Gimrad – Eine Weihnachtsgeschichte

Kesira fröstelte, als sie nach draußen ging, um frische Tannenzweige zu holen. Die Mutter hatte es ihr aufgetragen, damit sie schneller mit dem Schmücken des Hauses fertig würden. Das Essen stand auf dem Herd und im Ofen briet die frische Gans seit dem frühen Abend. Die Mutter lächelte, als sie ihre fast erwachsene Tochter zur Türe hinausgehen sah. Sie war stolz auf sie und sie wusste, dass sie bald heiraten würde. Dann müsste sie das Haus verlassen, aber wie es das Glück wollte, war sie dem Sohn des Müllers versprochen, der in der Mühle am Bach draußen vor dem Ort wohnte. Sie schloss die Türe und wendete sich dem Ofen zu. Es gab noch einiges zu erledigen, bevor Kesira wieder zurück wäre.
  Es fehlten noch Tannenzweige für die beiden Plätze, die am Tisch überzählig waren und leer bleiben sollten. Kesira hatte wie jedes Jahr darauf bestanden, sie für die Ahnen zu decken. Früher war es eine feste Sitte gewesen, an die Verstorbenen zu denken, die in der längsten Nacht des Jahres mit ihnen im alten Glauben das Gimradfest feiern sollten. Heute feierte man mit der neuen Religion das Weihnachtsfest. Die Pfarrer sahen es nicht gerne, wenn man die zwei Gedecke freihielt. Deshalb sprach man besser nicht darüber. Kesira machte sich jedes Jahr Gedanken darüber, wer sie besuchen sollte. Und jedes Mal sorgte sich die Mutter über ihre älteste Tochter, die vom Vater diesen heidnischen Namen erhalten hatte. Was hatte er sich nur dabei gedacht? So ein Name forderte das Schicksal gleich heraus. Da roch sie etwas anbrennen und kümmerte sich um ihr Essen. Wo blieb nur Kesira? Sie hatte nur den leichten Wollschal mitgenommen.
  Kesira zog den Schal fester um ihre Schultern. Sie roch den Schnee, der bald kommen sollte. Kesira hoffte, dass es noch in dieser Nacht schneien würde. Das junge Mädchen trat an die dunkelgrüne Tanne, die ihrem Elternhaus gegenüberstand. Es waren schon alle feinen Zweige herausgebrochen worden. Kesira zögerte, noch zwei Zweige von der Tanne zu fordern. Der Wuchs im nächsten Jahr wäre beeinträchtigt und sie liebte den hohen Baum, der ihr im Sommer Schatten spendete. Sie legte ihre Hand auf den kalten Stamm des Baumes und lächelte, als sie an den Sommer dachte. Da drangen Worte an ihre Ohren. Sie meinte, die Zweige sprechen zu hören. Als Kesira näher hinhörte, rauschte nur der Wind in den Wipfeln der Bäume. Kesira lächelte, glaubte sie doch, schon einzelne Worte verstanden zu haben. Sie schüttelte den Kopf und schalt sich, weil sie der alten Rabenkultur anhing. Ein bisschen nur, denn die alte Religion war doch schon längst von den Pfarrern verboten worden. Die Schwarzröcke würden sie an den Pranger stellen, wüssten sie, wonach sich Kesira mit aller Kraft sehnte. Da war es wieder und nun konnte es Kesira ganz deutlich hören. Es wisperte aus dem Stamm ihrer Tanne heraus.
  „Geh zur alten Buche, dort steht die frische Tanne, die nicht war, als du gestern dort gewesen warst. Brich dort die Zweige und denke an die Vorfahren deiner Familie. Wünsche dir einen besonders, auch wenn du ihn nicht kennst.“
Kesira wusste, sie hatte richtig gehört. Ohne zu zögern ging sie los zur alten Buche, die in der Nähe der Mühle ihres Verlobten stand. Sie begann zu frieren, weil sie nur das leichte Tuch trug. Egal, dachte sie und lief schneller, damit sie die Kälte nicht spürte. Sie hatte schnell den Bach erreicht und folgte dem Pfad, der zur verwunschenen Buche führte, die seit Menschengedenken dort stand. Knorrig und schief hatte sie bisher den Stürmen getrotzt, die andere Bäume schon vernichtet hatten. Doch woher die junge Tanne kam, die sie eben jetzt im Mondschein sah, konnte sie sich nicht erklären. Es war windig geworden und Kesira sah die Wolken, die den erwünschten Schnee bringen sollten. Sie fing an zu zittern, weil sich die kalte Luft um jede Faser ihres Körpers legte. Da sah sie, wie der Wind die hohen Zweige der Buche hin und her bewegten. Dann hörte sie das leises Raunen, das aus der Tanne kam. Sie verstand zuerst nichts und trat vier Schritte dichter an sie heran. Als sie dort stand, griff sie nach einem Zeig und wollte ihn abbrechen. Sie fürchtete sich ein wenig und wollte gleich gehen, als sie Worte hörte, die sie verstand.
  „Denk daran, du kannst auf dem Weg nicht umkehren, wenn du den Zweig brichst“, hörte sie die Tanne wispern.
  „Welchen Weg?“, fragte Kesira
  „Den Weg, den Verwandten zu begegnen. Ist es nicht das, was du dir so sehnlichst wünscht? Brich einen Zweig und wünsche dich dorthin, dann wirst du ihnen begegnen. Doch behalte den Zweig in den Händen. Wenn du ihn verlierst, musst du dein Leben dort verbringen. Einer deiner Verwandten wird sich solange bei deiner Familie einfinden, damit die Zahl der Seelen wieder stimmt in der jeweiligen Zeit.“
  So hörte sie es und für einen Augenblick zögerte Kesira noch. Doch die Neugierde auf das, was geschehen könnte, war größer. Sie streckte die Hand aus, brach den ersten Zweig, an den sie gelangen konnte, und spürte gleich darauf ein feines Zittern ihren Körper durchlaufen. Dann wurde ihr schwindelig und die Welt drehte sich so schnell, dass sie keine Einzelheiten mehr sehen konnte.
  „Hoffentlich falle ich nicht und erfriere im Bach. Nicht einmal Schnee haben wir zu diesem Weihnachtsfest“, sagte sie bedauernd und wusste nicht mehr, wo sie war. Sie schien durch einen feinen Nebel zu fallen und nach einigen Momenten traf sie auf etwas Festem auf.
  „Verflixt, was ist das für ein stinkender Pferdekopf?“, murmelte sie halblaut vor sich hin und rieb sich die Stirn. Dann richtet sie sich auf und stand zwei jungen Männern gegenüber, die sie überrascht ansahen. Keiner der drei jungen Leute sagte ein Wort. Erst als Oskar zu lachen anfing, stieg ein leiser Zorn in Kesira auf. Sie vergaß den anfänglichen Taumel, der sie ein wenig wie auf Wolken schweben ließ, sah den jungen Männern in die Augen und wunderte sich.
  „Nicht nur der Pferdekopf stinkt“, sagte Oskar. „Auch wir stinken, denn wir haben ihn zum Gimradfest auf den Straßen herumgetragen. Du bist sonderbar gekleidet“, stellte er fest. Kesira, die sich mitten in einem Wirbel der Gefühle befand und noch über seine Worte nachdachte, besonders über das Gimradfest, von dem er erzählte, wurde ärgerlich und wollte schon wütend auf Oskar zugehen, als sie spürte, dass sich das Wolltuch verheddert hatte und sie nicht freikam. Oskar sah es und half ihr es zu lösen. Da fiel Kesira auf, dass er kein Kreuz trug, wie sie es von den jungen Männern zu Hause gewohnt war.
  „Wenn dich der Pfarrer sieht, wird er dich bestrafen“, sagte sie zu Oskar Ashby, der die Stirn runzelte.
  „Das wird nicht geschehen, denn wir haben keine Pfarrer. Erkläre mir bitte, was das ist“, forderte er Kesira auf und stellte sich ihr in den Weg, um ihr unmissverständlich klarzumachen, dass er eine erschöpfende Antwort von ihr erwartete. Kesira sah in Oskars Gesicht und fing an, ihm die Geschichte von Jesus Geburt und dem besonderen Tag heute zu erklären. Ilari hörte genau zu, runzelte die Stirn und fing er an zu begreifen.
  „Woher kommst du?“, fragte Ilari sie unvermittelt und trat auf sie zu.
  „Aus der Nähe von Tamweld“, erklärte sie ihm etwas vermessen, denn sie fand die Frage unnötig.
  „Das stimmt nicht. Die Leute von dort sehen anders aus“, fiel ihr Oskar ins Wort und sie hätten sich fast in einen Streit verwickelt, als Oskar die Zweige in ihrer Hand sah.
  „Bringst du uns Zweige zum Gimradfest?“, wollte er wissen und Ilari, der einen davon kurz aufleuchten sah, wunderte sich und wollte sich den Zweig näher ansehen.
  „Ich wollte nur einen brechen“, bemerkte Kesira verwundert. „Wenn du möchtest, gebe ich dir einen davon ab. Den anderen muss ich in den Händen behalten, sonst finde ich den Weg nicht mehr zurück“, erklärte sie Ilari, der nach dem Zweig griff, und wunderte sich doch selbst über ihre Worte. Ilari nahm einen der Zweige und hielt ihn vor die Augen, um ihn näher zu betrachten.
  „Sie hat es dir schon gesagt, Ilari. Behalte den Zweig in den Händen, sonst verlierst du dich in der Zeit“, hörten sie die Wände wispern. „Sonst ist der Weg zurück versperrt.“ Sie hörten die Worte von allen Wänden gleichzeitig tönen und zuckten zusammen. Dann sahen sie den leuchtenden Zweig, den Kesira mitgebracht hatte, in Ilaris Händen.
  „Lass ihn fallen Ilari!“, rief Oskar einer Eingebung folgend. Aber noch ehe Oskar nach Ilari greifen konnte, um ihn festzuhalten oder ihm den Zweig zu entreißen, verging er vor den Augen der beiden in einem feinen Nebel. Als sich der Nebel schließlich lichtete, waren sie alleine. Kesira begriff, dass sich die Verheißung des Abends bewahrheitet hatte. Und noch ehe Oskar vor Zorn auf das junge Mädchen losgehen konnte, erklärte sie ihm, was geschehen sein könnte. Weil Kesira fremdartig gekleidet war und ihr Haar anders trug, glaubte Oskar ihr und nahm sie wütend mit sich in die Küche des Schmieds. Colan blickte verwundert auf die junge Frau. Als er hörte, was sich zugetragen hatte, bat er sie freundlich an den Esstisch der Familie. Er konnte nichts gegen die Verheißung des Gimradfestes unternehmen und wünschte sich nur einen Ahnen seiner Familie an den Tisch, den er sehr vermisste.
  Alwine sagte nichts zu dem Gast, der sich bei ihnen eingefunden hatte. Aber es war Gimrad, deshalb fragte sie nicht nach dem Was und dem Warum und bot der fremden, jungen Frau vom Essen an. Cinnia mochte Kesira und lehnte sich vertrauensvoll an sie an.
  „Ist Kesira mit uns verwandt?“, wollte Cinnia vom Vater wissen.
  „Nein, aber mit Ilari, denn er hat den Platz mit ihr getauscht. Es heißt, dass die Menschen, die sterben, im Jenseits einen Platz finden oder in der Zukunft erneut geboren werden. Sie stammt aus seinem Geschlecht und er wird verstehen, warum sie gekommen ist. Jetzt iss, solches Essen gibt es nur zu Gimrad“, forderte er seine Tochter auf und wusste, er würde noch lange an diesen Abend denken müssen. Kesira lächelte und schwieg, bis sie vor Schreck die Gabel sinken ließ.
  „Ich muss zurück. Die Zeit drängt, doch ich würde lieber bleiben“, sagte sie aufgeregt und alle blickten sie mit ernsten Mienen an. „Aber ich werde zurückkehren, sobald ich kann. Denn ich fürchte, ich habe mich hier in eurer Zeit verloren“, erklärte sie den Anwesenden. Und Colan, der wusste, dass solche Dinge geschehen konnten, nickte ihr zu.
  „Du kennst die Schwere deiner Worte. Sie wiegen viel im Reich des Jenseits. Du könntest nur zurückkehren, wenn dein Leben dort, wo du herkommst, zu Ende gegangen ist. Aber wer weiß. Vielleicht sehen wir uns wieder in der Zukunft“, entgegnete er ihr freundlich und reichte ihr die Hand zum Abschied. Er spürte die Wärme ihrer Hände und wusste nun, dass sie keine traumhafte Erscheinung war, die ihn hier im Haus besuchte.
  „Kommt dann Ilari wieder zu uns zurück?“, fragte Cinnia mit kindlicher Stimme, aber keiner beantwortete ihre Frage, denn sie kannten die Antwort nicht.
Kesira war unruhig geworden, als sie an ihren Verlobten denken musste, und sah Oskar in die Augen.
  „Ich würde gerne bleiben, aber ich fürchte um Ilari, der in Gefahr ist. Ich muss gehen“, sagte sie abrupt und lächelte Oskar zu, den sie mochte, weil er so ein fröhliches Gemüt hatte. Als sie vor den Augen der Menschen verschwand, neigten alle den Kopf und gedachten der Anverwandten, die heute an diesem Fest fehlten, und hofften auf Ilaris glückliche Rückkehr.

