre alt ist wird seine Erziehung von den Priestern des Tempels in Tamweld übernommen. Gemeinsam mit den Söhnen des Adels lebt er innerhalb der Tempelmauern und wird mit seinem Erzfeind Edbert von Turgod unterrichtet. Der trockene Unterricht liegt dem temperamentvollen Oskar nicht. Er kann sich nicht anpassen und ruft dadurch die Ablehnung der adeligen Söhne hervor. Die Feindschaft Oskars mit Edbert gründet sich auf einen schwelenden Konflikt zwischen den Jungen der Priesterschule, der nach Jahren in denen Oskar von Edbert gequält wird, in einem Kampf auf Leben und Tod endet. Edbert ist zwar fast drei Jahre älter als Oskar, aber der Nordländer ist ebenso hochaufgeschossen und wesentlich kräftiger. Als Oskar zwölf Jahre alt ist, setzt er sich gegen Edbert zur Wehr. Er verwickelt seinen Peiniger in einen offenen Kampf in dem Oskar sein überschäumendes Temperament kaum noch bündeln kann. Er erschlägt im Zorn fast Edbert von Turgod und wird von Bornwulf des Hofes verwiesen.

Er geht als Knappe auf ein Gut in den Süden Dinoras. Dort wird er auch im Schwertkampf unterrichtet. Als Oskar dort wie in Tamweld von den anderen Knappen verfolgt wird und im Streit fast einen Mann mit seinem Schwert erschlägt, kehrt er im Alter von vierzehn Jahren an Bornwulfs Hof zurück. Bornwulf verbietet ihm den Schwertkampf und das Tragen eines Schwertes. Damit ist Oskar Freiwild für die Anhänger Edbert von Turgods. Weil sich Oskar jedoch stets in Begleitung der Schmiedegesellen, des angesehenen Schmieds Colan Boyle oder kräftiger Diener befindet, werden schlimmere Konflikte vermieden. Oskar wächst sowohl am Hof als auch inmitten der Dienerschaft auf. Als Oskar sechzehn Jahre alt ist wird er ein letztes Mal von den Schergen Edberts bedroht und in einer dunklen Gasse zusammengeschlagen. Der junge Mann sehnt sich nach Freundschaft und Gleichgesinnte, doch dazu sind die adeligen Söhne an Bornwulfs Hof weder geeignet noch erwünscht. Es scheint fast so, dass die Erziehung des störrischen Oskar völlig aus dem Ruder läuft. Bis er Ilari Thorbjörnson kennenlernt.Hildburgs Küche

Juni 25, 2016
Thea Perleth

Ilari Thorbjörnson

Ilari Thorbjörnson ist der Protagonist des Sturms auf Amber Teils der Chronik der Nebelländer Er ist der Sohn eines mächtigen Hersen aus Norgan und hat vier jüngere Brüder hat. Sein Vater, Thorbjörn Helgison, ist der wichtigste Berater König Bornwulfs. Ilari lebt glücklich am Hofe des Königs und wächst mit Bork Halfdanson, dem Kronprinzen, auf. Sie sind wie ihre Väter befreundet. Doch wird ihr Verhältnis belastet, als Bork sich zu einem bedrohlichen Mann entwickelt. Bork leidet wie sein Großvater an Größenwahn und gilt beim Volk als verrückt und gefährlich.

Auch Ilari ist kein einfacher Charakter. Er ist widerspenstig und beugt sich keiner Obrigkeit ohne triftigen Grund. Er besitzt ein aufschäumendes Temperament, das er schwer im Zaum halten kann. Doch er hintergeht niemanden und ist im Wesentlichen offen und ehrlich. Ilari fürchtet Bork und dessen hinterhältigen Charakter nicht, da er derjenige ist, der Bork am besten versteht, und ihn daher am nachhaltigsten beeinflussen kann. Auf ihre Art sind sie diese grundverschiedenen Charaktere die besten Freunde. Obwohl es selbst für Ilari oft schwierig und gefährlich ist, mit dem offensichtlich wahnsinnigen Kronprinzen befreundet zu sein.

Das glückliche Dasein Ilaris endet abrupt, als sich er in Unna Tisdale verliebt, die er seit seiner Kindheit kennt. Sie ist die Tochter des mächtigen Jarls Olaf Tisdale, der den wichtigen Norden Norgans beherrscht. Unna wurde mit sechs Jahren an den väterlichen Hof nach Tisdale geschickt und kehrte erst im Alter von sechzehn Jahren wieder an den Königshof zurück. Ilari bittet seinen Vater, für ihn um Unnas Hand anzuhalten. Dieser jedoch ist skeptisch, weiß der doch, dass Ehen zwischen den Jarlen und den Königsgeschlechtern geschlossen werden, aber nur sehr selten zwischen den Jarlen und ihren Untergebenen, den Hersen.

Auch wenn die meisten Adeligen am Hof eine Verbindung zwischen Ilari und Unna tolerierten, hat König Halfdan andere Pläne. Er will ein mächtiges Bündnis mit den Jarlen der nördlichen Länder schmieden. Dabei hat er Unna Tisdale für seinen Sohn Bork vorgesehen, der zwar Unna nicht liebt, aber sich mit einer arrangierten Ehe abfindet, weil er die Macht über Norgan besitzen will.

Ilari erkennt vor dem Thronrat, dass er Unna niemals heiraten wird. Er wird von König Halfdan nach Amber geschickt, an den Hof des König Bornwulf von Dinora. Für eine lange Zeit wird er seine Heimat nicht mehr sehen. Er gerät beinahe unmittelbar hinein in den Sturm der Nordmänner auf Amber. Er wird als Nordmann einer derjenigen sein, der das Schicksal Ambers, das zu seiner zweiten Heimat wird, am nachhaltigsten beeinflusst.

Ilaris Zimmer
Ilaris Zimmer
Bornwulfs privater Raum
Bornwulfs privater Raum
Mai 29, 2016
Thea Perleth

Die Geschichte beginnt

Im Juni erscheint das erste Buch der Reihe als E-Book für Kindle und Tolino. Ich halte euch auf dem Laufenden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.