Nebelländer

Teil I:

Sturm auf Amber

Buch 4:

Triumph der Könige

 

von Thea Perleth

Inhaltsverzeichnis

Übersichtskarte

Karte von Amber

Prolog

Die Feinde der Fürsten

Morwennas Entscheidung

Colans Furor

Aaran Derings Plan

Der Anschlag

Der Aufstand

Geiris Entscheidung

Das nordische Heer

Der Untergrund

Theodrics List

Die Versuchung

Gefangenschaft

Das Schwert Enill

Geheime Gänge

Aarans Schicksal

Der Überfall

Wut und Rache

Gewissheit und Zweifel

Strategie

Der Rat der Nebelfürsten

Ankünfte

Vollmond

Flucht

Die Ebene von Setan

Der Rat der Könige

Tage der Freude

Personenverzeichnis

Königreich Norgan (Torgan)

Königreich Dinora (Tamweld)

Königreich Konbrogi (Wallis)

Königreich von Sidran (Glansest)

Königreich Lindane (Leofan)

Königreich von Tandhen (Assers)

Königreich Bratana (Anglea)

Königreich Kelis (Derband)

Falkenweld

Nebelfürsten

Danksagung

Prolog

Der Tag brach an unter den eiligen Hammerschlägen der Schmiede. Sie hielten die Feuer schon seit drei Tagen in Gang. Keiner wollte derjenige sein, der die Verheißung nicht erfüllte. Deshalb arbeiteten sie ohne Unterlass und verdrängten die Müdigkeit, die ihnen in den Körpern steckte. Sie waren erschöpft, aber sie wussten, an ihnen hing das Schicksal Ambers. Drei Schmiede waren es, die besten, die man im Tal der glücklichen Menschen auffinden konnte. Sie mühten sich, die hoffnungsfrohe Verheißung in den glänzenden Stahl zu weben.

„Wie sollen wir fertig werden, bis die Sonne am Horizont erscheint? Ihr wisst, dass das Schwert zu Staub zerfällt, wenn wir den bannenden Spruch nicht eingeflochten haben und der erste Sonnenstrahl auf das Metall trifft“, jammerte der Jüngste unter ihnen, der sich vor dem Ende ihrer Aufgabe fürchtete, seit sie sich in die Schmiede zurückgezogen hatten. Sie hatten alles erfahren, was geschrieben stand über ihre Aufgabe, die ihnen Keita, die erste Priesterin, zugewiesen hatte, nur nicht das Ende. Dieses Wissen verschob Keita von Tag zu Tag. Die beiden älteren Schmiede sahen auf ihren jüngsten Mann. Er konnte die Sprüche der Weissagung in den Stahl schmieden wie kein anderer, aber er war es gewohnt, sich dabei so viel Zeit zu lassen, wie er brauchte.

„Keita Morgenan verlangt zu viel von uns“, begann er wieder und sie wussten alle, dass es so war. „Seht ihr nicht, dass es schwer wird, den erfüllenden Spruch in das Metall zu weben, ohne das Ende der Prophezeiung zu kennen?“, erklärte er den beiden älteren Männern immer und immer wieder. Sie sahen ihren Jüngsten an und nickten, wussten sie doch, dass ihre Arbeit an dem Schwert getan war und es nun an ihm lag, das Schwert Enill zu Ende zu schmieden. Sie ahnten, dass er sich überfordert fühlte und scheitern konnte. Es war ein großer Dienst, den sie taten an Amber, das Schwert Enill herzustellen für den, der in der Fremde geboren war und ihnen den Sieg über die abtrünnigen Silven bringen sollte. Es war vage, was geschrieben stand in den Schriftrollen der Priesterinnen und Keita hatte sich nicht deutlich ausgedrückt. So konnten die Männer nicht genau wissen, was sie in den Stahl schreiben sollten. Keita wollte sich nicht in die Karten sehen lassen bis zu dem Moment, an dem der Spruch sich im Metall niederschlagen sollte.

„Sie muss endlich kommen. Seht ihr nicht auch schon den Silberstreif am Horizont? Wenn die Sonne aufgeht, dann werden wir verloren haben und wegen uns wird es keinen Triumph der Könige auf Amber geben. Wir sind diejenigen, die Amber ins Verderben führen“, sagte er und die älteren Männer begriffen, dass er sehr wohl recht hatte, denn es graute bald der Morgen über den Wäldern Konbrogis. Wenn der erste Sonnenstrahl den Stahl träfe, wäre ihre Arbeit beendet. So sahen die beiden Schmiede ähnlich sorgenvoll auf das Fenster der Schmiede und hofften, die erste Priesterin würde bald erscheinen. Sie hatten die Arbeit eingestellt, nur Aethelred, der Jüngste, arbeitete noch. Ganz verzweifelt war er in diese Aufgabe verstrickt, die nicht gelöst werden konnte ohne den Spruch der Priesterin. Doch Keita hielt sich noch fern.

Als sie die Sonne sahen, die den Horizont erhellte, brach Aethelred in Schweiß aus. Er sah gehetzt zur Türe und wartete einen Augenblick lang, so als könnte sein Wunsch Keitas Erscheinen erzwingen. Doch nichts geschah. Keita kam nicht. Er senkte den Blick und sah durch das Fenster und musste sich entscheiden. Er hatte diese Arbeit begonnen, wie alle anderen. Sie liefen immer alle nach demselben Plan ab. Deshalb gab es fast nur diese eine Lösung, schoss es ihm durch den Kopf. Obwohl er hier noch eine andere vor Augen hatte, die ihm jedoch unwahrscheinlich erschien. Er sann einen Moment darüber nach und sah auf das Licht, das die Schmiede stetig erhellte. Er wollte wieder in Panik ausbrechen, deshalb schloss er die Augen, um nachzusinnen, was ihm der andere Weg sagte, der vor seinem inneren Auge stand. Er fand diese Lösung erstrebenswerter, aber sie war anders als die althergebrachte, die immer zum Ziel geführt hatte. Er hatte sich fast entschieden, die vertrauten Wege zu verlassen, doch hätte er lieber Keitas Rat gehabt. Ihm stand dieser andere Weg deutlich vor Augen, er wusste, wie die Alten reagieren würden. Entsetzen würde sich breitmachen und es konnte falsch sein, anders zu denken. Doch Keita kam nicht.

So war Aethelred gezwungen sich zu entscheiden. Er stand dort und sah, wie die Sonne am Horizont emporkroch. Sie schien schon auf die Bäume, die vor der Schmiede standen. Sollten die ersten Strahlen das Fenster der Schmiede erreichen, wäre alles verloren. Die Sache war so oder so verdorben. So konnte sich Aethelred ebenso gut entscheiden. Er sagte kein Wort mehr, versank in seine Arbeit und tat einen Handgriff nach dem anderen am harten Stahl. Für ihn gab es nur noch diesen einen, ungewohnten Weg, auch wenn er ins Verderben führen sollte. Er arbeitete konzentriert, hörte nicht auf die Männer, die sich über ihn wunderten, dachte dabei an die Menschen Ambers und deren Wünsche und Sorgen und hieb seine Hoffnung rhythmisch in den Stahl hinein. So sollte es sein, das wusste er plötzlich und war zufrieden mit seiner Wahl. Er schlug und faltete den Stahl ein letztes Mal, war sich sicher und kühlte das Schwert im reinen Becken. Da sah er sofort die Veränderung, die das Metall nahm. Es begann zu glänzen und er wusste, sollte der Spruch gleich erscheinen, wäre das Ende der Arbeit wohl gewählt. Die älteren Schmiede ließen ihre Augen keinen Moment mehr vom Stahl und prüften wie Aethelred das reine Licht, das das Schwert ausfüllte. Da sahen sie die Worte der Verheißung. Sie standen deutlich geschrieben, für alle sichtbar, solange das Metall noch glühte.

Aethelred staunte und schwitzte und seine Stirn glänzte wie seine Augen, denn es war vollbracht. Sie waren zufrieden mit sich, als sich endlich die Türe öffnete und Keita erschien.

„Du kommst zu spät, hohe Priesterin“, sagte Aethelred aufgeregt und verneigte sich vor Keita Morgenan. „Ich habe mich entscheiden müssen, auch ohne deinen Rat. Sonst wäre mit dem ersten Sonnenstrahl die Arbeit vernichtet worden, die zu keinem anderen Zeitpunkt hätte fertig gestellt werden können. Und wisse, ich habe recht getan. Sieh den Spruch, er ist am verlöschen, doch noch sichtbar“, sprach er und hielt ihr das Schwert unter die Augen. Sie sah noch die Worte und lächelte.

„So steht es geschrieben in den Annalen. Nur du kennst den Weg, die Hoffnung für Amber in das Schwert zu weben. Deshalb kam ich nicht, dir zu helfen, denn ich hielt keine Hilfe für dich bereit. Du alleine warst vom Schicksal dazu auserkoren, den Weg zu wählen und hast den Schlüssel in der Hand gehalten, mit dem die Verheißung erfüllt werden konnte. Sonst wäre alles verdorben worden.“

Die Feinde der Fürsten

„Das Heer muss noch heute ausgehoben werden!“, schrie Alasdair Dowell, der gerade von dem feigen Überfall auf das Tal der glücklichen Menschen gehört hatte. Die Tage des Blutmondes erschütterten das Reich der Konbrogi. Das Unheil, das sich auf Amber ereignete, war vom Blutmond ausgelöst worden. Dafür waren die Nebelfürsten verantwortlich. So erklärte es ihm Keita Morgenan. Sie berichtete von einem Ereignis, das lange vor ihrer Zeit stattgefunden hatte, in den Tagen des Krieges, die der König der Nebel geführt hatte, der nun seit undenklichen Zeiten verloren war für die Nebelwelten. Die Menschen hatten davon gehört, auch wenn die Fürsten beharrlich dazu schwiegen.

Alasdair knurrte zwischen den Zähnen hindurch. Sollte sich nur einer der Fürsten in sein Haus wagen, er hätte ihm einiges zu sagen. Zum Blutmond und dazu, dass die verdorbenen Silven das Tal der glücklichen Menschen angriffen, die Priester bedrohten und einen feigen Anschlag auf Konbrogi führten. Die Fürsten hatten sie nicht geschützt. Während Alasdair über die vergangenen Tage nachdachte, bemerkte er nicht, wie Fürst Hagun die Ratshalle betrat. König Alasdair sah zornig zu ihm hin und wunderte sich, einen Nebelfürsten am Ende seiner Kräfte zu sehen. Hagun schwieg, doch an der Art, wie er schwieg, bemerkte Alasdair zum ersten Mal, dass die Welt der Nebelfürsten in Scherben lag.

„Die Ratshalle in Wallis ist ein weihevoller Ort“, hörte Alasdair den Korrigener Hagun sprechen. Der König sah sich den Fürsten genauer an und erkannte einen getriebenen Blick an Hagun, der ihm fremd war. Der Nebelfürst wirkte auf ihn fast menschlich in seiner Zerstreutheit. Die Schwäche des Fürsten war Alasdair unangenehm. Schließlich war es der König gewohnt, dem eitlen Fürsten in seinem überlegenen Hochmut zu begegnen. Sie waren es gemeinhin, die die Menschen maßen und verurteilten und nicht umgekehrt. Als der König für den korrigenischen Fürsten zum ersten Mal in seinem Leben ein vages Gefühl von Mitleid empfand, blickte ihn Hagun feindlich an. Hagun war enttäuscht von Alasdair. Mitleid, dieses menschlichste aller Gefühle, lehnte der Nebelfürst für sich ab und wäre das Ende Etaldirs in diesem Augenblick nahe. Der Fürst hatte nicht vor, die vergangenen Ereignisse mit dem König zu erörtern. Er drehte ihm den Rücken zu und schwieg, als wartete er auf etwas, das bald eintreffen sollte. Alasdair wurde ungeduldig, Schließlich wollte er von Hagun wichtige Neuigkeiten erfahren, die im Zusammenhang mit dem Blutmond standen, der sich eben ereignete und der die Insel in Aufregung und Zerstörung versetzt hatte. Er wollte aufstehen und an den Fürsten herantreten, als leise Schritte in der Ratshalle zu hören waren. Der Fürst drehte sich zum König um und blickte von Alasdair auf den Menschen, der zur Türe hereintrat. Fürst Hagun atmete auf. Er hasste es, mit dem feisten König der Konbrogi in der Ratshalle warten zu müssen. Alasdair war ihm lästig und dieses Gefühl wuchs in dem Maße, je länger er mit Alasdair zu tun hatte. Diesem selbstherrlichen König war nur an seiner eigenen Macht gelegen. Da war ihm der junge Theodric Morgenan, der gerade die Ratshalle betrat, unendlich viel lieber. Er wusste, dass Theodric heute in Wallis ankommen sollte. Theodric Morgenan sollte sich bald mit einem ehrwürdigen Auftrag nach Amber auf den Weg machen. Er war derjenige, den die Fürsten dazu ausersehen hatten, eine der erschütterndsten und unheilvollsten Botschaften für die Menschen weiterzutragen. Aber Hagun ahnte auch, was Alasdair veranlassen würde, hätte er die Neuigkeiten aus Etaldir vernommen. Als Hagun diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, stand Theodric endlich neben ihm.