Ilari befand sich plötzlich an einem Bach, in der Nähe eine Buche. Der Schnee, der meterhoch lag zu Gimrad, war verschwunden und er wunderte sich über das Licht, das aus einem Gebäude weiter hinten kam. Als er zu Boden blickte, sah er im Mondschein eine Gestalt liegen. Es war ein Mädchen und Ilari beugte sich hinunter, um zu sehen, ob das Mädchen schlief.
  „Es ist zu kalt, um hier zu liegen, mein schönes Kind“, sagte er und strich dem Mädchen das Haar aus dem Gesicht. Da sah er, dass es Kesira war. Er erschrak für einen Augenblick, denn sie wirkte leblos. Im nächsten Moment schon fühlte er, wie ihn zwei Hände fest an den Armen packten. Zwei Männer drängten ihn an den Stamm der Buche. Andere kamen hinzu und hoben Kesira hoch, die bleich und wie tot wirkte.
  „Er hat sie getötet“, schrie einer der Männer entsetzt auf, als er Kesiras bleiches Gesicht sah. Er trat auf Ilari zu und wollte ihm ins Gesicht schlagen, als er festgehalten wurde.
  „Lass ihn, Müller. Wir müssen alles der Gerichtsbarkeit der Kirche überlassen“, sagte er und schob den jungen Müller von Ilari weg. „Wir binden den Fremden, nehmen ihn mit uns und werden ihn den Gesetzeshütern übergeben. Kümmere dich lieber um Kesira. Sie ist tot, doch du willst sie sicher nicht so achtlos am Boden liegen lassen.“
  Als der Müller auf Kesira sah, brach in dem jungen Mann etwas entzwei. Ein heißer Zorn und kaltblütiger Hass stieg in ihm auf. Er war nicht bereit, auf die Rache zu warten, die ihm die Kirche gewähren würde. Er hatte hier und jetzt Kesira verloren und wollte ihren Tod sofort rächen. Er begann zu schreien und zog ein Messer aus seiner Tasche, das er immer bei sich trug. Er hastete auf Ilari zu, um es ihm ins Herz zu stoßen. Sollte er den gleichen Schmerz erleiden, den er in seinem Herzen spürte. Die Männer gingen dazwischen, verhinderten aber nicht, dass das Messer schon das dicke Wams durchdrang und einen tiefen Riss in Ilaris Brust schnitt. Doch die Wucht des Hiebes war zu gering. Das Messer erreichte nicht Ilaris Herz. Sie sahen, wie sich der Stoff rot färbte, und waren erleichtert, dass ihr Müller nicht zum Mörder geworden war wie der Fremde, der vor ihnen stand und beharrlich schwieg. Als sie ein leises Wimmern hörten, drehten sie sich zu Kesira um. Gleich darauf hörten sie sie sprechen, leise zwar, doch deutlich genug, dass sie wussten, sie käme wieder zu Bewusstsein.
  „Sie lebt“, schrie einer der Männer und lief zu dem Mädchen. „Seid still, ich will die leisen Worte hören“, rief er und alle schwiegen, trauten sie doch ihren Ohren nicht.
  „Lasst ihn, ich lebe, ich kehre gerade zu euch zurück. Er tötete mich nicht, ich bin gleich bei euch“, sagte sie und die Worte schienen stetig näher zu kommen, bis alle sie deutlich hören konnten. Kesiras Gesicht wurde rosig und ihr Körper regte sich, wie wenn sie aus einem tiefen Schlaf erwachte. Als die Männer näher an Kesira herantraten, sahen sie, wie das Leben in ihren Körper zurückkehrte.
  „Ein Wunder in der Weihnachtsnacht“, sagte einer der Männer und machte das Kreuzzeichen. Als sich Kesira mit Hilfe des Müllers aufrichtete, waren die Männer glücklich. Sie alle hatten Ilari vergessen, der jetzt Kesira gegenüberstand.
  „Lasst ihn zurückkehren“, sagte sie. „Und schweigt über das, was geschehen ist. Es wird den Kirchenoberen nicht gefallen und sie werden mich holen, wenn sie davon hören.“ Die Männer nickten und taten ihr den Gefallen, keiner wollte sie gefährden.
  „Du Ilari musst jetzt zurückkehren. Du hast hier meinen Platz eingenommen und hättest fast dein Leben verloren. Kehre zurück, damit das Gleichgewicht der Seelen wieder eingehalten wird in jeder Zeit“, sagte sie mit einem Lächeln und küsste Ilari auf die Stirn.
  „Was redest du, Kind?“, sagte einer der Männer erschrocken. „Pass auf, dass dich der Pfarrer nicht hört.“ Aber er wusste wie alle anderen, die den alten Glauben noch kannten, was gerade geschah. Da reichte Kesira Ilari den glimmenden Zweig und nickte ihm auffordernd zu. Als er ihn ergriff, wurde ihr warm uns Herz.
  „Denk an mich in Tamweld zu jedem Gimradfest“, bat sie Ilari und er lächelte ihr zu.
  „Jedes Mal an Gimrad werde ich an dich denken“, versprach er ihr und dann verschwand er vor ihnen in einem feinen Schneefall, der sich stetig verdichtete. Er wurde immer undeutlicher und war entschwunden.