„Gut, dass du gekommen bist, Theodric, Keitas Sohn. Wir bedürfen deiner, die Fürsten und ich“, sagte Hagun sachlich und ernsthaft. Alasdair wirkte überrascht und blickte Theodric an, der sich einiges zusammenreimen konnte von den schwerwiegenden Ereignissen, die hinter dem Blutmond standen. Keitas Sohn nickte Hagun ergeben zu.

„Ich vermutete, ich würde hier wichtige Einblicke erhalten, die die Menschen erfahren sollten und die ich im Besonderen Raedwulf Paeford zukommen lassen muss“, sagte Theodric schlicht. „Es sind schlechte Botschaften, vermute ich, sonst wäret ihr nicht selbst gekommen, um sie zu überbringen.“

„Das ist richtig, mein Junge“, antwortete ihm Hagun schlicht und verzichtete auf tröstende Worte. „Wir sind von Fürst Berrex, dem dunklen Fürsten, in eine verzweifelte Lage gebracht worden. Als der Blutmond eure Welt erhellte und die Erde und das Meer sich erhoben, war die Vernichtung der Nebelländer und damit auch eurer Welt sehr nah. Gemeinsam haben wir Fürsten die Gefahr durch Berrex fürs Erste abgewendet. Doch als sich Berrex in das Kalalit stürzte und dort sein Ende fand, gelangte die gestohlene Macht der Fürsten teilweise dorthin. Dem Kalalit ist nicht an der Macht gelegen, die es erhielt. Es ist das Weltenende, ein glühender Banngürtel zwischen uns und den Namahd. Sie sind ein Volk, das seit Anbeginn der Zeit Etaldir zerstören will, um Alleinherrscher über die Welt zu sein. Die Namahd wurden durch Berrex Selbstmord geweckt und ihre Aufmerksamkeit auf die hineinströmende Macht gelenkt. Die Namahd können niemanden neben sich ertragen, auch euch Menschen nicht. Es ist jetzt zu unserer Aufgabe geworden, ihnen entgegenzutreten. Etaldir, die Nebelländer, sind nicht mehr sicher und auch eure Welt nicht. Es ist sehr bedauerlich, dass wir uns gerade jetzt den Namahd zuwenden müssen. Wir haben die Gefahren, die ihr in eurer Welt bekämpfen müsst, stets im Blick und eilen euch zu Hilfe, wenn es die Lage zulässt. Doch werden wir nicht mit absoluter Sicherheit für euch bereitstehen können. Aber wir werden es nach allen Kräften versuchen, weil das Schicksal Ambers an das der Nebelländer gebunden ist. Aber Etaldir brennt und wir müssen die Namahd bekämpfen, die unsere Feinde sind und die euren. So wie ihr Amber von den Feinden aus dem Norden befreien müsst, damit eure Welt weiterbesteht und damit die unsere. Unsere Welten sind gleichermaßen bedroht. Fällt eine, so fällt auch die andere. Das Schicksal hat uns dadurch aneinandergebunden. Deshalb werden wir alles unternehmen, was in unserer Macht steht und darüber hinaus, euch im entscheidenden Augenblick im Kampf gegen die Tandhener zu unterstützen. Ihr müsst den Kampf gewinnen, denn wisset, wir sind ebenso abhängig von eurem Sieg. Einst, als die Nebelländer noch größer und mächtiger waren und der Mensch fern der Welt der Fürsten lebte, hatten wir einen König“, sagte Hagun zu Theodric, der aufmerksam zuhörte. „Doch König Nian zog sich zurück und ist seitdem verschwunden. Sein Königreich ist seit diesem Tag verlassen und damit auch das Wissen und die Kraft, diese Macht zu führen, um die ewigen Gegner der Nebelländer, das Volk der Namahd, in Schach zu halten. Doch Nian kehrt eines Tages zurück. Bis dahin müssen wir die Namahd zurückdrängen in ihre Welt hinter das Kalalit. Das wird einer der schwierigsten Aufgaben der Nebelfürsten sein. Denn die Namahd bedienen sich jetzt der Macht, die Berrex aus der heiligen Buche gestohlen hat. Sie sind zu unser aller Unglück erstarkt. Wie groß ihre Macht ist, weiß niemand, denn das Kalalit verdirbt auch die Macht, die es erhält, weil es mit ihr nichts anfangen kann. Trotzdem wird es ein ungleicher Kampf werden, der über euren Köpfen währt. Glaubt mir, die Nebelländer sind ein Ort des Übels geworden. Wir hoffen nun auf euren Sieg über die Nordleute, bei dem wir euch unterstützen werden, wenn die Umstände es zulassen. Ich glaube fest daran, dass wir zu euch eilen werden, wenn ihr unserer Hilfe bedürft. Ich stehe dafür mit meinem Wort ein. Wir Korrigener werden mit ehrlichen Herzen versuchen, es möglich zu machen. Dass ich hier bei euch bin, haben die Silven veranlasst, die euch mit der veränderten Lage in Etaldir vertraut machen wollten. Jetzt solltet ihr uns den Sieg über die Namahd wünschen. Im Guten wie im Bösen sind wir aneinander gekettet und müssen in unserer Welt siegreich sein. Sonst wird sich das Böse über uns erheben. Wir sind in Gedanken bei euch, vergesst das nicht. Wir erwarten die Rückkehr des Königs. Doch es besteht eine alte Weissagung, die behauptet, unser König könne nur von einem Menschen geweckt werden. Wer es ist und wo es geschehen wird, weiß niemand. So hoffen wir, dass sich die alte Weissagung bewahrheiten wird und sich in einiger Zeit die Welten Etaldirs beruhigen“, sagte Hagun hörbar aufgebracht.

Theodric wusste im ersten Moment nichts auf Fürst Haguns Worte zu erwidern. Aber er verstand, dass es einer Freundlichkeit der Fürsten gleichkam, die Menschen zu unterrichten, damit sie Zeit hatten, sich auf die veränderten Machtverhältnisse einzustellen. Man musste hinter die harschen Worte des Fürsten sehen, um die gute und verantwortungsvolle Absicht der Fürsten zu erkennen. Doch wie immer waren die Fürsten nicht vollkommen uneigennützig. Sie wussten nur allzu gut, dass sie die Menschen brauchten. Theodric konnte sich vorstellen, dass die Fürsten die Menschen in Unwissenheit gelassen hätten, wären sie nicht voneinander abhängig gewesen. Doch die Korrigener wie Fürst Hagun waren ihm lieber als die Silven. Sie waren ehrenwert und verlässlich und fühlten sich ihren Verwandten verpflichtet.

Ein düsteres Schweigen machte sich breit und weder der Mensch noch der Fürst wollten oder konnten es brechen. Es war so etwas wie Scham, die Hagun gefangen hielt. Stand er doch sonst ehern zu seinem einmal gegebenen Wort, das er fast noch niemals den Menschen Konbrogis gegenüber gebrochen hatte. Es mussten gefährliche Umstände eingetreten sein, die die Korrigener möglicherweise auch in der Zukunft wortbrüchig werden ließen. So wie schon das eine Mal, als sie nicht geholfen hatten, während das Tal der glücklichen Menschen von abtrünnigen Silven bedroht worden war. Sie dachten alle daran, und obwohl es Hagun missfiel, dafür verantwortlich gemacht werden zu können, spürte er, dass Theodric im Gegensatz zu Alasdair nicht zornig war. Dem jungen Mann kroch lediglich feuchte, kalte Angst in die Knochen. Theodric war nachdenklich geworden und noch damit beschäftigt, sich die neuerlichen Gefahren für die Menschheit vorzustellen, die irgendwo am Ende der Welt vor den Toren Etaldirs aufstiegen, die die Schlacht um Amber gefährdeten und die vielleicht letztlich das Dasein der Menschen aus den Annalen der Geschichtsbücher strichen. Aus seinen schweren Gedanken aufgeschreckt, sah Theodric seinem Gegenüber direkt in die Augen.

„Werden die Menschen die Nordleute besiegen können, wenn ihr uns nicht helft?“, fragte Theodric den Fürsten Hagun. Zögerlich, fast wie ein Kind klang er, ein Kind, das sich Rat bei der Mutter holt. Als Hagun diesen jungen Menschen so fragen hörte, war er berührt, dass diesen Menschen nicht die Wut und der Zorn über die Wankelmütigkeit der Fürsten überkam. Als er Theodric in die Augen sah, erkannte er plötzlich den frohen Mut und die Verantwortung, die dieser Mann in der Schlacht um Amber übernehmen sollte.

„Nun, mein junger Freund“, sagte Hagun fast schon väterlich zu Theodric, „aus dir wird ein guter, ein trickreicher Heerführer der Menschen werden. In dich setzt Alasdair ein stärkeres Vertrauen als in uns, mit deren Wortbrüchigkeit er im Stillen schon rechnet. Ich kann es ihm nicht verdenken. Ich sehe es vor mir, dass du schon in der nahen Zukunft, selbst wenn du dir das niemals gewünscht hast als Mann der Wissenschaft, ein großes Heer in die Schlacht um Amber führen wirst. Du wirst damit, falls wir nicht helfen können, unsere Schmach, wortbrüchig geworden zu sein, ein wenig lindern. Und selbst dann werden wir an euch denken und auf euren Sieg hoffen.

 Wir Fürsten müssen uns zum Sieg Ambers mit andern Bedrohungen beschäftigen. Größeren, die euch und uns ins Verderben reißen können und die sogar unsere Fähigkeiten übersteigen. Das sollst du nicht als Entschuldigung verstehen dafür, dass wir wortbrüchig werden könnten. Halte dir nur vor Augen, dass wir vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie ihr, und wie ihr den Ausgang, den diese Bedrohung nimmt, nicht kennen. Uns fehlt die Macht unseres Königs, so sind wir wie ihr ohne Führung. Wir werden uns daran gewöhnen und das Beste daraus machen. Zum Wohle Etaldirs, immer in der Hoffnung auf unseren König, der eingreifen wird in den Konflikt mit den Namahd. Wir wünschen euch Glück und Erfolg bei euren Aufgaben und hoffen auf ein Wiedersehen in der Zukunft. In besseren, friedlicheren Zeiten“, sagte Fürst Hagun und ging, den Kopf fast unmerklich in Theodrics Richtung verneigend, aus der Türe hinaus in den Garten der Ratshalle und verschwand von dort aus dem Dasein der Menschen.

 

„Ich frage mich, ob die Zeit der Fürsten der Nebelländer auf Amber vorbei ist“, sagte Theodric und sah Fürst Hagun gedankenverloren hinterher. So in Gedanken versunken standen die Menschen in der Ratshalle, bis sie eine Stimme schreckte, die von überall her gleichzeitig auf sie eindrang.

„Was glaubst du wohl, du kleiner Mensch“, hörte Theodric Fürst Kosos anmaßende Stimme, die ihn glücklich umfing. „Natürlich werden wir die Namahd überwinden. Es fragt sich nur wann. Wir werden sie in Schach halten, bis unser König wiedererscheint. Da du nicht unsterblich bist, werden wir uns unter Umständen nicht mehr sehen, aber deine Nachkommen werde ich kennenlernen. So wird es sein. Wir sehen uns in der anderen Welt, mein Freund, wenn es nicht zu ändern ist.“

Als erneutes Schweigen einkehrte, musste Theodric lächeln. Wenn er es recht bedachte, hatte er Fürst Kosos schon immer gemocht. Er war derjenige, der zu den Menschen am ehrlichsten war und sich immerfort über seine strengen Vorbehalte ihnen gegenüber hinweggesetzt hatte. Er sprach ihnen sogar jetzt noch Mut zu. Durch Fürst Kosos Worte spürte Theodric die Hoffnung und den Siegeswillen der Silven. Sie bemächtigte sich seiner. Als Fürst Kosos‘ Worte verhallt waren, sammelte sich Alasdair.

„Dann ist fürs nächste möglicherweise die Zeit der Fürsten vorbei. Jedenfalls sind die Welten der Menschen und der Nebelländer für eine Weile getrennt“, sagte König Alasdair, der mit Verblüffung die Worte der Fürsten vernommen hatte. „Wir sind, wie ich fest glaube, ab jetzt auf uns selbst gestellt. Ich glaube nicht an ein Eingreifen der Fürsten, egal wie groß die Gefahr für uns Menschen auch wird im Kampf gegen die Tandhener. Was auch immer mir Hagun versichert hat, ich sah die Angst in seinen Augen. Und die Hoffnung auf ein Heer der Konbrogi, das in die Schlacht vor Tamweld eingreifen wird. Wir werden handeln müssen, wollen wir nicht die Knechte der Tandhener werden, die sich hier auf unserer Insel so unverschämt eingenistet haben“, sagte er nicht ohne ein gehöriges Stück Zorn in der Stimme. Er stand neben Theodric, der schweigend zuhörte, und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er sah noch Hoffnung auf die Fürsten in den Augen seines Verwandten. Aber er schwieg dazu, wusste er doch, dass es schon ein Quäntchen Hoffnung war, das einen Menschen über sich hinauswachsen lassen konnte.

„Wie es Fürst Hagun angekündigt hat, wirst du mein allererster Heerführer werden. Wenn wir das Heer der Konbrogi ausgehoben haben, wirst du es nach Amber führen. Bald, fast schon sofort muss es geschehen. Die Zeit drängt, meine ich, sonst wärst du nicht hierhergekommen aus dem Tal der glücklichen Menschen, das eben von den abtrünnigen Silven überfallen wurde. Was bringst du für Botschaft mit, mein junger Freund?“, fragte ihn Alasdair und Theodric, der langsam zu seiner Sprache zurückfand, berichtete ihm von dem glücklichen Umstand, Ilaris Hilfe erhalten zu haben, als die Priester des Nebels bedroht worden waren. Die abtrünnigen Silven trieben sich immer noch auf Amber herum, trotz des Verlustes ihres Fürsten Berrex.

„Dann müssen wir eben auch diese Silven bekämpfen. Doch sie werden einen Führer haben, der auch schon auf Amber weilt. Er wird uns noch schweres Kopfzerbrechen bereiten“, sagte Alasdair nachdenklich, der sich nicht vorstellen konnte, dass das Volk der abtrünnigen Silven führerlos war. Wer auch immer die abtrünnigen Silven führte, sie würden schwer zu bekämpfen sein. Sie traten aus der Ratshalle hinaus in ihre Welt und ließen die Zeit der Fürsten fürs Erste hinter sich. Die Zeit der Menschen auf Amber brach an. Es sollten hoffnungsvolle Zeiten werden.

Morwennas Entscheidung

„Beeilt euch, nehmt nur ein kleines Bündel mit!“, schrie Oliver über die Gruppe Menschen hinweg, die sich auf dem Dorfplatz eingefunden hatte. „Ihr werdet in Falkenweld gut versorgt. Wir haben unsere Kornspeicher geöffnet. Ihr werdet nicht hungern müssen. Nehmt nur endlich die Kinder, geht nach Falkenweld und rettet euer Leben!“, donnerte er, verärgert über die Unvernunft der Leute, über ihre Köpfe hinweg.

Oliver Hurst, der Verwalter des Herzogtums Falkenweld, ritt schon seit Stunden wie vom Teufel getrieben mit seinen Männern über die Dörfer, um die Menschen in die Burg Falkenweld zu holen. Sein Auftreten ließ keinen Zweifel daran, dass er, wenn sie sich nicht fügten, zu drastischeren Maßnahmen greifen würde. Er hatte sechzig entschlossene Männer dabei, von denen einige in dieses Dorf geritten waren, um den Frauen zu helfen, die hastig ihr Hab und Gut zusammenrafften. Seine anderen Männer warteten mit Leuten aus den anderen Dörfern auf der Straße vor dem Dorf und einige von ihnen waren schon mit den Alten und den Kindern auf dem Weg nach Falkenweld. Wir werden sie alle bis zum Abend eingeholt haben, überlegte Oliver, als er seinen Männern dabei zusah, wie sie die Dörfler zur Eile antrieben.

„Hier leben nur Frauen und Kinder. Die Männer sind weg, in einem unserer Heere, um gegen die Feinde zu kämpfen“, murrte einer seiner Männer, der bei ihm stand. Oliver wusste, was der Mann dachte.

„Ich verstehe dich sehr wohl, mein Freund. Du meinst, dass sich deren Männer glücklich schätzen können, weil sie auf dem Weg in eine große Schlacht sind, die ihnen Ruhm und Ehre verschafft“, sagte Oliver ein wenig gequält. „Ich wäre auch lieber mit diesen Männern auf dem Weg in die Schlacht nach Tamweld, als hier auf Falkenweld auf meinen sicheren Untergang zu warten und nur gegen diese abtrünnigen Silven zu kämpfen.“

„Was redest du nur, Oliver“, sagte Odran Judd, der einzige Hauptmann auf Falkenweld, der mit ihm geritten war, die Leute in die Burg zu holen. „Hier kann man sich ebenso seine Sporen verdienen. Außerdem kann ich in Falkenweld meine eigenen Entscheidungen treffen. Denke nicht, dass die Heerführer so gerne auf das Wort eines einzelnen Hauptmanns hören. Fehler werden hier wie dort gemacht. Hier in Falkenweld mache ich meine eigenen Fehler, für die ich geradestehen muss. Dein Wunsch, in der Menge eines Heeres aufzugehen, ist töricht. Bei uns kannst du Heldentaten schreiben, an die sich die Bewohner noch in vielen Generationen erinnern werden“, sagte Odran aus vollem Herzen. Er war ein Mann der kleinen Siege, der eigenen Siege. Oliver sah den älteren Freund an und begriff, was er ihm sagen wollte. Er klopfte Odran anerkennend auf die Schulter.

„Danke für die wunderbare Belehrung, ich werde es mir merken und nicht mehr länger über mein armseliges Schicksal jammern.“ Oliver hatte gesehen, dass die Menschen fertig waren. Er hob den Arm und rief in die Menge. „Nun lauft, so schnell euch eure Füße tragen, nach Falkenweld. Hierbei habe ich kein gutes Gefühl. Eile tut not. Seid euch sicher, der Feind ist euch dicht auf den Fersen.“

Oliver erntete entsetzte Blicke und die Frauen, die über die Wege hasteten, drückten ihre Kinder dichter an sich, um sie zu schützen. So liefen sie den ganzen Nachmittag lang und in der Ferne sahen sie endlich in der aufkommenden Dämmerung die vier Türme Falkenwelds. Oliver war zufrieden und lächelte, doch sein Lächeln erstarb, als er in das Gesicht Odran Judds sah. Der Hauptmann war hinter Oliver stehengeblieben, richtete sich etwas in seinem Sattel auf und sah weit hinter sich. Als Oliver es ihm nachtat, erkannte er, was Odran schon vor ihm gesehen hatte. Ehe Oliver seinen Gedanken zu Ende gedacht hatte, gellte Odrans Schrei schon über die zahlreichen Flüchtigen hinweg.

„Zehn Männer bleiben bei den Menschen, der Rest kommt zu mir. Hier gilt es eine Schlacht zu schlagen, Männer“, rief er entschlossen seinen Soldaten zu. Aus dem Verband lösten sich die fünfzig Männer, die schon voller Entschlossenheit ihre Schwerter gezogen hatten. Sie sammelten sich bei Odran. Ernst blickten sie auf die näherkommenden Silven in der Ferne.

„Sie sind nicht mehr weit, Odran“, sagte einer der älteren Männer, der sich einen Namen in der Schlacht des Königs Lius in Lindane gemacht hatte. Grausame Dinge hatte er damals mit ansehen müssen, die ihm heute noch den Schlaf raubten und über die er nicht gerne sprach. Er war sicher kein Feigling, doch diese widernatürlichen Gestalten ließen auch sein Blut in den Adern gefrieren. Er sah die Horden der abtrünnigen Silven auf Falkenweld zueilen. Als er sich wieder im Griff hatte, konnte er die Entfernung recht gut einschätzen.

„Das wird eine heikle Sache, Odran“, sagte er „Wir können, wenn wir das Lauftempo erhöhen, die Menschen in die Burg bringen. Aber Frauen und Kinder vor mir herzutreiben ist nicht mein Geschäft, Hauptmann“, sagte er verbissen und auch die anderen Männer machten keine Anstalten dazu.

„Dann muss ich es wohl tun“, rief Oliver entschieden. „Ich bin mir nicht zu fein, meine Landsleute vor den Silven zu bewahren, auch wenn ich sie wie Vieh über das Land treiben muss.“ Oliver schimpfte, trieb und jagte die Menschen vor sich her, dass ihnen Hören und Sehen verging. Wenn es einer von ihnen wagte zurückzusehen, war Oliver hinter ihm, um ihn zu ermahnen. Oliver trieb die Menschen an, bis sie fast nicht mehr gehen konnten. Als eine Frau mit ihrem Kind stürzte, hielt Oliver bei ihr an, stieg vom Pferd, half ihr aufstehen und griff sich, während er wieder auf sein Pferd stieg, ihr Kind, so dass die arme Frau, von Weinen und Schreien getrieben, wie wild hinter ihm herlief.

„Siehst du, Frau. Falls du dachtest, du seist erschöpft, habe ich dich eines Besseren belehrt. Du willst dein Kind vor den Silven schützen? Dann laufe schneller. Wenn du mich erreichst, bekommst du dein Kind zurück. Ansonsten setze ich es in Falkenweld ab, und wenn dich die Silven erwischen, dann wirst du eben sterben“, rief er ihr zu und die Frau, die schon fast verrückt wurde vor Angst, lief noch schneller und bekam von Oliver Hurst ihr Kind zurück. Er gab es ihr lächelnd und klopfte ihr auf die Schulter. So trieb er die Menge an und Odran Judd, der es sah, schüttelte nur sprachlos den Kopf. In Olivers Kopf hämmerte immer der gleiche Gedanke. Die Silven, die ihnen hart auf den Fersen waren, begnügten sich nicht mehr mit den Leichen, die sie stahlen, sondern legten selbst Hand an die Menschen und ermordeten sie, um ihrer Körper habhaft zu werden. Gerüchte aus anderen Vierteln des Landes, die sich mit den Vorkommnissen in Falkenweld deckten, gab es genug. Dass die Frauen und Kinder ermordet wurden, musste er verhindern.

Seit vorgestern die Waldbrände im Land gelöscht worden waren, die auch Falkenweld bedroht und die schon vor den Toren der Burg schlimme Schäden angerichtet hatten, wurden häufiger die unheimlichen Gestalten gesehen, die sich hier ungeniert nach Opfern umsahen. Viele Freunde und Verwandte wurden in und um Falkenweld vermisst. Oliver hatte die Menschen weit zur Burg hingetrieben und einige der Soldaten schlossen zu ihm auf.

„Als ob jemand in einen Ameisenhaufen hineingestochen hat“, schimpfte einer der Männer lautstark, als er sich nach den Silven umsah.