„Es schneit endlich“, sagte er und blickte in den Flocken. Ilari stand im Schnee und sah glücklich, wie die wilden Flocken um ihn tanzten und wirbelten. Er war vor seiner Burg in Falkenweld, wie all die Jahre zuvor zu dieser Zeit. Der feine Schmerz in seiner Brust, der von einer alten Narbe herrührte, mahnte ihn, nur an diesem einen Tag im Jahr, an das eine Gimradfest zu denken.
  „Vater, Mutter verlangt nach dir“, hörte er seine Tochter rufen. „Das Essen steht auf dem Tisch. Warum nur läufst du immer zu Gimrad hinaus, wenn es schneit?“, fragte sie ihn und war schon bei ihm angelangt, um ihn bei den Händen zu greifen. Sie streckte den Rücken durch und küsste ihn auf die Stirn, wie sei es gerne tat. Er sagte kein Wort und blickt nur berauscht auf die Gestalt seiner Tochter. Sie war fast erwachsen und glich Kesira wie einer Zwillingsschwester.
  „Ich wundere mich immer wieder, wenn ich dich sehe, meine Tochter“, sagte er glücklich und lief mit ihr zurück, denn er wusste, Morwenna würde ärgerlich sein, wenn er das Essen verpasste. Aber es war jedes Jahr dasselbe. Zu Gimrad verlor er die Zeit und wollte alleine sein mit seinen Gedanken und dem ersten Schnee. Da sah er seine Tochter schon auf die Türe zulaufen, sie hatte ihn leicht überholt.
  „Warte auf mich, Kesira“, rief er ihr hinterher und beschleunigte seinen Schritt. Er mochte sie nicht im Schneeflockenwirbel ein zweites Mal verlieren.

Unnas Entscheidung

Ilari preschte über das Land. Er gab seinem Pferd die Sporen, und weil ihm der Ritt nicht schnell genug ging, knirschte er mit den Zähnen. Seit ihn gestern Abend Unna auf die Ebene von Torgan gebeten hatte, zermürbte sich Ilari den Kopf.
Sie würde Bork heiraten, der sie nicht wollte und sie doch zur Frau bekäme. Er hingegen müsste nach Westen ausweichen, ins Ungewisse, nur um der Hochzeit eines Thronfolgers nicht im Weg zu stehen. Das hatte sich König Halfdan Ingvarson fein ausgedacht. Unna schien sich jedoch noch nicht mit dem Gedanken angefreundet zu haben, eine Königin zu werden. Ilari hatte erst gestern in ihren Augen gesehen, dass sie ihn liebte. Er erkannte dies oft, ja stets, wenn sie sich sahen.
Es ging Ilari noch immer nicht schnell genug. Unnas Botschaft zog ihn magisch auf die Ebene. Er trieb sein Pferd an, jagte es mitten hinein in den nahen Wald, obwohl er wusste, dass sein Tempo gefährlich hoch war. Die Bäume würden ihm nicht weichen. Wenn sich Unna jedoch für Bork entschied, dann wollte er lieber hier sein Leben zu verlieren, als nach Amber zu segeln. So beschleunigte er den Galopp, um das Schicksal herauszufordern. Sein Brauner jedoch ritt mit traumwandlerischer Sicherheit durch den Wald, und ehe es sich Ilari überhaupt vorstellen konnte, hatte er die Ebene Torgans erreicht. Freies, weites, ungefährliches Land. Schon vom Waldrand aus hatte man einen gewaltigen Ausblick über die Stadt und das Land. Hierher kamen Ilari und Unna immer, wenn sie das Leben erdrückte. Hier hatten sie sich im letzten Sommer getroffen und sich ihre Liebe gestanden. Und hier waren sie für heute verabredet. Unna hatte ihn gestern Abend aufgefordert zu kommen, weil sie etwas Wichtiges beschlossen hatte, wie sie es ihm angedeutet hatte. Was es war, darüber hatte sie geschwiegen, denn die Wände des Palastes hätten Ohren, hatte sie behauptet und ihn unverrichteter Dinge im Gang stehen gelassen.
Ilari stieg von seinem Pferd und wollte nicht schon wieder darüber nachdenken. Die ganze Nacht hielten ihn seine Gedanken wach. Sein Herz schlug wild vom gefährlichen Ritt. Er war entsetzt, wie ihn die Sehnsucht nach Unna so ungestüm werden ließ. Er band den Braunen an einen Ast, damit er still stand und sich erholte. Es war ein teuflischer Ritt gewesen, den er ihm zugemutet hatte, und dabei war er nicht mehr der Jüngste. Ilari klopfte dem Pferd dankbar den Hals und wollte sich umdrehen, als ihm die Augen zugehalten wurden. Er kannte diese Hände. Sie rochen nach Rosenwasser, wie es Unna benutzte. Er nahm ihre Hände von seinen Augen und dreht sich zu ihr um. Ohne dass er es verhindern konnte, lagen sie sich in den Armen. Sie genossen die Berührung und fühlten sich seltsam zeitlos und vereint.
Bleib, Ilari“, hörte sie ihn bitten. Aber gerade als er ihr antworten wollte, verschloss sie ihm den Mund mit ihrer Hand. Er stand vor ihr und nickte leise. Diesen Wunsch würde er ihr nicht verweigern. Nichts lieber als das, dachte er und wartete darauf, was sie ihm sagen wollte.
Ich will nicht Königin werden, Geliebter. Mein Vater wird es begreifen, wenn ich es ihm sage. Er wird mir die Ehe mit dir erlauben. Soll sich Halfdan eine andere Königin für seinen Sohn suchen. Ich will ihn nicht, den verrückten Thronfolger. Deine Kinder, Ilari, will ich großziehen, nicht seine, auch wenn sie keiner Linie von Königen entstammen.“
Sie blickte ihm zufrieden in die Augen, schwieg wieder und schmiegte sich an ihn. Ilari, der eben noch das Ende seines Lebens vor sich gesehen hatte, schöpfte Hoffnung. Er wusste, Olaf würde seine Tochter nicht verschachern. Wenn Unna sich entschieden hatte, dann würde er sich ihr nicht verweigern.
Gleich heute werde ich meinen Vater bitten, bei Olaf in meinem Namen um deine Hand anzuhalten. Der Brautpreis ist sicher hoch. Aber es geht hier um dich, die Tochter des größten Jarls der nördlichen Länder. Vater wird an Macht gewinnen und die Familie wird durch dich im Ansehen steigen. Vielleicht wäre dann Vater sogar in der Lage, nicht mehr in Halfdans Diensten zu stehen.“
Unna nickte bei jedem seiner Argumente und diese wundervollen Gedanken verwirbelten sich in Ilaris Kopf. Er hielt Unna immer noch glücklich in den Armen. Er war zu nichts mehr gezwungen. Sein Leben breitete sich vor ihm aus und ließ keinen Wunsch offen. Er sah Unna in die Augen und erkannte, wie seine Liebe von ihr erwidert wurde. Er neigte sich zu ihr und wollte sie küssen, als sich eine gemeine, näselnde Stimme hinter ihnen erhob.
Lass das besser, Dummkopf. Du niederer Adelspross solltest die zukünftige Königin Norgans nicht küssen“, tönte Borks hohe Stimme über die Ebene. Hinter ihm standen zehn Männer mit gezückten Schwertern. Ilaris Miene verfinsterte sich. Natürlich ist er nicht alleine gekommen, der Feigling. Gleich zehn Männer hatte er dabei. Er musterte sie eindringlich und las in ihren Gesichtern den Befehl, den ihnen Bork gegeben hatte. Ilari griff nach seinem Schwert, doch er ließ es noch stecken.
Unna schreckte hoch, weil sie begriff, dass Borks Spione sie gestern im Gang des Palastes belauscht hatten. Dabei waren sie so vorsichtig gewesen. Sie drehte sich zu Bork um, trat einen Schritt auf ihn zu, sah ihm böse in die Augen und wirkte, als wollte sie ihm auf der Stelle das Gesicht zerkratzen.
Sieh an, sie hat mehr Temperament, als ich vermutet hatte. Dann habe ich doch noch Aussicht auf beglückende Nächte“, sagte Bork und trat auf Unna zu, um ihre Hand zu ergreifen. Doch Unna war eine stolze Frau. Sie ließ es nicht zu, dass er sie berührte. Stattdessen holte sie aus, um Bork mitten ins Gesicht zu schlagen. Doch er war schneller, parierte den Schlag und griff sie so fest am Handgelenk, dass sie leise aufschrie vor Schmerz.