„Ja“, antwortete ihm ein anderer atemlos. „Diese Ungetüme sind dicht an uns herangerückt. Sie haben sich schon viele Leute aus meinem Dorf geholt. Ich musste leider einige meiner besten Freunde erschießen, weil sie von einem Abtrünnigen besetzt waren“, rief er seinen Kameraden zu, die Ähnliches erlebt hatten.

„So dicht waren mir diese Kreaturen aber noch nie“, hörten sie einen jungen Mann sagen, der sich sehr oft in seinem Sattel nach den Silven umdrehte.

„Wenn du weiter so in deinem Sattel herumturnst, fällst du vom Pferd, brichst dir den Hals und wirst von einem Silven besetzt. Dann muss ich sogar dich noch töten, du Dummkopf. Sieh also nach vorne und halte dich hinter uns. Wenn sie zu dicht an dich herangekommen sind, wirst du es schon merken. Sie stinken, habe ich von meiner Muhme gehört“, sagte er verächtlich lachend, griff sich den Zügel des Zauderers und trieb dessen Apfelschimmel an weiterzutraben. Es gelang ihnen auf diese Weise, die Tore Falkenwelds zu erreichen, ohne einen Menschen zu verlieren. Erst dort holten die Silven auf und kamen so dicht an die Fliehenden heran, dass die Menschen einen merkwürdigen Geruch wahrnahmen. Es sind die Silven, es ist der Geruch des Todes, dachten sich die Menschen und begannen erneut zu schreien und zu laufen. Die Soldaten, die zurückblieben und sich in Kampfaufstellung ausrichteten, zückten wild entschlossen ihre Schwerter und hielten sie den heranhetzenden Silven entgegen. Zuvorderst stand Odran Judd. Sein Gesicht war zu einer steinernen Maske gefroren. Er würde seine Haut teuer verkaufen. Hier gab es Arbeit für einen, der sich nicht zum Feigling machen würde. Er stand da und hielt sein Schwert in die Höhe.

„Wenn ihr nicht mit meinem Stahl Bekanntschaft machen wollt, dann bleibt, wo ihr seid, ihr verachtenswerten Kreaturen“, rief er den Silven entgegen und ein Murmeln und Flüstern hob an, wie es Oliver nie zuvor gehört hatte. Die Sprache der Abtrünnigen klang ein wenig wie die der Tandhener. Ähnlich und doch wieder anders. Jedenfalls nicht sehr vertrauenserweckend. Auf eine gewisse Weise verhielten sich die Silven wie die Tandhener, dachte Odran noch, der viel über die Vorgehensweise der tandhenischen Eindringlinge gehört hatte. Die Silven waren stehengeblieben und betrachteten die wartenden Soldaten aus den Augenwinkeln. Dann fiel ihr lauernder Blick auf die ersten Menschen, die schon innerhalb der Burg verschwanden, und sie erkannten, dass sie an den Soldaten vorbeikommen mussten, wollten sie sich die leichte Beute holen. Erst blieb es ruhig, bis zuletzt ein einziger, scharfer Pfiff erscholl und die Silven anfingen zu laufen. Sie hielten auf die Menschen zu, die in das Burgtor drängten. Nicht direkt, aber ohne noch ein einziges Mal zu zögern. In einem gebührenden Abstand wollten sie an den Soldaten vorbeikommen. Odran wusste nun, was die verhassten Kreaturen im Schilde führten. Sie wollten sich keinem Kampf mit den Menschen stellen. Odran beorderte seine Männer in die Burg zurück.

„Rückzug in die Burg“, donnerte seine Stimme über die Männer hinweg. Sie gehorchten ohne zu zögern, wendeten ihre Pferde und ritten in einem scharfen Galopp das letzte Stück zur Burg. Odran erreichte als Letzter das schützende Gemäuer. Er sprang vom Pferd und lief zum Burgtor. Dort zog er erleichtert mit den Wachmännern die Brücke hoch und bekam unerwartet Hilfe von Oliver Hurst, der schon wieder an seiner Seite war. Das Burgtor schloss sich krachend, als sie gerade in die enttäuschten Gesichter der Silven gesehen hatten, die kurz nach ihnen das Tor erreicht hatten. Die Menschen waren mit ihrer Leistung sehr zufrieden.

„Das war Maßarbeit, Odran Judd“, sagte Oliver erfreut und rieb sich die schweißigen Hände an seiner Hose ab. Odran sagte nichts, er nickte nur. Er wusste, dass sie hier in der Burg gefangen waren wie die Maus in der Falle und es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis die Silven Verstärkung bekämen und es ihnen gelänge hier einzudringen. Es war eine königliche Geste von der Herzogin, die Menschen vom Land in die sichere Burg nach Falkenweld holen zu lassen. Aber nun saßen sie hier mit weit mehr als siebenhundert einfachen Menschen, die sich auf ihren Schutz verließen, und mussten sich der horrenden Überzahl an Silven erwehren, die bald vor ihren Toren stehen sollte. Odran konnte sich wahrlich Schöneres vorstellen. Als er in das verwirrte Gesicht des jungen Oliver sah, wurde er milder.

„Für den Moment sind wir gerettet, da gebe ich dir recht, Oliver“, sagte Odran versöhnlich. „Doch es ist noch lange nicht alles zu Ende gedacht. Der Morgen wird hoffentlich klüger sein als der Abend. Wir müssen uns irgendwie der Silven entledigen. Wir brauchen Hilfe von außen. Von der Burg aus ist die Rettung der Menschen nicht zu leisten. Doch woher sollen wir Beistand erhalten?“

Es war vertrackt und Odran, der wieder in das jugendliche Gesicht Olivers sah, der mit sich und seiner Welt zuerst einmal zufrieden war, musste lächeln. Die Hoffnung der Jugend beflügelte ihn. Seine finsteren Gedanken verschwanden für eine Weile und machten die Wege frei, sich nüchtern mit ihrer Lage auseinanderzusetzen. Odran klopfte dem jungen Mann anerkennend auf die Schulter und konnte sich ein freundliches Lächeln für ihn abringen.

„Wir müssen zur Herzogin gehen, Oliver. Die Zeit drängt“, rief Odran, der begann, im Laufschritt auf die Burg zuzuhalten. Gemeinsam suchten sie nach der Burgherrin.

 

Morwenna stand im Hauptsaal von Falkenweld. Sie trug ein schneeweißes Kleid und das einzig Farbige an ihr war das rote Haar, das sie schöner machte denn je. Es unterstrich ihre blasse Haut und die grünen Augen, die gerade vor Wut funkelten, als Odran Judd eintrat.

„Ich habe mir sagen lassen, dass wir nun mehr als achthundert Menschen in Falkenweld gerettet haben. Es ist kein Problem, sie eine Weile durchzufüttern, doch stehen die Silven vor den Toren der Burg, wie ich aus den angstvollen Berichten der Flüchtenden heraushörte. Wir dürfen die Burg nicht mehr öffnen, bevor wir nicht Nachrichten an unsere Freunde und Helfer geschickt haben. Wir gehen sofort zu den Elstern. Auf dem Weg dorthin will ich eine Strategie von euch hören, Odran Judd. Ihr seid mein Hauptmann und mit euch rechne ich in diesen dunklen Stunden“, sagte Morwenna trocken, ohne die beiden Männer zu begrüßen, die abgehetzt und verschwitzt vor ihr standen.

Sie machten sich auf den Weg zu den Käfigen, in denen die Elstern gehalten wurden. Wenn Morwenna nichts anderes zu tun hatte, ließ sie die Tiere so oft wie möglich frei, damit sie sich hier auskannten und ihren Käfig nicht hassen lernten. Theodric hatte es ihr vorgeschlagen und sie war überrascht, wie sehr ihr die Tiere ans Herz gewachsen waren, seit er sie nach Falkenweld gebracht hatte.

„Glaubt ihr, die Tiere finden den Weg zu den Freunden Falkenwelds, Mylady?“, fragte Odran zweifelnd, als er diese zarten Geschöpfe sah, die ihn wenig beeindruckten. Er hatte noch nie viel von den kleinen Vögeln gehalten.

„Sie werden die einzigen sein, die wirklich in der Lage sind, uns Hilfe zu bringen. Die Elstern sind klug und verstehen ihren Auftrag zu erfüllen. Wie ihr es tut, Hauptmann, dem ich auch nicht zweimal sagen muss, was er zu tun hat. Eure Späher laufen Gefahr, von den belagernden Silven vereinnahmt zu werden. Das ist nicht in unserem Sinn“, sagte Morwenna leicht verärgert. Sie mochte es nicht, wenn man ihre Elstern unterschätzte. Odran sagte nichts mehr, aber er glaubte nicht an dieses hoffnungsvolle und frohe Weibergeschwätz, auch weil die Elstern aus Konbrogi stammten. Dort lebten keine Krieger wie auf dem restlichen Amber, sondern nur Weichlinge die sich vor dem Krieg drückten. Oliver schwieg eisern und machte sich ebenfalls dazu einige Gedanken. Er hätte die Silven am liebsten mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Die Abtrünnigen waren wie bösartige Tiere, die nicht zu leben verdienten. Schon gar nicht ein zweites Mal. Er wusste, dass sich die Herzogin vor einiger Zeit die Berichte der einfachen Mägde angehört hatte. Es waren die Geschichten der Familienmitglieder ihrer Bediensteten, die zuerst eines natürlichen Todes gestorben und, von Silven besetzt, wieder auferstanden waren. Später dann hatte man immer wieder davon gehört, dass Menschen getötet worden waren, damit die Silven sie besetzen konnten. Sie wusste von redlichen und unerschrockenen Menschen, die sich gewehrt hatten, aber dennoch besetzt worden waren und die später erneut getötet werden mussten, weil sie zu einer Gefahr für die Familien geworden waren. Diese Menschen waren die Brüder und Schwestern oder die Eltern der Bewohner aus der Umgebung Falkenwelds. Es war bitter, in die entsetzten Augen der Menschen zu sehen, die ihre Familienmitglieder erneut verloren, um ihnen dadurch den wohlverdienten Frieden im Tod zu schenken. Diese Dinge mussten ein Ende haben. Hier in Falkenweld sollte das Ende der machtgierigen Silven beginnen.

„Ihr scheint mit meiner Entscheidung nicht einverstanden zu sein, Oliver“, hörte er die Herzogin sprechen. Er war wieder in der Wirklichkeit angekommen und sah geistesabwesend auf Morwenna.

„Ich war abgelenkt. Verzeiht mir, Lady Morwenna“, entgegnete er seiner Brotherrin. „Ich weiß, dass es wichtig ist, die Silven unter allen Umständen aufzuhalten. Egal was wir vorhaben zu tun, wir müssen entschlossen handeln. Und wenn ihr davon überzeugt seid, dass euch die Elstern die ersehnte Hilfe herbeiholen, dann lasst sie uns schicken. Ich habe Vertrauen in diese Tiere, sie stammen aus Konbrogi und sind zu manchem fähig, das wir uns hier vor den Nebelhöhen nicht vorstellen können“, sagte er und war zum ersten Mal zufrieden mit einer Entscheidung der Herzogin. Eine ungewohnte Ruhe machte sich in ihm breit und er fühlte sich nicht alleine gelassen, wie es Odran Judd gerade tat.

Morwenna lächelte. Sie mochte den jungen Mann immer mehr, der ihr, seit sie auf Ilari verzichten musste, eine große Hilfe war. Er war erwachsen geworden. Man sah ihm die neunzehn Jahre nicht mehr an. Er wirkte selbstsicher und gereift durch die Angst und die Gefahr, die ihn umgab. Keiner seiner Männer, war er noch so alt und erfahren, widersetzte sich den Entscheidungen des jungen Oliver. Er war unerbittlich geworden und tötete kaltblütig diese besetzten Ungetüme, ohne eine Miene zu verziehen. Unermüdlich ritt er auf die Dörfer und warnte und mahnte.