Da hielt sich Ilari nicht länger zurück. Ohne ein Wort zu sagen, verfinsterten sich seine Augen. Er zog sein Schwert und stürzte sich auf Bork. Doch er kam nicht weit. Ehe er Bork erreicht hatte, stellten sich ihm die Wachen in den Weg und ergriffen ihn. Borks Feigheit war Ilari unerträglich.
Als Ilari außer Gefecht gesetzt war, trat Bork aus den Reihen seiner Männer zu ihm heran und hielt ihm einen funkelnden Dolch an die Kehle. Dabei grinste er überheblich.
Was willst du nun tun, Dummkopf. Ein fester Schnitt und dein Leben ist dahin. Willst du immer noch Unna zur Frau nehmen? Dann sage es und du bist tot“, warf ihm Bork abfällig entgegen.
Du bist immer noch das Schwein, das ich seit meiner Kindheit kenne“, presste Ilari zwischen seinen Lippen hervor, nicht gewillt, auch nur einen Moment nachzugeben. Bork lachte aus vollem Hals. Er kannte Ilaris Halsstarrigkeit und wusste, er müsste den Freund gleich töten.
Gib nach Ilari, sonst werde ich dich töten. Meine Männer lassen dich verschwinden und jeder hat nach kurzer Zeit deinen Namen vergessen“, sagte Bork nachdenklich und mit einem Blick, der Ilari verriet, dass ihm dieser Gedanke gefiel. Es gab keinen Zweifel, Ilaris Leben hing an einem seidenen Faden.
Ilari, sag ihm, was er hören will, sonst nimmt er dir das Leben“, rief Unna erschrocken aus. Sie kannte Borks verschlagenen Charakter und fürchtete um Ilari. Sie bedauerte es zutiefst, ihn hierher gebeten zu haben.
Doch Ilari hatte nicht vor nachzugeben. Eher wollte er sterben, als Unna Bork zu überlassen.
Nichts werde ich ihm sagen. Dieses verdammte Schwein soll sich noch auf einiges gefasst machen“, knurrte Ilari und sein Blick wurde noch finsterer als zuvor. Bork grinste breiter, und als Ilari versuchte sich zu befreien, setzte er den Dolch fester an Ilaris Kehle. Er ritze die Haut mit dem kalten Stahl und Blut floss. Jetzt war sich Unna ganz sicher, dass es Bork ernst war. Er, der Ilari seit jeher hasste, weil er mutiger, freundlicher und geradliniger in seinem Verhalten war, sah nun die Gelegenheit, ihn endlich loszuwerden. Die Freundschaft, die beide über die Jahre getragen hatte, erlosch in diesem Kampf um die Frau, die Ilari mehr liebte als sein Leben und die Bork nur besitzen wollte, um Ilari zu demütigen. Bork freute sich, wusste er doch, dass Ilari nicht von Unna lassen würde. Er grinste ein letzte Mal und setzte zum Schnitt an, als Unna ihm unterbrach.
Ich will Ilari nicht zum Mann haben. Hörst du, Bork, ich will ihn nicht. Er soll nach Westen fahren in dieses Amber. Dort wird er wahrscheinlich von den Feinden der Eindringlinge dahingestreckt und kehrt nie wieder. Ich will ihn nicht mehr, hörst du?“, sagte sie mit ersterbender Stimme und Bork sah einen kurzen Moment auf Unna. Er fragte sich, ob sie dabei bliebe, wenn er Ilari freilassen würde und entschied, es wäre auf jeden Fall sicherer, Ilari zu töten. Die Vorteile lagen in jedem Fall auf seiner Seite. Dabei grinste er feige, schüttelte schweigend den Kopf und wollte sein Werk vollenden. Ilari, der wie von Sinnen auf Unna starrte, die sich für Bork entschied, wollte nur noch sterben.
Tu es endlich, Feigling“, warf Ilari Bork erbost entgegen. „Verstecke dich nicht hinter deinen Männern. Ein einfacher Schnitt und du bist mich los und besitzt die Frau, die dich zum Thronfolger erheben wird. Nur mit ihr kannst du den Thron von Norgan besteigen. Vergiss das nicht.“ Ilari war nur noch Wut und Zorn und hatte schon den Weg ins Jenseits angetreten. Mit seinen Worten wollte er verhindern, dass sich Bork, wenn er ihn getötet hatte, im Größenwahn auch Unnas entledigte. Unna hatte begriffen, wofür Ilari kämpfte. Wie sie kämpfte er für das Leben des anderen.
Denke nach, Bork!“, begann Unna erneut. „Ich will Ilari nicht mehr haben. Aber ich werde dich nicht heiraten, wenn du Ilari tötest. Dein Vater wird dann nicht dich als Thronfolger einsetzen, sondern deinen jüngeren Bruder Keldan, den das Volk ohnedies viel lieber auf dem Thron von Norgan sähe. Denk nach Bork! Wenn Ilaris Leben dahin ist, werde ich dich nicht heiraten. Selbst wenn du mir mit den Tod drohst. Wenn du Ilari tötest, verdirbst du dir deine ganze Zukunft. Ohne mich wirst du den Thron von Norgan nicht besteigen.“
Unna sah, dass sie mitten ins Schwarze getroffen hatte. Ilari war erleichtert und entsetzt. Bork konnte Unna nicht töten. Er hatte durch ihre Entscheidung keine Wahl mehr. Doch ihm wurde dadurch ein verhasstes Leben aufgezwungen. Vor einigen wenigen Minuten gehörte ihm Unna und nun sollte er zusehen müssen, wie sie einen anderen heiratete. Unna hatte ihr Überleben an eine unsinnige Forderung geknüpft. Sie stieß Ilari damit in die Trostlosigkeit. Ohne Aussicht auf Liebe und ein erfülltes Leben. Er würde in Amber nur einfach vergehen. Er glaubt nicht, Unna auch nur für einen Tag vergessen zu können. Sie, die ihn so sehr liebte, dass sie um seines Lebens willen auf ihn verzichtete und Bork heiratete. Es war verrückt, aber gerade als er verzweifeln wollte, trat Bork einen Schritt zurück und steckte den Dolch ein.
Bork maß Unna mit seinen Augen. Sie wäre nicht das Schlechteste, das er bekommen könnte, und wenn sie ihm nicht mehr gefiel und er einige Erben in die Welt gesetzt hätte, hätte er immer noch seine Konkubine. Ihm lag nichts an Unna. Er drehte sich um und steckte seinen Dolch weg. Dann trat er an Unna heran und flüsterte ihr ins Ohr.
Du wirst gemeinsam mit mir die Ebene verlassen“, sagte er und zog sie ein wenig dichter zu sich. „Ohne deinen Geliebten Ilari. Erst, wenn wir weg sind, werden meine Männer Ilari freilassen. Du siehst ihn nicht mehr, bevor er abreist. Und wirst mich heiraten. Hast du verstanden, meine Schönheit?“ Unna wich vor Bork zurück. Sie verachtete ihn und ertrug es nicht, ihn so dicht zu spüren. Als er sie scharf ansah, nickte sie nur. Sie sah ein letztes Mal auf Ilari und glaubte, ihre Beine würden versagen. Doch Bork griff sie am Arm und zog sie zu ihrem Pferd.
Steig auf. Beeile dich. Ich habe diese verliebten Blicke satt. Wenn du so weitermachst, überlege ich es mir vielleicht doch noch anders“, knurrte er sie an und drängte sie, auf ihr Pferd zu steigen. Ilari folgte ihnen mit den Augen und er wusste, er hatte Unna zum letzten Mal gesehen. Bork ritt mit ihr davon, ohne dass sie sich noch ein einziges Mal nach ihm umdrehte. Als wie weg waren, ließen die Wachen Ilari gehen.
Sie ist es nicht wert“, sagte einer der Männer, der Bork diente, aber ihn verachtete. „Du wirst sie vergessen. Sie hat das schlechtere Los gezogen mit einem Mann wie Bork Halfdanson. Aber sie wird daran nicht zerbrechen. Wir Menschen sind stärker, als wir es wahrhaben wollen. Geh in den Westen und überlebe. Damit machst du sie glücklich.“
Er ging weg und Ilari, der diese Worte nicht hören wollte, die sich aber dennoch in seinen Verstand gruben, wusste, dass er Recht hatte. Als die Männer weggeritten waren und er alleine auf der Ebene stand, besaß Ilari kein Leben mehr. Es endete hier auf der Ebene von Torgan. Er ging zu seinem Pferd, bestieg es und brach auf. Sein Brauner kannte den Weg. Drei Tage später segelte er auf einem Schiff nach Amber, nach Westen, um sein Schicksal anzunehmen, wie es Unna von ihm verlangt hatte.

Leanas Schicksal

Hrodwyn sah Leana zu, die mit zerzausten Haaren das Frauengemach betrat. Leana strich sich schnell den Rock glatt und trat zu Hrodwyn, die sie mit eisigen Blick ansah.
„Was schaust du so finster drein, Schwester“, zischte Leana Hrodwyn an, die von oben herab auf die kleine Schwester sah. Leana versuchte, ihrem durchdringenden Blick standzuhalten, doch wie es immer geschah, wenn die Schwestern sich prüfend gegenüberstanden, verlor Leana das Duell der Augen. Sie senkte schnell den dunklen Blick und beruhigte sich damit, die letzten Stunden das getan zu haben, was ihr gefiel. Sie war den Nachmittag über zusammen mit ihrem Ziehbruder Oskar und dessen bestem Freund Ilari Thorbjörnson im Wald gewesen und hatte sich im Schwertkampf geübt. Leana bekam jetzt noch heiße Wangen, wenn sie an diesen wunderbaren Tag dachte. Was kümmerte sie die Verurteilung Hrodwyns, die niemals etwas falsch machte in den Augen der Mutter. Hrodwyn war in allen Dingen, denen sie sich widmete, perfekt. Mit völliger Hingabe erledigte sie die Aufgaben, die ihr die Mutter stellte und drängte damit Leana, der es schwer fiel, sich mit ihr in der Disziplin der Spindel und des Webrahmen zu messen, jedes Mal in den Schatten. Dort musste sich die jüngere Schwester ihren vorwurfsvollen Blick gefallen lassen, der sie mehr schmerzte als das gnädige Kapitulieren der Mutter vor ihren Fähigkeiten.
„Woher kommst du, Kind“, fragte die Mutter Leana von der Türe her. Königin Eadgyth betrat das Frauengemach und warf einen langen Blick auf die Tochter.
Nicht du auch noch, dachte Leana, die sich innerlich gegen die Vorwürfe der Mutter wappnete. Sie sah auf die Königin, die zusammen mit ihrer Ziehschwester Morwenna den Raum betreten hatte. Morwenna lächelte ihr wohlwollend zu und zeigte auf Leanas Gesicht, in dem sich der Straßenstaub festgesetzt hatte. Leana lächelte zurück und wischte geschwind mit der Hand über die Wange. Ein freundliches Nicken Morwennas bestätigte ihr, dass ihr Gesicht wieder rein war und Eadgyth, die verstohlen beobachtete, wie Morwenna die Schwester unterstützte, verlor ihren Ärger auf Leana. Sie hatte schon von den Dienern gehört, dass sich Leana mit ihrem Ziehbruder Oskar traf, und dass auch Ilari dabei war. Doch was sie mit ihnen tat, verriet ihr niemand. Es konnte nichts Vernünftiges sein, wenn alle so auffällig darüber schwiegen. Aber Eadgyth hatte allzeit Geduld bewiesen mit ihren Kindern. Was Leana auch immer hinter ihrem Rücken tat, sie würde eines Tages vernünftig werden. Doch erst einmal musste sie lernen, die Spindel zu bedienen. Als Eadgyth Leana nun schon zum dritten Mal in diese Aufgabe einwies, entfuhr der Tochter ein tiefer Seufzer.
„Was sträubst du dich gegen die Aufgaben der Frauen, mein Kind?“, fragte Eadgyth stirnrunzelnd und hob das Kinn der Tochter mit der Hand nach oben, um in ihre schwarzen Augen zu blicken, die sich der Mutter immer wieder entzogen.
„Ich kann das nicht, Mutter. Mir wird der Blick trübe, wenn ich auf die Spindel sehe, die sich dreht und dreht. Und die Finger wollen sie nicht halten. Wozu auch“, stieß Leana trotzig hervor. „Es gibt Diener, die diese Arbeit erledigen können. Sie sind geschickt darin und sie freuen sich, wenn sie Arbeit am Hof des Königs von Dinora haben. Ich will das nicht tun. Mich interessieren die Aufgaben der Frauen nicht.“ Leana ließ die Spindel in ihren Rock fallen und schwieg plötzlich, weil sie der abweisende Blick der Mutter gestreift hatte. Hätte ich doch geschwiegen, dachte Leana und wurde rot im Gesicht. Sie war wütend auf Hrodwyn, die sie triumphierend anblickte. Leana konnte ihren Zorn kaum noch zügeln und dachte über ihr Los als Prinzessin nach. Eines Tages käme der Mann herein den ihr die Eltern ausgesucht hatten und hielte um ihre Hand an. Und schon jetzt wusste Leana, dass sie diesem Mann ihre Zustimmung verweigern wollte. Sie würde sich nicht verschachern lassen. Sie würde nur Ilari heiraten, den sie vom ersten Augenblick an in ihr Herz geschlossen hatte.
„Damit du es weißt, Mutter. Ich werde niemals einen Mann nehmen, der mich nicht liebt und den ich nicht liebe. Ich werde mich nicht von euch verheiraten lassen. Lieber lebe ich in Armut und Elend. Das Prinzessinendasein ist mir eh vergällt durch die langweiligen Nachmittagsstunden im Frauengemach.“ Eadgyth stutzte. Eben dieses Worte hatte sie von Leana erwartet. Es geschah alles wie es in der Weissagung des Frühlingsfeuers vorhergesagt wurde. Eadgyth nickte und lächelte der Tochter zu.
„Dann wird es umso nötiger für dich sein, das Weben und Spinnen zu erlernen, damit dein bedauernswerter Mann etwas Ordentliches zur Bekleidung bekommt“, erwiderte Eadgyth kühl und sah in die weit aufgerissenen Augen der Tochter, die sich gerade  bewusste machte, was es bedeuten mochte, arm zu sein. Eadgyth wartete ab. Dann sah sie zu ihrer Überraschung, dass Leana wortlos nach der Spindel griff und sich schweigend setzte. Sie drehte die Spindel und war geschickt darin. Eadgyths Verwunderung darüber stand ihr in das Gesicht geschrieben. Leana war in der Lage der unbestechlichen Logik der Mutter zu folgen, auch wenn sie ihr nicht gefiel. Eadgyth brauchte Leana kein weiteres Wort mehr zu sagen, damit sie sich der Frauenarbeit zuzuwendete. Hrodwyn belächelte Leanas plötzlichen Eifer. doch als sie Leana ernst und geduldig vor sich sitzen sah, rasten ihr einige Gedanken durch ihren Kopf.
„Warum tust du das, Schwester?“, fragte sie in die angewachsene Stille hinein. „Wir wissen alle, wie sehr du Frauenarbeit hasst.“ Leana nickte.
„Auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst: Wenn ich einen Mann erwähle, der arm ist, werde ich diese Arbeit beherrschen müssen. Nur um mich frei entscheiden zu können füge ich mich. Ich will nicht gezwungen sein, mich den Umständen zu beugen. Wenn du einmal verliebt bist, Hrodwyn wirst du es bemerken, dann schlägt dir dein Herz bis in den Hals hinauf und du gehst mit dem Mann deiner Wahl, und fragst nicht wie weit. Und wenn es sein muss in die Armut. Dann muss ich die Spindel führen können und den  Webrahmen plagen. Ich will auf alle Fälle gewappnet sein und nicht den Mann meiner Träume abweisen müssen, nur weil ich nicht die notwendigen Dinge des Lebens erlernt habe.“ Leana entschied, nicht weiter zu sprechen, sondern alles zu lernen, was nötig war, um mit Ilari in den Norden zu ziehen, wenn der Tag käme und er volljährig würde. Dann wollte sie ihm ihre Liebe gestehen. Als Leana so eine Weile ihren Gedanken nachhing, ließ sie die Spindel plötzlich wieder fallen und stand auf. Sie sah der Mutter in die Augen und lächelte sie an, dann stürzte sie auf Eadgyth zu und umarmte sie. Sie grub dabei ihr Gesicht in deren Rock und wurde von der Mutter getröstet wie ein kleines Kind, das sie schon lange nicht mehr war. Und Eadgyth ließ es geschehen. Wusste sie doch um Leanas Liebe zu Ilari, der sich vor einigen Tagen in Morwenna verliebt hatte. Eadgyth hasste das Schicksal, das so unbarmherzig war und mitten in ihre Familie fuhr, wie es ihm gefiel, alles zu Brei stampfte und es ihr als Mutter überließ, die eigenen Kinder zu trösten.
Königin Eadgyth vermutete es wäre nicht Ilari, den Leana zum Manne nehmen würde. Das war ihr schon bei ihrer Geburt angedeutet worden. Einen großen Mann aus der Fremde würde Leana wählen. Einen, der über mehr Macht verfügte, als es Ilari tat. Doch Leana würde von diesem Moment an fern ihrer Heimat leben, in einem Land, das die Menschen nicht betreten durften, das ihrer Tochter aber ewiges Leben schenken würde. Eadgyth war nahe daran zu weinen. Vermisste sie die Tochter doch schon jetzt. Doch als sie Leana in Tränen aufgelöst sah, überließ sie es der Tochter, für beide zu trauern. Der Tag der Tränen käme  für Eadgyth noch früh genug. Sie nahm ihr Kind sanft aus ihren Armen und wies sie an, zu ihrer Arbeit zurückzukehren. Leana sollte lernen sich zu beherrschen. Das war noch wichtiger für sie als die Näharbeiten zu erledigen.