„Gibt es unter den Flüchtigen, die hier in Falkenweld sind, wehrfähige Männer?“, wollte Morwenna wissen. Oliver schüttelte den Kopf und Odran, der sich nicht gerne zu irgendetwas äußerte, wandte schnell ein:

„Ihr werdet unter ihnen kaum einen Mann finden, der ein Schwert führen kann. Die Männer sind entweder zu alt oder zu jung dafür. Die kräftigen Männer sind in den Krieg gezogen. Aber wir haben auf Falkenweld gute Soldaten. Wenige zwar, aber wir stehen auch geschützt hinter ehernen Mauern. Da zählt ein Mann wie zwei oder drei auf dem freien Feld. Dass wir zu wenige Männer haben könnten, bereitet mir keine Sorgen.“ Dann schwieg wieder.

„Was bedrückt euch dann, Hauptmann?“, fragte Morwenna ehrlich interessiert und sah dem Hauptmann nun direkt in die Augen. Sie wollte seine Meinung hören. Odran konnte ihr nicht mehr ausweichen.

„Ich denke, die Hauptlast gilt dem Schutz der Frauen und Kinder. Ich wage mir nicht vorzustellen, was in meinen Männern vorgehen wird, sollten wir den Silven unterliegen. Frauen und Kinder schutzlos den gierigen Wölfen auszuliefern, die vor den Toren Falkenwelds stehen, das ist es, was mich umtreibt. Wir sitzen hier wie auf dem Präsentierteller und können nicht mehr fliehen, selbst wenn das Schlimmste eintritt“, sagte Odran schnell, denn die lange Rede, die er führte, hörte sich für ihn an wie das Jammern eines Weibes. Dass er recht hatte, sah er in der verhaltenen Reaktion der Umstehenden. Oliver dachte nach und nach einigen Minuten lächelte er. Odran runzelte die Stirn und fragte sich, ob der junge Mann nun endgültig den Verstand verloren hatte.

„Mir fällt gerade etwas Wichtiges ein, Mylady. Es gibt einen alten Weg, den man nutzen könnte, um die Flüchtenden in Sicherheit zu bringen. Doch dazu kommen wir später. Wir sollten zuerst die Elstern schicken, damit wir Hilfe herbeiholen können“, sagte er und trat an den Käfig der Vögel heran.

„Einen alten Weg?“, fragte Odran unwirsch. „Wenn er so alt ist, wie ich meine, dann ist er kein sicherer Weg und nicht geeignet, um unzählige Frauen und Kinder aus der Burg zu bringen. Verzichtet auf diese unausgegorenen Gedanken, Oliver, und macht eure Arbeit, ohne uns in unsinnige Hoffnungen zu verstricken.“ Odran war aufgebracht und sammelte sich nach kurzer Zeit wieder. Er hatte genug von dieser kindlichen Hoffnung auf Rettung durch die Elstern aus Konbrogi. Oliver und Morwenna sahen den mürrischen Hauptmann überrascht an, doch nahmen sie ihn nicht ernst.

Morwenna schrieb eine kurze Nachricht auf drei Röllchen und rollte sie ein. Sie steckte die Röllchen in die kleinen Behälter, die den Elstern seit ihrer Kinderzeit um den Hals gelegt waren.  Morwenna nahm ein Tier nach dem anderen in die Hände, trug es auf den Hof hinaus und flüsterte jedem von ihnen etwas ins Ohr.

„Sucht uns Hilfe. Wir werden von den abtrünnigen Silven getötet, wenn uns niemand zu Hilfe kommt. Seid schnell und vorsichtig und haltet überall nach Freunden Ausschau“, sagte sie den flinken Tieren.

Sie sahen, als sie die Tiere hochgeworfen hatten, dass die Vögel einen Augenblick lang unschlüssig über Burg Falkenweld kreisten als betrachteten sie die feindlichen Silven. Dann flog die erste der Elstern, wie wenn sie sich abgesprochen hätten, zuerst nach Westen, die andere nach Osten und zuletzt eine nach Süden. Und Morwenna erkannte, dass die Elstern sie verstanden hatten. Sie wurde nachdenklich und dachte an Ilari, der schon so lange fortgegangen war, ohne ihr eine Nachricht zu senden. Sie verzweifelte fast, als sie an ihn dachte, da sie aber seinen Tod noch nicht fühlte, mahnte sie sich zur Ruhe und betete zu ihren Göttern.

„Was geschieht mit den Priestern des Nebelordens?“, wollte Oliver von Morwenna wissen, als er mit ihr in die Burg zurückging. Morwenna schwieg für einen Moment.

„Nun, sie leben an einem Übergangsort. Sie wissen, wie man die Grenze zu den Nebelländern überschreitet, und kennen die sieben Gefahren auf dem Weg zum Priesterorden. Es ist zu hoffen, dass sie daran denken. Sonst sind sie verloren. Wir können ihnen nicht zur Hilfe eilen. Dafür ist es zu spät.“

 

Die Gefahr für die Burg Falkenweld spitzte sich zu und keine Stunde später stand Morwenna auf dem Wachturm Falkenwelds. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie auf die Silven blickte. Sie stand da mit Pfeil und Bogen, die sie zu handhaben wusste. Sie besaß auch ein Schwert, das sie jedoch nur dilettantisch führen konnte. Sie erinnerte sich daran, wie Leana das Schwertkämpfen von Ilari erlernt hatte, und sie bedauerte, ihren Mann nicht schon früher darum gebeten zu haben, es ihr beizubringen. Oliver Hurst hatte ihr in den letzten Wochen, seit der Geburt ihres Sohnes Leander von Falkenweld, die wichtigsten Handgriffe gezeigt und sie fühlte sich sicherer seitdem. Außerdem wusste sie, dass sie, wenn sie die Wut packte, zu allem fähig sein würde. Es sollten sich diese abtrünnigen Silven noch lange an Morwenna von Falkenweld erinnern. So stand sie, sah grimmig auf die herbeieilenden Silven hinab und vergaß die anfängliche Angst. Oliver, der sie anblickte, erkannte ihre Entschlossenheit und war froh, kein Silv zu sein, wenn seine Herrin erzürnt war.

„Mylady“, sagte er vorsichtig. „ihr solltet nicht länger hier stehen. Ihr müsst zu eurem Sohn gehen, der sich nach euch sehnt. Wir werden die Silven aufhalten oder nicht. Wenn man es genau betrachtet, dann hängt alles von den Elstern ab und ob sie Hilfe finden, die uns in der Kürze der Zeit erreichen kann. Dann wird alles besser“, sagte er hintergründig und hoffte, sie wäre vernünftig. Morwenna entspannte sich für einen Augenblick. Sie sah Oliver in die Augen und dachte an ihre ersten Stunden auf Falkenweld und an die Hilfe, die sie seitdem von diesem Mann erhielt. Sie wäre schon längst verzweifelt, hätte sie nicht Oliver an ihrer Seite gehabt. Die Männer, die ihnen zuhörten, wussten, dass sie für diese Frau in den Tod gehen würden. Das war eine schöne Vorstellung und nahm dem Angriff der Silven seinen Schrecken. Und nur das brennend ohnmächtige Gefühl, nicht nur vom Tod ereilt, sondern noch im Tod missbraucht zu werden, um ein unsinniges Leben zu leben, fremdbestimmt von diesen Schändern, ließ sie verzweifeln.

 

„Schießt die brennenden Pfeile endlich ab! Wir wollen uns die Feinde ansehen, die an unsere Türe klopfen“, rief Hauptmann Odran Judd grimmig seinen Männern zu, als sich die Nacht über Falkenweld gesenkt hatte. Sie traten alle einen Schritt zurück und entzündeten die Pfeile an den brennenden Kübeln mit Fett. Dann stellten sie sich an die Mauer und schossen, wie es vereinbart war, die Pfeile ab. Mitten hinein in einige mit Stroh gedeckte Dächer der Häuser in Falkenweld. Sie fingen sofort Feuer und erhellten in Sekundenschnelle die ganze Burg und den Bereich davor. Hatten die Silven gedacht, sie könnten sich wie Strauchdiebe ungesehen hier einschleichen und sich die wehrlosen Menschen holen, so waren sie nun eines Besseren belehrt. Sie hielten kurz inne, so als versuchten sie zu ergründen, warum die Menschen sich Licht herbeischafften. Als die ersten Silven zu Tode getroffen am Boden lagen, erkannten sie die Absichten der Menschen und sie knurrten und murrten in ihre bartlosen Gesichter. Sie waren erzürnt und wichen murrend zurück. Für den Augenblick jedenfalls und die Männer auf der Burg schöpften Hoffnung, sie in Schach halten zu können. Doch da die Silven nun außerhalb der Reichweite der Pfeile standen und warteten, kamen die Soldaten nicht nochmal zum Zug, die Silven niederzumähen, wie sie es geplant hatten.

„Es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Sie warten ab, bis die Feuer erloschen sind“, knurrte Odran in seinen Bart. Oliver, der neben ihm stand, sah die Absicht der Abtrünnigen und verlor erst die Hoffnung. Doch dann war er wieder obenauf.

„Wir haben nur wenige der Häuser angezündet, sagte Oliver. „Wir warten auf Hilfe, die sicher irgendwann eintreffen wird. Wenn die Silven nicht näher heranrücken, dann müssen wir nur noch die restlichen Häuser eines nach dem anderen anzünden, bis es Tag geworden ist. Wir müssen es nicht so hell erleuchtet haben wie eben, um die Schweine dort unten töten zu können“, sagte er erzürnt. „Und wenn mich mein Gefühl nicht trügt, dann müsste in diesen Tagen das Heer der Könige nach Süden ziehen, so wie es die Weissagung berichtet. Doch nicht nur das macht mich entschlossen, bis zum Morgen auszuharren, sondern das, was sich die Bauern erzählt haben, die ihre Beziehungen ins Land hinein hatten und denen das Heer weiter nördlich schon begegnet ist.“

„Nun, die Aussicht, dass die Heere aus dem Norden bald an uns vorbeiziehen, hilft“, sagte Hauptmann Odran zustimmend und sie hielten die Nacht über Ausschau nach den Silven, von denen sie noch einige töten konnten. Es waren jene, die die Gier nach den Menschen überkam und die deshalb trotz des Lichtes hofften, die Burgmauer überwinden zu können. Olivers Plan ging auf. Als es Tag wurde, zogen sich die Silven in einen weiten Kreis hinter die Burg zurück. Die Menschen warteten entsetzt auf die Nacht, die folgen sollte, und hofften darauf, dass ihnen die restlichen Häuser auch über die nächste Nacht hinweghälfen. Als sich Oliver endlich ein wenig zum Schlafen niederlegen wollte, roch er schon bald den leidigen Brandgeruch der Nacht. Es war nicht nur ein Gefühl, sondern es war tatsächlich so. Es brannte um Falkenweld herum. Als er die Augen öffnete, sah er das flackernde Licht. Er hörte Odran laut und erzürnt über die Männer hinweg schimpfen.

„Sie haben alle Häuser um Falkenweld entzündet, diese Schweine“, rief er erzürnt und leise murmelte er vor sich hin. „Wir sind bis zur Nacht am Ende, denn wir können dann den Feind nicht mehr sehen und ihn töten.“

Einige Männer konnten seine zornigen Worte hören, und weil sie Odran als mutigen, entschlossenen Mann kannten, wagten sie nicht, über ihr unrühmliches Ende in der kommenden Nacht nachzudenken. Sie versanken in einer stillen, niemals zuvor gekannten Furcht, die in ihnen aufzog wie ein gieriger Krampf, der sie lähmte und ihnen den Tod näherbrachte.

Odran Judd, ein Hauptmann, der sich selten in Angst und Schrecken versetzen ließ, fühlte sich von dem Unbekannten bedroht. Diese abtrünnigen Silven verkörperten das Böse, das man nicht bekämpfen konnte. Eine dunkle Ahnung vor dem eigenen Versagen streifte Odran und er wäre gerne geflohen. Als er sich umdrehte, sah er in die Augen seiner Männer, die ihn fragend anblickten und die ihm überallhin gefolgt wären. Er begriff, dass sie eine entschlossene Haltung von ihm erwarteten. Deshalb besann sich Odran auf seinen Verstand, der ihn kaum einmal im Stich gelassen hatte. Er ballte die Fäuste, sah hinunter auf die fremden Hunde und fragte sich, ob diese Wesen wirklich über solch außergewöhnliche Kräfte verfügten, wie man es ihnen nachsagte. Und ob sie ausreichten, um an der fast glatten Mauer, die kaum Vorsprünge und Unebenheiten aufwies, hochzuklettern und in die Burg einzudringen. Er zweifelte offen daran, wusste aber, dass sie sich in den Dörfern schon schlauer und tatkräftiger gezeigt hatten, als er es sich wünschte. Deshalb rechnete er mit dem Allerschlimmsten. Er traute diesen Abtrünnigen nicht. Odran Judd dachte daran, was sein Vater getan hätte, wäre er in dieser ausweglosen Situation gefangen gewesen. Odrans Vater war Hauptmann der königlichen Wache in Leofan gewesen und er war einer der glänzendsten Strategen, die das Land je gesehen hatte. Und wenn er jetzt hier wäre, würde er sicher heißes Pech bereithalten, um es den Silven auf den Pelz zu braten. Immerhin diese eine Idee hatte Odran.

„Schafft Kübel und Pech heran und erhitzt es. Wir werden den Abtrünnigen den Pelz verbrennen“, rief er grimmig den Männern zu, die sich sofort auf den Weg machten. Sie waren froh, handeln zu können. Brennbares, um das Pech zu erhitzen, gab es auf der Burg genug. Sie war so konstruiert, dass man sogar die Hölzer aus der Burgkonstruktion verbrennen konnte. Ein Notgroschen für ausweglose Belagerungen, wie ein früherer Herzog von Falkenweld einmal scharfzüngig behauptet hatte.

Oliver Hurst, der nicht schlafen konnte und die hektischen Vorbereitungen des Hauptmanns verfolgte, ging nach oben auf die Mauer, die der umtriebige Mann noch keine halbe Stunde zuvor verlassen hatte. Odran stand dort oben und grübelte und übersah fast die Ankunft Olivers.

„Es wird zwar spät dunkel, doch ist die übrige Nacht noch lang genug, uns Ärger zu bereiten“, schimpfte Odran und sah mürrisch auf die brennenden Häuser, die bald bis auf die Grundmauern heruntergebrannt wären. „Ein Jammer um diese schönen Häuser.“

„Seid nicht so schwermütig, Hauptmann Odran“, sagte Oliver. „Wir haben noch einen Trumpf im Ärmel. Es wird ein gewagtes Unternehmen sein, aber wenn es klappt, dann werden wir den Silven gehörig zusetzen“, sagte er mit einem vielsagenden Lächeln auf den Lippen und sonnte sich in dem erstaunten Blick des Hauptmannes. „So sprecht endlich!“, rief Odran aufgeregt, der für jeden brauchbaren Vorschlag dankbar war. Oliver war immerhin der Verwalter auf Falkenweld, er mochte eine gute Idee haben.

„Wisst, Odran“, sagte Oliver einleitend. „vielleicht habt ihr auch schon davon gehört. Es gab dereinst einen Herzog von Falkenweld, der ein Bauernmädchen liebte, das er nicht ehelichen konnte. Er ging eine standesgemäße Ehe mit einer Adligen ein und behielt die Liebschaft zu der Bauerstochter bei. Um so oft, wie es ihm beliebte, bei ihr zu sein, ließ er von Falkenweld aus einen Tunnel in ihr Dorf graben. Er besuchte sie stets am frühen Abend und war erst am Morgen wieder auf der Burg zurück. Soweit ich weiß, hatten sie mehr als zehn Kinder und die Herzogin von Falkenweld musste sich mit einem Kind begnügen oder waren es sogar zwei?“, dachte Oliver nach.

„Hört auf mit der Geschichte“, rief Odran ungeduldig. „Sagt lieber, worauf es hinausläuft, Mann.“ Oliver grinste über das ganze Gesicht.

„Nun denkt doch mit, Odran. Wir haben uns in unserer Angst vor den Silven auf Falkenweld so kunstgerecht verschanzt, dass wir nun auf die Hilfe von außen angewiesen sind, die wir vielleicht erhalten werden oder aber auch nicht. Das hängt von vielen Unwägbarkeiten ab. Wenn wir es jedoch schaffen, Männer vor die Burg zu bringen, die von dort heimlich die Silven aus dem Hinterhalt töten, dann haben wir wieder einen entscheidenden Vorteil. Wir müssen nur die besten Bogenschützen mitnehmen, die es sich zutrauen und die Nerven behalten. Dann werden wir dieses Otterngezücht vom Erdboden tilgen können. Und falls der Plan schiefgeht, dann werden wir zurück zum Dorf hetzen und uns dort in den sicheren Gängen, die nach Falkenweld führen, verschanzen“, sagte Oliver abschließend. Er erwartete jetzt ein großes Dankeslied des Hauptmannes und wunderte sich, dass er es nicht schon längst anstimmte. Oliver war erstaunt, wie ernst Odran Judd aussah, gerade so, als hätte er sauren Wein getrunken. Und nun war es Oliver, dem alles zu viel wurde.

„Nun sprecht endlich und erklärt mir euer sauertöpfisches Gesicht, Odran“, schimpfte Oliver und wirkte so ungeduldig wie vorher der Hauptmann.

„Das ist ein Plan, der viele Schwierigkeiten bereithält und den man erst in allerletzter Not aus dem Ärmel ziehen sollte. Denn wenn ihr zusammen mit den Silven, die euch zudem zahlenmäßig überlegen sind, vor den Toren der Burg steht, dann werden eure Aussichten, das Ganze zu überleben, gering sein, das sage ich euch jetzt schon. Wir sollten dringend auf die Hilfe von draußen hoffen und die Angreifer mit heißem Pech begrüßen, wenn sie zu dicht an die Burg heranrücken. Das zum einen“ sagte er und dachte noch einen langen Moment lang nach. „Aber wir sollten auch eine kleine Truppe fest entschlossener Männer in der Hinterhand halten, die sich für diesen Plan begeistern können. Doch habt immer vor Augen, dass der sorgsam erdachte Plan misslingen kann. Mein nüchterner Sinn warnt mich seit jeher vor solchen heldenhaften Himmelfahrtskommandos, die in Wirrnis enden können. Nur ganz selten gelingt es so, wie es sich der Planer des Handstreichs vorstellte. Man zahlt weitaus häufiger viel Blutgeld, ohne den erwünschten Erfolg zu erhalten. Glaubt es mir. Trotzdem suchen wir euch eine Handvoll Männer, die an diesem Gedanken Gefallen finden. Haltet euch bereit, falls wir hier in Bedrängnis geraten. Darüber hinaus weiß ich, wenn hier schon fast alles verloren ist, birgt euer Plan einen gleißenden Hoffnungsschimmer, der die Unstimmigkeit des Vorhabens hell überstrahlt. Und immerhin habt ihr dann die Freude bald zu sterben, aber auch bald euren Körper den Abtrünnigen zu übergeben. Ihr werdet arm dran sein, mein Freund. Schon alleine deshalb finde ich diese Idee wenig reizvoll. Aber so ist es nun einmal. Kriegszeiten sind gefährlich“, sagte Odran grimmig und grinste ein wenig schief. Dann ging er und suchte die Männer für Oliver aus. Es waren seine besten und tapfersten Kämpfer.

 

Die Nacht kam schneller als erwartet und der Halbmond, der gestern Nacht noch bei klarem Himmel hell erstrahlte, wurde jetzt von vorüberziehenden Wolken völlig verdeckt. Es war eine finstere Nacht, die keine Hoffnung auf einen neuen Tag erweckte. Die letzte Hoffnung erstarb, die Silven töten zu können, wenn sie anrückten. Die Kübel mit dem Pech waren erhitzt und brannten auf kleiner Flamme weiter. Die Männer auf der Mauer stierten angestrengt nach unten und einige hatten ihre ganz jungen Söhne mit auf der Mauer dabei, die auch noch in dieser finsteren Nacht ein gutes Auge hatten. So standen die Zehn- bis Vierzehnjährigen bei ihren Vätern und blickten in den dunklen Abgrund hinab, um Silven zu erkennen, die sich der Burgmauer näherten.

„Seid still, wenn wir nicht sehen können, müssen wir hören, was dort unten vor sich geht“, raunte Odran seinen Männern zu, die diesen Befehl flüsternd weitergaben. Es war unheimlich auf der Mauer. Finster wie im Grab. Und sie durften sich nicht einmal ihre Ängste von der Seele reden.

Totenstille umfing die Männer auf der Burg. Da kein Wind wehte, vernahmen sie nach einer Weile jeden Laut, der von außen zu ihnen drang. Sie lauschten und stierten und Odran wusste, dass sie bald am Ende ihrer Kräfte wären und er war glücklich, Olivers Plan in der Hinterhand zu wissen. Jetzt in dieser hoffnungslosen Nacht betrachtete er es als einen verlockenden Gedanken, die Männer sofort durch den geheimen Gang zu schicken. Doch er beherrschte sich. Odran wartete noch ab. Er hörte die Silven an die Burg herankommen. Sie schlichen sich gekonnt an die Mauer und die jungen Männer auf der Burg spannten lautlos ihre Bögen. Sie standen horchend dort oben und schossen nach einigen Sekunden ihre Pfeile los. Sie schnellten in die Finsternis hinaus und einige Silven fielen stöhnend und getroffen zu Boden. So ging es weiter und Odran, der auf der Burg stand, zählte die Verluste der Silven an seinem Tor zusammen. Sie hatten in der letzten Stunde zehn Silven getötet. Eine schöne Zahl sicher, wenn auch die Männer an den anderen Toren so erfolgreich waren, dachte Odran. Jedoch waren es viel zu wenige, wenn er in Rechnung stellte, wie viele Silven vor den Toren noch ausharrten. Es waren sicher mehrere hundert oder gar noch mehr. Der Hauptmann wusste, dass die Bogenschützen nicht jeden von ihnen töten konnten, weil sie in dieser dunklen Nacht die Hand vor Augen nicht sahen. Nicht jeder Pfeil, den sie abschossen, traf sicher sein Ziel. Odran entschied, sich mit Oliver und der Herrin zu besprechen. Er ging hinunter in den Burghof und traf dort auf Oliver Hurst. Oliver trieben ähnliche Gedanken um.

„Erscheint es dir nicht auch seltsam, dass diese Abtrünnigen mit so wenigen Leuten versuchen, die Burgmauer zu erklim­men?“, fragte Odran Oliver Hurst, der in der Dunkelheit neben ihm stand. Sie konnten ihre Gesichtszüge nicht deutlich sehen, ihre Stimmen jedoch ließen ihre Gemütslage erkennen. „Wollten sie mit Macht die Burg erstürmen, dann könnten sie es in dieser düsteren Nacht leicht erreichen. Wir könnten nicht alle töten, die die Mauer hochklettern. Sie könnten versuchen, uns zu überwältigen. Doch glaube ich, es wäre wesentlich lohnender für die Silven, wenn sie nur einen hätten, der ungesehen die Mauer überwindet und ihnen von innen das Tor zur Burg öffnete. Es genügte ein einzelner Silv, den wir übersehen, und wir wären erledigt“, sagte Odran zu Oliver.

„Dieser Gedanke kam mir auch schon“, entgegnete ihm Oliver, der nachdenklich in die Dunkelheit starrte, die nur von den niedrigen Feuern auf der Burgmauer, die das Pech heiß hielten, durchbrochen wurde. „Wenn das ihre Absicht ist, verstehe ich, warum nur so wenige Silven an die Mauer herankommen, um sie zu überwinden.“ Odran nickte und spann diesen Gedanken weiter.

„Was wäre, wenn man sie absichtlich in die Burg locken würde. Man müsste sich nur zurückziehen und ihnen den freien Eintritt gewähren. Die Burg selbst bietet viele Verstecke und Zimmer, in denen die Menschen Zuflucht finden können, bis wir die Silven in einen Hinterhalt gelockt und getötet haben“, sagte Odran nüchtern und strich sich über seinen Bart. „Die Wachmannschaften ließe ich in Deckung gehen, und wenn die meisten der Silven in der Burg wären, sollte man hier alles hell erleuchten und alle Eindringlinge aus dem Hinterhalt heraus mitleidlos abschießen.“ Odran lächelte. „Bedenkt, Oliver, dieser Plan ist fast noch besser als euch und die Männer in den Gang zu schicken, um euch auf freiem Feld diesen Kreaturen zum Kampf zu stellen.“

„Ihr seid erstaunlich, Odran“, sagte Oliver überrascht. Hatte er doch den ganzen Tag über den Eindruck gehabt, Odran wäre schwermütig geworden angesichts der Gefahr vor dem Burgtor. Und nun kam er mit einer faszinierenden Strategie in der Tasche zu ihm zurück. Einem Schlachtplan, dem Oliver nur mit ganzem Herzen zustimmen konnte.