Tamweld

Vier Menschenalter vor dem ersten Krieg auf Amber fuhren einige wenige Menschen die Tansa herauf. Sie befuhren den breiten Strom mit ihren schweren Flößen, auf die ihre karge Habe und ihre Tiere festgebunden waren. Als sie eine seichte Furt erkannten, steuerten sie darauf zu und gingen an Land.
Der Ort um die Furt war grün und bewaldet. Weil Adara, die Frau des Anführers nach einigen Stunden in einem hastig aufgestellten Zelt ihren ersten Sohn gebar, gaben sie diesem Ort den Namen Tamweld, was in ihrer Sprache soviel wie „glücklicher Ort“ hieß.
Sie errichteten bis zur Nacht die Zelte der Familien und hieben Pflöcke in die Erde, an die sie die Hunde banden, damit sie nicht davon liefen. Edigar, ihr Anführer, hatte zwei Schwarzbären gesehen, die unweit von ihm im Dickicht des Waldes verschwunden waren. Er fürchtete, die Hunde an die Bären zu verlieren, wenn er sie nicht am Ort sicherte.
Adara besah sich einige Tage später die Gegend und den dichten, dunklen Wald. Sie ging mit Edigar weit in den Wald hinein und endlich bestimmte sie zusammen mit ihrem Sohn und der weisen Frau, die ihr immer beistand, die Stelle, an der die Männer die Bäume fällen sollten. Edigar runzelte die Stirn, denn dieser Ort lag weit entfernt vom Fluss, den sie heraufgefahren waren.
„Warum so weit entfernt vom Ufer, Adara?“, fragte er seine Frau. Adara sah sich um und lächelte wissend.
„Hier wird einmal der Palast der Könige stehen, inmitten einer prächtigen Stadt, die von weißen Mauern mit goldenen Zinnen umsäumt sein wird. Die Menschen werden ein reiches und wohlgefälliges Leben führen, viele Menschenalter nach uns. Doch hier wirst du jetzt ein Haus für unserer Familie errichten, mit festen und starken Mauern. Zwei Stockwerke hoch, damit ich in die Weite sehen kann, wenn die Bäume bis zum Fluss gefällt worden sind“, sagte sie ihrem Mann und damit war ihr Wunsch ihm ein Befehl. Edigar nickte, betrachtete seinen Sohn, der ruhig in den Armen der Mutter lag und schlief. Edigar wusste, dass Adara mit dem zweiten Gesicht gesegnet war. Nur deshalb hatten sie die alte Siedlung verlassen und waren auf ihr Geheiß den Fluss herauf gesegelt. Adara suchte den Ort, an dem die Menschen des Landes Dinora einmal in Frieden leben konnten. Er war nun gefunden, wie es Edigar schien. Er ging zu den Männern und sprach mit ihnen.
„Hier werden wir den Wald roden weit nach Westen hinein und nach Osten. Und noch weiter nach Norden hin, wo sich gerade Adara befindet. Gebt mir den schwarzen Pfahl, damit ich diesen heiligen Ort markieren kann“, bat er seine Männer, die ihm schweigend den schwarzen Pfahl reichten, an dem ihre Siedlung entstehen sollte. Als sie Edigar folgten und er nicht aufhörte zu gehen, blieben die Männer stehen.
„Wie weit nach Norden führst du uns noch, Edigar?“ fragten sie ihn stirnrunzelnd. Sie wären lieber am Fluss geblieben, um ihre Siedlung langsam nach Norden zu vergrößern.
„Sollten wir nicht besser hier in diesen blauen Wäldern das Fällen beginnen. Dicht am Fluss, den wir zur Flucht nutzen können, wenn uns Gefahr aus dem Wald droht?“, wollte Seli wissen, der nicht an die Gabe Adaras glaubte. Er stand unverrücklich im Wald und deshalb zögerten auch die anderen, weiter zu gehen. Edigar verstand. Er musste sie überzeugen. Er überlegte sich gerade die Worte, die dies fertigbringen sollten, als Adara mit ihrem neu geborenen Sohn erschien. Sie stand vor den Männern und hatte die Worte Selis gehört.
„Das ist ein heiliger Ort für uns. Er war es, der mich rief, hierher zu kommen und eine Siedlung zu errichten. Der Weg die Tansa herauf war beschwerlich, doch selbst ich, die hochschwanger war und einen Sohn gebar, meisterte ihn. Mir und meinem Sohn ist nichts geschehen. Und auch euch wird nichts geschehen, denn die Tiere des Waldes wünschen uns kein Unglück. Der Wald ist groß und dicht und bietet ihnen wie uns genügend Platz zum Leben. Damit du das begreifst, Seli, und ihr anderen, die ihr mich so zweifelnd anseht, werde ich es euch beweisen. Seht den schwarzen Bären, der hinter euch steht und euch zweifelnd mustert“, sagte sie ihnen und als die Männer sich umdrehten, blickten sie direkt in die Augen eines riesigen Schwarzbären, der sich auf die Hinterfüße gestellt hatte und die Männer allesamt überragte. Wie zur Salzsäule erstarrt beäugten die veränstigten Männer den Bären, der die Zähne fletschte und die Angst der Menschen roch. Adara ging unbeirrt auf den Bären zu. Sie grüßte ihn, indem sie den Kopf neigte, und legte ihm ihren Sohn vor die Füße. Dann ging sie zurück und wartete ab. Edigar wollte erschrocken auf den Sohn zustürzen, als ihn Adara am Arm zurückhielt. Alle sahen gebannt auf den Bären, der sich auf seine vier Beine stellte und das Kind unter sich verbarg. Er roch an dem Kind und wusste nichts mit ihm anzufangen, als sich ein Schwarm Raben näherte. Sie ließen sich krächzend vor dem Bären nieder und warteten ab. Der Bär trat zurück und Edigar blieb das Herz für Augenblicke stehen. Sah er doch den Bären schon seinen Sohn unter den Pranken zermalmen.
Doch der Bär tänzelte vorsichtig über das Kind hinweg, trat zur Seite und ließ den Schwarm Raben zum Kind fliegen. Achtzehn schwarze Raben gruppierten sich um das Kind und krächzten ein schrilles Lied. Dann flog einer der Raben zu Adara und setze sich auf ihre linke Schulter. Er sah Adara in die Augen und die Frau verstand. Sie trat auf Idalis, ihren Sohn, zu und hob ihn hoch. Sie grüßte ein letztes Mal den Bären, der sich nach Westen davonmachte. Der Schwarm der Raben ließ sich an der Stelle nieder, an dem die Männer begannen, den Wald zu roden.
Hier siedelten die ersten Menschen und im Laufe ihres Lebens rodeten sie den Wald in einer breiten Spur bis zum Fluss. Dort begrub Idalis den Vater, als dieser als hochbetagter Mann glücklich verstarb.
Idalis siedelte als Führer der zweiten Generation der Rabenmenschen und sah staunend, wie schnell die Siedlung wuchs, die zu seinen Zeiten schon ein Ort mit festen Häusern und freien Plätzen war. Die Menschen färbten die Wände und die Mauern weiß mit dem Kalk, den sie in den Höhlen um Tamweld gefunden hatten.
Idalis Sohn Hengar fand als Kind an der Hand seiner Großmutter blinkende Steine, die im seichten Wasser der Furt und der schmalen Nebenflüsse der Tansa funkelten. Als Adara die funkelten Brocken untersuchte, lächelte sie.
„Bring das heute Abend deinem Vater“, sagte sie und setzte sich auf einen Baumstumpf. Sie war alt, älter als alle, die hierher gekommen waren. Sie hatte ihren Mann überlebt und alle die anderen, die mit ihnen die Tansa herauf gefahren waren. Doch jetzt, als Hengar die glitzernden Brocken gefunden hatte, wusste sie, es wäre Zeit, die Grenze zum Tod zu überschreiten.
„Geh schon voraus, Kind“, sagte sie lächelnd zum Enkel, der bemerkte, dass es der Großmutter schlecht ging. Doch Adara lächelte immer noch.
„Geh, mein Junge, bring dem Vater die Steine. Er wird dich dafür loben“, sagte sie zu ihm. Da Hengar dem Vater gerne einen Gefallen tun wollte, lief er los.
„Schicke danach den Vater zu mir, Kind“, hörte er noch, als er schon weit gelaufen war.
Eine Stunde später erreicht Idalis den Ort und sah die Mutter an einen Baumstamm gelehnt auf dem Boden sitzen. Achtzehn schwarze Raben saßen um sie herum und krächzten ein schaurige Lied. Als Idalis den Ring der Raben durchbrach, sah er das letzte freundliche Lächeln der Mutter und nahm ihre Hand. Da fühlte er, wie sie kalt wurde. Sie verließ ihn und Idalis wusste, was er zu tun hatte.
„Die Stadt wird wachsen und wir werden über das Land Dinora herrschen, Mutter. Das verspreche ich dir“, sagte er schnell und verbiss sich die Tränen, die dem, der einen König gezeugt hatte, nicht zustanden. Er nahm die Mutter in die Arme und verabschiedete sich. Drei Tage später wurde sie beerdigt und der Ort, an dem ihr Grab lag, war heilig. Raben schützen ihn und als Hengar herrschte, errichtete er ein Priestergebäude, an dem die Rabenpriesterinnen Adara, ihrer Ersten, gedachten.

Edbert von Turgod

„Nein, Vater, lass‘ mich mit dir gehen“, rief der zehnjährige Edbert mit angstvoller Stimme. Seine Worte hallten den langen, feuchten Flur entlang, der aus dem grauen Verlies führte. Er geriet in Panik, als er vom Vater ins finsteren Kerkerloch gesperrt und verlassen wurde. Doch einigen Augenblicke später hörte Edbert das eiserne Tor einrasten. Ein hoher, schneidender Ton von Metall auf Metall schnitt sich ihm in die Brust und ließ seine Kinderseele erzittern. In Wellen erschauderte sein schmaler Kinderkörper, der noch von den grausamen Schlägen brannte, die der Vater ihm mit dem breiten Lederriemen zufügt hatte.
Die Ohnmacht, die Edbert spürte, als er vom Vater über den Tisch gezwungen wurde, war so erniedrigend für ihn, dass er sich schließlich selbst hasste. Edbert spürte die harte Hand, die ihn mit der Brust auf die kantige Tischplatte zwang und vergaß nach dem zehnten Schlag mitzuzählen. Sein Körper war nur noch flammender Schmerz. Er biss anfangs tapfer die Zähne aufeinander. Er gönnte dem Vater nicht, seine schmerzverzerrte Stimme zu hören. Doch weil der Vater mit den Schlägen nicht nachließ, entwich ihm zuerst ein leises Wimmern, das sich zu den Schreien eines gemarterten Kindes steigerte. Edbert hörte die eigene Stimme in seinem Kopf dröhnen, bis er fast einer Ohnmacht nahe war. Erst da ließ der Vater ab von ihm und zwang ihn, ihn anzusehen. Der alte Ellis von Turgod, Herzog von Turgod und Nachkomme der Könige von Dinora, schnitt nach einigen Sekunden eine zufrieden Grimasse. Er hatte die Demütigung des eigenen Sohnes in dessen Augen gesehen. Endlich spürte Ellis die Macht, die er über den Sohn hatte bis in sein Herz. Edbert war ihm hilflos ausgeliefert, er musste zu allen Zeiten die Erniedrigungen erdulden, die der Vater für ihn übrig hatte. Jetzt musste der Junge nur noch in den eisigen Kerker und hätte die Tortur wieder hinter sich.
Langsam gewöhnten sich Edberts Augen an die schale Finsternis, die ihn umgab und ihm den Atem raubte. Es roch nach modriger Erde und rührte an der Angst, einmal lebendig begraben zu werden. Ratten, die hier ihr Dasein fristeten, liefen ihm quiekend über die Füße und verloren ihre Spur in der Dunkelheit der feuchten Ecken des Kerkers. Edbert tat erschrocken einen Sprung zur Seite und stieß sich heftig an einem Mauervorsprung den Kopf. Er taumelte und fiel der Länge nach zu Boden. Erst dachte er, ihm sein nichts geschehen, doch sofort glitt Dunkelheit über seinen Geist und er wurde erst wieder wach, als jemand nach ihm rief. Edbert konnte nicht antworten. Seine Waden taten ihm weh. Ein klarer scharfer Schmerz schnitt sich in sein Bewusstsein und ließ ihn nur jammern. Er war ganz Schmerz und begriff nicht, woher der Schmerz rührte. Da hörte er, wie die Türe des Kerkers aufgeschlossen wurde. Er spürte eine warme Hand, die ihm unter die Schulter griff, und dann noch eine, die ihm half sich aufzurichten. Die Person sagte nichts, doch er hatte die Stimme erkannt. Es war der Bastard des Vaters, sechs Jahre älter als er und der Sohn einer Dienerin aus Konbrogi. Er mochte ihn nicht und hatte auch keine brüderlichen Gefühle für ihn übrig. Doch jetzt ließ Edbert sich von ihm helfen. Er war so tief gesunken, die Unterstützung eines Bastardes anzunehmen. Tiefer konnte ein Turgod kaum fallen.
Kurz darauf spürte Edbert das Tageslicht auf seiner Haut und seine Augen blinzelten in die warme Sonne, die ihn freundlich umhüllte. Doch als sie den Hof hastig überquerten, wusste Edbert, dass der Halbbruder ihn in die dunkle Küche führte. Sie war für ihn tabu. Hier herrschte die Köchin, die ihn verabscheute und ihm nur half, weil sie vom Bruder gebeten wurde. Es war stets dieselbe Prozedur. Sie strich eine dicke, stinkende Salbe auf seine Wunden und ließ ihn wegbringen, so als ertüge sie die Anwesenheit eines Turgod in ihrer Küche nicht. Edbert schwor ihr finstere Rache. Doch jetzt ließ er sich in das Bett seines Bruders bringen, in dem er bis zum nächsten Morgen lag und schlief. Als Edbert erwachte, stützte er sich auf und fing an, seine Wunden zu prüfen. Er stellte mit Freude fest, dass alle am Verheilen waren. Er zog die frische Kleidung an, die wie üblich auf dem Stuhl neben dem Bett lag, und machte einige tastende Schritte. Es ging. Er konnte das Zimmer des Bruders verlassen. Er lief zur Burg und betrat die dunkel Halle, die sommers wie winters kalt und abweisend war. Der Vater saß an einem Schreibtisch und besprach seine Geschäfte mit seinem Verwalter. Ellis warf nur einen kurzen Blick auf seinen Sohn. Er vergaß, ihn genauer in Augenschein zu nehmen.
„Das ist ein Fehler“, murmelte Edbert vor sich hin und ging ohne ein weiteres Wort zu sagen auf sein Zimmer. Dort rief er nach der Dienerin, die ihm einen Krug Wein und zwei Gläser bringen sollte. Er schickte das dumme Ding sofort wieder weg und trat an das Fenster heran. Dort griff er in einen schmalen Zwischenraum und ertastete mit seinen kalten Kinderhänden eine kleine Flasche, die mit einem Korken aus Wachs verstöpselt war. Er entkorkte sie und roch daran. Ein bösartiger, giftiger, bitterer Geruch entströmte dem winzigen Fläschchen, das er letzten Winter von einem herumziehenden Gaukler erhalten hatte. Er wusste, es war ein Mittel, das einem Herzkranken sofort Linderung verschaffte. Doch wenn man dem Kranken zu viel Tropfen bemaß, konnte es leicht geschehen, dass das Herz es nicht vertrug. Im schlimmsten Fall wäre der Kranke nach einer quälenden Nacht tot. Edbert hatte seine ganzen Ersparnisse aufgebracht, um das kleine Fläschchen zu erwerben. Und heute sollte es eingesetzt werden. Der Vater hatte in seiner Lust übertrieben, ihm Schmerzen zuzufügen. Das Maß war für Edbert voll. Es war Zeit für eine klare Abrechnung. Edbert zählte die sieben Tropfen, die der Gaukler ihm angewiesen hatte für einen kräftigen Mann, in das Glas und fügte dann noch einmal die Hälfte dessen hinzu. So würde der Vater einen Herztod erleiden, wenn er mitten in der Nacht in seinem Bett lag. Er sollte nicht tagsüber sterben, wenn alle ihm zur Seite stehen konnten. Der Vater sollte einsam und alleine sterben, wie er es im Leben auch war. Ein einsamer, herzloser Tyrann, dem die Qual anderer Menschen die allergrößten Freuden bereitete.
Ellis trank vom Wein, den der Sohn ihm in das Schlafzimmer gestellt hatte. Edbert wusste, der Vater würde den Krug vor dem Schafengehen leeren. Um den Moment nicht zu verpassen, an dem der Vater seinen letzten Atemzug tat, drückte sich Edbert erwartungsvoll in den Lücken des Flures herum, bis er ein eindeutiges Stöhnen und Poltern aus dem Schlafgemach des alten Herzogs hörte. Edbert begann zu lächeln. Er ahnte, dass sein Plan aufgegangen war. In aufgeregter Erwartung lief er ungesehen zur Türe, öffnete sie zügig und trat in den dämmrigen Raum. Ellis ließ zum Einschlafen stets eine kleine Kerze herab brennen. Die Diener frotzelten, der Alte hätte Angst vor der ewigen Finsternis. Als Edbert tiefer in das Gemach trat, warf das flackernde Licht der zitternden Flamme lange Schatten durch den Raum und Edbert musste sich anstrengen, den Vater zu finden, der nicht mehr im Bett lag, wie es der Junge erwartet hatte. Erst als Edbert seinen ungeduldigen Blick über den Boden gleiten ließ, erkannte er die gekrümmte Gestalt eines kleinen, beleibten Mannes auf dem Boden, der sich in unheilvollen Krämpfen wand. Ellis konnte nur noch stöhnen, zu mehr war sein geplagte Körper nicht mehr fähig. Edbert beeilte sich, stürzte förmlich zum Vater, um ihm noch ein letztes Wort ins Ohr zu hauchen. Er hoffte, dieser würde es mitnehmen in den Tod, dem er fast erlegen war.
„Stirb Teufel, fahr zur Hölle“, gab er dem irrsinnig Stierenden mit auf dem Weg. Zuerst befürchtete Edbert, der Elende hätte die Worte nicht mehr verstanden. Als er aber, wie es der Vater immer getan hatte, den Blick des Herzogs in seinen Augen bündelte, sah er das abgrundtiefe Entsetzten in dessen Augen, als der Tod ihn griff und mitnahm in die ewige Höllenfinsternis. Die Kerze tanzte ein letztes flimmerndes Flackern und erstarb. Als Edbert in Dunkelheit gehüllt war, lächelte er und fürchtete sich zum ersten Mal nicht mehr vor der undurchdringlichen Finsternis, die ihn umgab.

Morwenna von Falkenweld

Falkenwelds dunkle Nacht

„Feuer! Rettet euch!“, gellte ein schneidender Schrei über die Burg Falkenweld. Die Herzogin lag aufgeschreckt in ihrem Bett. Ihr Blick glitt zu ihrem neugeborenen Kind hinüber. Sie hatte vor sechs Stunden ein kräftiges Mädchen entbunden und war glücklich in die Kissen zurück gesunken als sie es lebend in die Arme geschlossen hatte. Endlich hatte sie ihre Aufgabe erfüllt und dem Herzog Kasto von Falkenweld ein lebendes Kind geboren. Eines, das das Erbe derer zu Falkenweld fortführen konnte. Wenn es auch nur ein Mädchen war, wie Kasto mit verzogener Miene feststellte.
„Nur ein Mädchen, seid ihr verrückt“, murrte die Hebamme. Doch Kasto hatte ihre Worte gehört.
„Was mischt du dich in die Dinge ein, die dich nichts angehen, Weib. Dein Dienst an der Herzogin ist zu Ende. Pack‘ dich, sofort“, warf ihr Kasto zornig entgegen.
„Es lebt, euer Kind, Herzog. Seht es von dieser Seite“, entgegnete sie dem riesigen Mann, der sich lieber einen Sohn gewünscht hatte. „Ihr habt in den letzten vierzehn Jahren noch kein Kind lebend von eurer Frau geboren bekommen. Nun ist die Nachfolge auf Falkenweld gesichert und eurer Neffe muss sehen, wo er sich betten kann, wenn er alles Geld seiner Eltern versoffen und verhurt hat und wieder kommt, um euch zu beerben. Ein feiner junger Mann ist er. Einer ganz nach eurem Geschmack. Doch ihr müsst ihn nun heim schicken. Ihr habt nun eine Erbin. Ob euch das gefällt oder nicht. Seht nun zu, dass ihr geht und die Brände löscht, damit noch etwas zum Vererben da ist für eure Tochter, der zukünftigen Herzogin von Falkenweld, mein Herr“, setzte die wütende Hebamme hinzu. Sie sah in das zornentbrannte Gesicht des Mannes, dessen aufschäumende Wut im ganzen Land bekannt war. Der Zorn überwältigte Kasto von Falkenweld. Hätte nicht die Burg in Flammen gestanden, Weda hätte diese Nacht nicht überlebt. Er hielt die Hand nach einem kurzen Zucken zurück, als ein Diener zur Türe hereinstürmte. Gut so, dachte Weda, sonst hätte ich den Hieb aushalten müssen, den meine Worte herausgefordert haben. Kasto sah sie wütend an und ging. Noch aus den Augenwinkeln sah sie Kasto einen letzten mürrischen Blick auf das Lager seiner Frau werfen. Doch Weda macht sich frei von Kastos Wut. Als sie die Herzogin anblickte, wusste Weda, dass die Wöchnerin diesen Blick gesehenen hatte. Sie erstarrte unter ihm. Weda richtete freundliche Worte an sie, damit sie so schnell wie möglich Kasto vergaß.