„Wir müssen mit Lady Morwenna sprechen, Odran. Sie muss dringend etwas von eurem Vorhaben erfahren“, sagte Oliver mit ehrlicher Überzeugung in der Stimme. Odran nickte vorsichtig. Er kannte Lady Morwenna schon sehr gut und wusste, sie war keine Zauderin. Sie würde wohl die Idee gutheißen. Außerdem müsste sie sowieso zustimmen. Denn ohne das Einverständnis der Herzogin konnte kein Mann ein Tor zur Burg öffnen, das käme einem Todesurteil gleich.

„Gehen wir, Oliver“, sagte Odran mit frischem Schwung. „Der Plan muss durchgeführt werden, ehe die Silven ihre Meinung ändern und wir sie nicht mehr zu fassen bekommen.“

Er trat auf Oliver zu und schlug ihm mit der flachen Hand dankbar auf die Schulter. So dauerte es nicht lange und sie standen Lady Morwenna gegenüber. Sie schien wach gewesen zu sein. Morwenna hatte tiefe Ringe unter den Augen. Es schien nicht die erste Nacht gewesen zu sein, die sie durchwacht hatte. Die Herzogin war ungewöhnlich blass. Seinem Gefühl folgend wollte Odran die Herrin schonen, aber ehe er dazu kam, atmete Morwenna tief durch und wurde ernst.

„Fangt nicht an, mich erneut zu bemuttern, Hauptmann Odran“, sagte sie ohne zu zögern. Sie kannte seinen Blick mittlerweile schon. Wäre Ilari nicht in die Schlacht gezogen und als Herr auf Falkenweld geblieben, Morwenna wäre in ihre Rolle als sanfte Herrin geschlüpft und glücklich darüber gewesen, die Bürde der Entscheidung von einem Mann abgenommen zu bekommen. Von welchem Mann auch immer. Jetzt aber war ihr Verstand gefragt. Sie hielt die Zügel in der Hand und sie musste sich entscheiden, wie es weiterging. Sie litt nicht darunter. Morwenna nahm die Aufgaben an, wie sie an sie herantraten, und versuchte, sie angemessen zu erfüllen.

„Es ist eine sehr dunkle Nacht heute, Hauptmann Odran. Man sieht kaum die Hand vor den Augen, und wie ich hörte, haben wir keine Möglichkeit mehr, außerhalb der Burg ein Feuer zu legen, um die Feinde zu sehen, wenn wir sie abschießen wollen“, stellte sie fest. Er stand zerknirscht vor ihr und schwieg. Morwenna bemerkte es und lächelte ihn an.

„Es ist nicht eure Schuld, wenn die Silven erkannten, wie eure Taktik aussah. Es ist nichts mehr daran zu ändern. Aber sagt, habt ihr vielleicht noch einen guten Vorschlag, den man in dieser finsteren Nacht umsetzen könnte?“, wollte Morwenna von ihm wissen. Odran war erleichtert aufgefordert zu werden, seinen gewagten Plan vorzustellen.

„Genau deshalb komme ich zu euch. Wir haben beschlossen, die Angriffe der Silven nicht mehr abzuwehren, sondern sie hier in die Burg kommen zu lassen. Man muss Feuer vorbereiten, die man anzündet, wenn sie hereingekommen sind. Es muss hell sein, wenn man sie töten will. Wir werden das Tor hinter ihnen schließen, um ihnen den Fluchtweg abzuschneiden. Ihre Gier wird sie ganz sicher zu uns führen und, wenn wir Glück haben, unvorsichtig werden lassen. Die Silven mögen mächtig sein, aber der richtige Handstreich zur richtigen Stunde kann das Schlimmste auf Falkenweld verhindern“, sagte er zu Morwenna. Sie blickte ihn ernst an, dachte deutlich erkennbar nach und kam zu keinem Schluss, wie es Odran schien. Sie ist zu zögerlich, dachte er und wollte ärgerlich werden.

„Wir befinden uns in einer verzweifelten Lage, Hauptmann Odran, wie ich sehe“, sagte Morwenna und holte tief Luft, ehe sie weitersprach. „Doch ist es nicht ein gewagtes Unterfangen, dem Feind freiwillig das Tor zu öffnen? Wir wissen auch nicht, wie schnell und behände die Feinde sind, wenn sie sich in der Burg fortbewegen. Und wie tapfer die Männer noch sein werden, stehen sie den Silven Auge in Auge gegenüber. Sie sind schon ein erschreckender Anblick, Hauptmann Odran. Sie sehen uns ähnlich, das ist unbestritten, aber jeder Mensch erkennt ihre körperliche Überlegenheit sofort. Sogar ein einfacher Silv erregt diese Aufmerksamkeit. Wenn eure Leute nur einen Augenblick zögern oder gar ihr selbst euch nicht mehr sicher seid, liefert ihr uns den Silven aus. Wir wären dann verloren. Könnt ihr mir versichern, dass dies nicht geschehen wird?“, wollte Morwenna von ihm wissen. Trotz seiner Siegesgewissheit ging der mutige Hauptmann noch einmal in sich, um alle berechtigten Einwände, die sie vorbrachte, zu prüfen. Morwenna hob nur kurz die Augenbraue, hatte sie doch nicht mit solch einem kühnen Vorschlag gerechnet und mit der Kaltblütigkeit, mit der der Hauptmann seinen Vorschlag erneut überdachte. Sie fasste ein tiefes Vertrauen in Odran Judd.

„Bei meiner Sache bin ich mir sicher, Mylady. Doch hat auch Oliver Hurst noch einen Plan in der Hinterhand, den ihr ebenso hören müsst, Lady Morwenna“, sagte Odran einfach. Morwenna nickte und dachte noch über Odrans Plan nach, während sie Oliver zuhörte. Sie war ein wenig verdutzt zu erfahren, dass es auf Falkenweld einen unterirdischen Gang hinaus in die Freiheit gab. Niemand hatte ihn bisher ihr gegenüber erwähnt.

„Da ist der Ehebruch eines Herzogs von Falkenweld doch wenigstens einmal zu etwas nutze“, sagte sie trocken und dachte an die arme Frau des Herzogs die Nacht für Nacht ihren Mann durch den Gang hatte davoneilen sehen. Doch auch sie wollte nicht abschweifen.

„Wie gebrauchsfertig ist der Gang, Oliver?“, fragte sie ihren Verwalter, der mit dieser Frage schon gerechnet hatte.

„Ein ausgewachsener Mann kann mit aufrechtem Gang durch ihn hindurchschreiten. Man braucht eine Fackel, sonst ist es zu dunkel, und es ist ein wenig modrig und luftleer, aber wenn man das Ende vor Augen hat, dann kann man es wagen hindurchzugehen“, sagte Oliver.

„Ja, und das Ende hatte der alte Herzog ganz sicher jede Nacht erneut im Auge“, sagte Morwenna ernüchtert. Dann schwieg sie sehr lange. Odran befürchtet schon, sie würde nie mehr wieder einen Ton sagen, als sie zu lächeln begann. Mit sicherer Stimme ließ sie ihre beiden besten Soldaten wissen, was sie ersonnen hatte.

„Ich möchte die Frauen und Kinder durch diesen Gang in das entfernte Dorf schicken, bevor ich den Silven Einlass in meine Burg gewähre. Wenn die Menschen sich alle im Gang und schon weit darüber hinaus in dem Dorf am anderen Ende befinden, dann werden wir Hauptmann Odrans Kriegskunst in die Tat umsetzen. Wir werden den abtrünnigen Silven einen Empfang bereiten, dass ihnen Hören und Sehen vergehen wird. Vielleicht können wir dadurch dem Schicksal ein wenig von seinem Schrecken abringen. Doch erst werden die Menschen durch den Gang hinausgebracht. Darunter wird sich auch mein Sohn Leander befinden, zusammen mit seiner Amme. Deshalb will ich die Soldaten, die sich für Olivers Kommando gemeldet haben, mit in den Gang schicken. Sie sollen die Menschen beschützen, und wenn sie in Sicherheit sind, von der anderen Seite die Burg angreifen. Wir würden die Tore, wenn sie zurück sind, wieder öffnen. Olivers Verband kann sie dann mit einem feinen Pfeilregen gebührend bei ihrer Flucht in die Freiheit überraschen. Wir selbst werden nämlich ziemlich beschränkt hinter unseren Barrikaden liegen und die Silven ins Kreuzfeuer nehmen. So ist der Plan ein wenig ausgereifter. Die Burg soll nicht zur Todesfalle für die Flüchtigen werden, die sich auf meinen Befehl in meine Obhut begeben haben“, sagte Morwenna entschieden.

„Ich kann eure Bedenken verstehen und ich weiß um die Gefahr, die wir uns in die Burg holen“, sagte Odran noch einmal zu Morwenna. „Doch wisst, ich habe entschlossene und tapfere Männer unter meinem Kommando, die sich nicht angesichts einer größeren Macht ins Bockshorn jagen lassen. Sie werden, wenn wir die Feuer erleuchten, die Feinde unerschrocken abschießen, darauf gebe ich euch mein Wort, Mylady. Die Menschen, die hier Schutz gesucht haben, wären nicht in Gefahr“, sagte Odran und schwieg. Er sah ihr in die Augen und sah, wie sie die letzten Zweifel niederkämpfte.

„Ich kann mich nur auf euer Wort verlassen, Hauptmann. Doch vertraue ich euch und euren Fähigkeiten und bin einverstanden mit eurem Plan. Die Frauen und die Kinder jedoch verlassen die Burg durch den geheimen Gang“, antwortete sie ihm und gab ihm lächelnd ihre Hand darauf.

„Noch auf ein Wort, Hauptmann“, sagte sie zu ihm. „Wenn Oliver mit den Frauen und Kindern durch den geheimen Gang in die Dörfer geht, dann schickt ihm genügend tapfere Männer mit, die ihnen zur Seite stehen, falls sich die Dinge in den Dörfern anders gestalten, als ihr es erwartet. Mein Sohn Leander ist mit der Kinderfrau ungeschützt, wenn sie das Dorf erreichen. Ich kann nicht das Leben des zukünftigen Herzogs von Falkenweld riskieren. Entscheidet, wie viele Männer ihr braucht, um hier die Arbeit zu erledigen. Ich werde jetzt gehen, doch bald wieder zu euch stoßen“, sagte sie, und als der Hauptmann zuerst zögerte zu gehen, weil er besser informiert werden wollte, winkte Morwenna ab.

„Was auch immer ihr euch denkt, ich habe meine Entscheidung getroffen und ihr könnt nichts daran ändern“, sagte sie und ging weg. Sie ließ Odran unverrichteter Dinge stehen, der sich daran erinnern musste, was er zu tun hatte. Die Herzogin hatte ihn überrascht und so etwas geschah nicht häufig.

Morwenna ging entschlossen zur Amme ihres Sohnes Leander. Sie küsste ihren Sohn, legte ihm eine goldene Kette um den schmalen Hals, die ihn als Leander von Falkenweld auswies, und gab der Amme und ihrem Kind ihren Segen. Als die Amme sah, was Morwenna vorhatte, brach sie in Tränen aus.

„Ihr müsst mitkommen, Herrin“, sagte sie unter Tränen und wies auf Leander, der noch friedlich schlief.

„Sei still, Kaelyn“, sagte sie und legte beruhigend ihre Hand auf den Bauch des schlafenden Säuglings. „Ich will Leander in sicheren Händen wissen und du bist mein bestes Eisen im Feuer. Dir vertraue ich das Leben des Herzogs von Falkenweld an. Du musst ihn schützen und klug handeln, damit ich ihn, wenn wir die Silven getötet haben, gesund und munter wiederbekomme. Denn nur darauf hoffe ich. War ich doch zu Hause in Tamweld die beste Bogenschützin, sogar besser als mein Bruder, der Thronfolger. Deshalb bleibe ich hier, um meine Burg und mein Volk zu vereidigen. Ich werde Odran eine große Hilfe sein und du bist meine Hilfe, die ich mir ausgesucht habe. Als Mutter für mein Kind. Also fliehe mit allen meinen Hoffnungen mit meinem Sohn Leander. Geh, wenn es nötig ist und die Zeichen schlecht stehen, du keinen Hoffnungsschimmer mehr hast, in die Nebelhöhen und nach Wallis zu König Alasdair Dowell. Dort seid ihr beiden für eine Weile sicherer als hier auf Amber vor den Nebelhöhen. Tue alles, was in deiner Macht steht, Kaelyn, damit ich später meinen Sohn wieder in den Armen halten kann. Wie ich auch hoffe, meinen Mann nach langer Zeit wieder in die Arme zu schließen.“

Sie küsste die Amme, wie sie es mit einer Schwester getan hätte, gab ihr genügend Geld mit, um sich sicher durchzuschlagen, wenn es nötig wäre, und schickte sie mit Oliver in das sichere Dorf, weit weg von den Kriegshandlungen auf Falkenweld. Als sie sie alle in dem Gang verschwinden sah, nahm sie sich ihren Bogen und den Köcher und zog sich um. Schwarze Kleidung war besser geeignet dort draußen im Hof der Burg Falkenweld, als ein weißes, leuchtendes Kleid. Sie nahm schwarze Beinkleider von Ilari, die sie hochkrempeln und mit einem Strick in der Taille binden musste und ein dunkles Hemd von ihm, das ihr fast bis an die Knie reichte. Als sie sah, wie klein sie war, musste sie schmunzeln. Ich werde einen Schemel brauchen, um nicht die eigenen Männer zu erschießen. Oder in die vorderste Reihe gestellt werden. Sie dachte einen kurzen Augenblick lang über die Gefahr nach, in die sie sich begab. Dann lachte sie in sich hinein, wunderte sich noch, woher sie die Hoffnung hatte zu siegen. Nichtsdestotrotz gab sie sich dankbar diesem Gefühl hin und meldete sich bei Odran Judd. Der nahm sie mürrisch unter sein Kommando, nachdem er alles mitgeteilt bekommen hatte, und schwieg darüber, was er davon hielt. Seine Männer wussten jedoch, was Odran davon hielt, die Herzogin in die erste Reihe mitten ins Schlachtengetümmel zu stellen. Nämlich gar nichts. Doch in dieser Nacht war nicht die Zeit für Auseinandersetzungen. Sie waren darauf angewiesen, dass alles reibungslos ablief. Odran postierte die Männer und die Herzogin strategisch richtig und gemeinsam warteten sie ab, was geschehen würde im Laufe der Nacht.

 

Morwenna und die Soldaten hatten die Feuer rechts und links vom Tor postiert und lagen hinter hastig aufgestapelten Säcken und Fässern im sicheren Abstand zum Tor. Dort harrten sie aus. Und wie es Odran erwartet hatte, kletterten schon bald einige der Silven behände über die Mauer. Sie wurden von den Wachen durchgelassen und es war fast unglaublich für ihn, als er sah, wie behände sie die Mauer überwanden. Früher waren sie stolz auf ihre unüberwindlichen Mauern gewesen. Das galt jedoch nicht für Silven, sie waren mit allen Wassern gewaschen, wie es Odran schien. Und fast war er versucht, sich zu fürchten. Doch das war unnötig, denn er kannte seine eigenen Fähigkeiten gut genug, um mutig zu bleiben. Einer der vier hartnäckigen Abtrünnigen hatte sich als erster vorgewagt. Er war groß. Größer als es ein großer Mann der Menschen war, und viel athletischer. Der Silv hatte silbriges Haar, das nun ein wenig leuchtete, als er so dicht an die versteckten Menschen trat. Seine Erscheinung war beeindruckend und alle, die ihn sahen, fragten sich, warum er sein Leben mit dem der Menschen vertauschen wollte. Sie hätten es wohl alle eher mit ihm getauscht, denn sein Anblick gefiel ihnen. Bis er näher trat und die Soldaten in sein Gesicht sehen konnten. Es war scharf und schön geschnitten und so eigenartig silbrig wie die Haare. Doch vor diesem Gesicht wichen die Männer instinktiv zurück. Es war bar jeglichen Ausdrucks, wirkte leer und entseelt. So als ob diese Wesen zu keiner tieferen Empfindung fähig wären, außer zur gnadenlosen Gier nach verstorbenen Menschen, die sie missbrauchten und von denen sie sich die Empfindungsfähigkeit liehen. Alle Männer wichen erschrocken vor diesen Geisterwesen zurück und sie wünschten sich nun nichts mehr, als sie alle zu vernichten, um nicht in ihren Körpern ein seelenloses Dasein zu fristen. Sie wurden alle von kalter Furcht durchdrungen und erstarrten vor den Silven. Als sie sich wieder in ihrer Gewalt hatten, kauerten sie sich tief hinter die Absperrungen, die sie errichtet hatten und die der Silv nicht als Gefahr erkannte. Er schien einzig daran interessiert zu sein, das Tor endlich zu öffnen, um seine Meute einzulassen. Morwenna, die sah, wie der Silv auf das Tor zuging, war versucht ihn zu töten, ehe er sein Werk vollenden konnte. Sie stand hinter der Absperrung auf, spannte den Bogen mit ruhiger Hand und zielte, aber kurz bevor sie ihn erschoss, wurde sie sich ihrer Strategie bewusst und erkannte, dass sie sie durch ihr vorzeitiges Eingreifen gefährdete. Morwenna ließ enttäuscht den Bogen sinken. Sie kauerte sich hinter die Absperrung und sah zu, wie der Mann gefolgt von einem zweiten auf das Tor zu hastete und es mit Hilfe des Freundes zügig knarrend öffnete. Morwenna begriff, was es zu bedeuten hatte, wenn das Tor geöffnet wäre. Sie spürte ihr Herz bis in den Hals klopfen und hatte das Gefühl, ihr würde die Kehle zugeschnürt. Sie war starr vor Angst, kaum fähig ihre aufrechte Haltung zu bewahren. Und gerade als sie sich in ein sicheres Nest wünschte, dachte sie an Ilari, der wie sie andauernd in solche Abenteuer verstrickt war und der wie sie die Beherrschung behalten musste. Sie erkannte hier im Burghof seine unerschrockene Stärke angesichts eines zu erwartenden Todes. Noch lebe ich, hörte sie ihn sagen wie damals, als sie auf der Flucht vor Edbert gewesen waren. Da wird sich der Tod anstrengen müssen, mir mein Leben zu entreißen, hörte sie ihn wieder sprechen und sie sah sein schiefes Grinsen auf dem Gesicht und erkannte den unerschütterlichen Mut, der ihn bis zuletzt beherrschte und sie musste innerlich darüber lachen. Und erst da hob sie mutig den Bogen, gerade als sich die Silven in den Burghof wagten. Sie zielte und sie wollte wieder schießen, als sie eine leise Stimme hörte.

„Noch nicht, Mylady“, sagte einer der Soldaten. „Lasst sie erst alle hereinkommen und uns das Tor wieder verschlossen haben, damit sie nicht wieder fliehen können. Dann könnt ihr sie nach Herzenslust erschießen, aber erst dann.“

Er lächelte ihr zu und sah wieder auf das, was vor ihnen geschah, und Morwenna erkannte, dass Odran seine Männer richtig eingeschätzt hatte. Es waren tapfere Männer, die alles, was sie besaßen, und da war ihnen das eigene Leben noch nicht einmal das Wichtigste, verteidigen wollten. Sie waren fest entschlossen und kaltblütig. Mit dem heutigen Tag war der Untergang der Silven vor Falkenweld besiegelt. Noch war das Tor nicht verschlossen. Es drängten immer mehr Silven in den Burghof herein und die ersten, die sich hier umsahen, näherten sich schon sehr dicht den Männern hinter der Absperrung. Aber immer noch gab Odran nicht den Befehl, die Feuer anzuzünden und sie zu erschießen, denn das Tor stand noch offen. Da sah Morwenna im Hintergrund mehrere sehr junge Männer, die kaltblütig und leise hinter die Silven an das Tor schlichen und gerade, als der letzte Silv hereingekommen war, schlossen die jungen Männer geräuschlos das Tor. Sie hoben den schweren Riegel und sahen wohl nicht genug, denn gerade als sie den Riegel vorsichtig in die Halterung legen wollten, glitt er einem der Männer aus der Hand und fiel donnernd in das kalte Eisen. Das Tor war zwar fest verschlossen, aber die Silven gewarnt. Die Silven drehten sich blitzschnell nach den Männern um und liefen erregt auf sie zu. Einige blieben stehen und dachten nach, sie witterten eine Falle und zwei von ihnen gingen entschlossen zum Tor zurück, um es wieder zu öffnen. Aber gerade als Morwenna fürchtete, dass sie es schafften, liefen einige Männer zu den Feuern und entzündeten sie. Auf der Stelle brannten sie lichterloh hoch. Sofort konnte jeder deutlich und nicht nur schemenhaft sehen, was im Burghof vor sich ging. Zwei Bogenschützen liefen aus ihrer Deckung zum Tor und schossen die Silven ab, die sich am Tor zu schaffen machen wollten, und in diesem Moment gab Odran den Befehl zu schießen und ein jeder der Männer und Morwenna selbst hatte schon die ganze Zeit einen der Silven aufs Korn genommen. Nun schossen sie sie nieder und griffen sich die nächsten Pfeile, um sie wieder und wieder zielsicher in die feigen Körper der Silven, die auf sie zu rannten, zu versenken. So ging es weiter, bis die letzten Pfeile fast verschossen waren, und als keine mehr übrig waren, aber immer noch einige der feigen Hunde über den Burghof hetzten, liefen die Männer aus ihren Unterständen heraus zu ihnen, um sich mit ihnen zu messen. Und trotz ihrer geringeren Größe oder Fähigkeiten sah Morwenna, wie sich die Männer ungeheuer tapfer schlugen. Sie waren von einer Macht getrieben, die ihnen innewohnte. Es war ihr Selbstvertrauen und ihre Wut und ihre Verzweiflung, die sie zu übermenschlichen Taten anstachelte. Es war etwas, das die Silven nicht kannten, und obwohl sie von Gier getrieben waren, reichten ihre Empfindungen nicht aus, um gegen die Menschen bestehen zu können. Bis auf den letzten Mann wurden die Silven von Pfeilen, dem Schwert und einfachen Messern vernichtet. Morwenna, die tatkräftig ihr Schwert gezogen hatte, war nicht gezwungen, sich zu verteidigen. Odrans Männer leisteten ganze Arbeit, und als der letzte Silv fiel, sank Morwenna auf ihre Knie und dankte ihren Göttern für diesen außerordentlichen Sieg. Dabei betete sie für die, die in den Gängen waren und die sich noch nicht in Sicherheit befanden. Sie mussten gleich zurückgeholt werden. Morwenna sprang auf und lief sofort zum Eingang des Tunnels. Sie griff sich eine Fackel, entzündete sie am schwelenden Feuer und trat mutig in den engen Gang hinein. Odran, der sie weglaufen sah, begriff, was sie vorhatte. Er rief einige Männer zu sich und sie eilten der Herzogin hinterher, um sie davon abzuhalten. Aber ehe Odran dazu kam, war sie mit ihrer Fackel im Gang verschwunden. Morwenna wusste, sie musste nur vorwärtsgehen, um zu ihrem Sohn zu gelangen, und Mutterliebe trieb sie an. So kam es, dass Odran weit zurückblieb, weil er sich erst eine Fackel holen musste, um dann hinter ihr her in den Gang zu hetzen. Er wurde wie sie getrieben, sie zu retten, falls sich noch Silven am anderen Ende im Dorf befänden.