„Soll er gehen, Herrin. Er hat heute Nacht noch eine Aufgabe. Er muss sein Erbe retten. Ihr solltet euch langsam anziehen und das Schloss verlassen. Euer Kind ist in Gefahr.“ Sie trat auf die schwache Frau zu und half ihr aufzustehen. Als die Herzogin kurz stand, sank sie geschwächt in die Federn zurück.
„Ich schaffe es nicht, Weda“, sagte die Herzogin erschöpft. Weda, die Hebamme, schüttelte den Kopf. Sie ging an das Bett des Säuglings, der ruhig schlief und kniff ihn. Erschreckt schrie das Mädchen auf und seine Stimme jagten der Mutter Schauer über den Körper.
„So wird es schreien, wenn ihr es nicht aus der Burg hinausführt. Ihr müsst fliehen“, sagte Weda eindringlich und packte die Mutter am Arm. Sie zog sie aus dem Bett und half ihr sich anzuziehen. Nur ein Unterkleid, das musste reichen. Dann wickelte sie das Kind in eine Decke und hielt es auf dem linken Arm. Die Herzogin indessen griff sie mit ihrer rechten Hand und zog sie hinter sich zur Türe hinaus. Sie liefen langsam aber beständig den Flur entlang, bis sie zu der Treppe kamen, die die Herzogin zögerlich musterte.
„Das schaffe ich nicht, Weda“, sagte sie verzweifelt. „Nehmt das Kind und geht ohne mich.“
„Den Teufel werde ich tun, Frau. Ich lasse meine Wöchnerinnen nicht zurück. Selbst wenn es Herzoginnen sind“, stellte Weda verärgert fest. Ihr Blick streifte die Augen der Herzogin, die sich ein Lächeln abzwang und nach einem tiefen Seufzen folgte sie mit schwerfälligen Schritten der Hebamme. Sie kamen nach unten in die Halle, in der die Diener geschäftig hin und her liefen. Sie hatten von Herzog Kasto die Anweisung erhalten, alle Wertgegenstände auf den Hof hinaus zu bringen.
„Was soll das“, rief Weda. „Lasst alles stehen und liegen und rennt um euer Leben. Am besten lauft ihr hinaus aus der Burg, vor die Wassergräben, dort seid ihr sicher“, rief sie und schob eine junge Magd zur Türe hinaus. Alle hielten erstaunt inne und sahen auf die Herzogin, die mit blassem Gesicht und ernster Miene auf der Treppe stand.
„Ihr habt Weda gehört. Lasst den Kram liegen und flieht. Euer Leben ist wichtiger.“ Die Diener verharrten noch eine Sekunde und liefen dann sofort los. Ein älterer Diener ging die Treppe hoch zur Herzogin und griff sich ihren Arm.
„Kommt, Mylady, ich stütze euch. Wir werden gemeinsam überleben.“
Die Herzogin lächelt. Als Weda mit dem Kind aus der Tür hinauslief, sah sie noch den Alten mit der Herzogin die große Halle Falkenwelds verlassen. Draußen jedoch schimmerte der Himmel rot glühend. Er warf die flackernden Lichter der Flammen zurück und der Himmel schien ebenso zu brennen wie die Burg Falkenweld. Weda lief mit dem Kind weiter über den hell erleuchteten Platz zum Burgtor. Sie sah hinter sich den Diener, der die Herzogin herausführte und war zufrieden. Ihre Freundin Telja, die Köchin, stand dort. Sie hatte sie heute Abend rufen lassen, als die Herzogin und eine bratanische Dienerin in den Wehen lagen. Jetzt lief sie mit ihrem Gesinde und einigen Küchengeräten zum Tor hinaus. Sie rannten alle und Weda drehte sich ein letztes Mal nach der Herzogin um. Da sah sie, wie Herzog Kasto seine Frau am Arm zog und mit ihr auf die Stallungen zulief. Sie erreichten den Stall zügig und verschwanden schließlich dort im seinem Inneren.
„Nimm du das Kind, Telja“, sagte sie nervös und übergab der Köchin das Mädchen. Sie selbst lief zum Diener, der langsam zu Tor kam.
„Was ist geschehen“, fragte sie ihn atemlos. Der Diener stand staunend vor ihr und starrte entsetzt auf das rote Inferno, die hinter ihm innerhalb der Burgmauern ausbrach.
„Kasto hat sie einfach von mir weggerissen“, stammelte er und schüttelte den Kopf. „Sie wird zu schwach sein, um noch vor dem Feuer davonzulaufen. Wie soll es nur gehen? Was will dieser herzlose Mann von ihr? Sie ist so gut. Sie hat diesen Tyrann nicht verdient“, sagte er. Doch Weda ließ nicht locker.
„Wozu hat er sie geholt? Sprich endlich“, herrschte sie den Diener an, der sich zusammenriss und sie schließlich direkt ansah.
„Sie soll sich die Stallung ansehen und mithelfen, wenn das Feuer übergreift. Es sei ihre Pflicht als Herzogin“, sagte der Diener und traute seinen eigenen Worten nicht, die jedoch die selben waren, die der Herzog gebraucht hatte. Weda runzelte die Stirn.
„Was hat er vor, der Hund“, murmelte sie. Dann sah sie den Alten.
„Geh und komme erst wieder, wenn alles vorbei ist. Ich werde laufen und versuchen, die Herzogin herauszuholen.“ Weda sagte kein Wort mehr und lief zu den Stallungen der Burg.
„Mach das nicht, Frau“, rief der Alte. Doch als er mehr sagen wollte, nahm ihm die rauchige Luft den Atem. Er stutzte, kehrte um und lief zum Tor.
Weda hatte den Platz bald überquert und erreichte die Tür der Stallung. Sie hörte den Herzog und die Herzogin darin streiten.
„Ich will, dass du da bist, Frau, wenn das Feuer kommt. Wir werden nicht weglaufen wie die erbärmlichen Diener, die du hinaus geschickt hast aus der Burg, damit sie ihr Leben retten“, rief Kasto und griff die Herzogin fester am Arm, als sie fliehen wollte. „Du bleibst und wirst nun mutig sein.“
„Lasst eure Frau gehen, Herr“, sagte der Verwaltern, der mit den Männer kam, um den Stall zu sichern. Er sah Weda herumstehen und schickte Burschen mit Wasserkübeln auf das Dach des Stalles, um es zu nässen. „Wir sollten jetzt gehen. Weda, die Hebamme, hat recht. Der Stall ist nicht mehr sicher.“ Er schickte Weda weg, um seine Arbeit erledigen zu können. Doch Kasto stand wie ein Fels in der Brandung und ignorierte den beißenden Brandgeruch, der seiner Frau den Atmen nahm und sie zu Hustenkrämpfen zwang. Kasto sprach weiter, doch sie hört ihn nicht mehr. Die Herzogin versuchte, frische Luft in ihre Lungen zu pumpen, doch stattdessen war es giftiger Rauch, der sie fast ohnmächtig werden ließ. Ihre letzten Gedanken gehörten dem Kind, das sie in dieser Nacht geboren hatte. Da keimte in ihr ein unbekannter Wille auf und bemächtigte sich ihrer. Sie schöpfte erneut Hoffnung und drängte mit den letzten Resten ihrer Luft zur Türe hin. Sie sah den Ausgang schon vor sich, den sie mit ihren schwachen und zitternden Schritten fast erreicht hatte. Da fühlte sie den festen Griff ihres Mannes am Arm, der sie vor dem Ziel zurückhielt. Kasto grinste sie an und holte mit der Hand aus, um sie zu schlagen. Kurz zuckte er zurück, dann traf sein Schlag ihr Kinn und sie sank getroffen zu Boden. Sie war fast bewusstlos. Als sie vor ihm lag, warf er ihr einen angewiderten Blick zu.
„Bleib dort liegen, Weib. Du taugst zu nichts. Sieben Kinder hast du tot geboren. Alle kurz vor dem Ende der Schwangerschaft und es waren allesamt Jungen. Das einzige Kind jedoch, das überlebt hat, ist ein Mädchen. Ich verachte dich dafür. Du sollst sterben“, sagt er wütend und warf eine Blick auf den Verwalter, der ihn am Arm zog.
„Wir müssen hinaus“, rief er und versuchte, die kraftlose, weinende Frau vom Boden zu heben. Er schaffte es nicht. „Helft mir, Herr. Sie wird sonst verbrennen. Ihr könnt nicht eurer Weib den Flammen überlassen.“
„Doch, das kann ich. Wir beide werden hinausgehen. Lass dich nicht aufhalten, wenn du zu ängstlich bist. Geh ruhig zuerst. Ich komme gleich nach“, sagte Kasto gereizt. Er warf dem Verwalter einen Blick zu, der keinen Zweifel über seine Absichten aufkommen ließ, und darüber, was er von seinem Verwalter erwartete. Der Verwalter schüttelte den Kopf und trat aus der Türe hinaus. Was gingen ihn die Dinge eines Herzogs an. Er wollte nicht wissen, was dort geschah. Doch gleich darauf hörte er einige dumpfe Schläge auf einen Menschenkörper. Er konnte sich denken, wem sie galten. Erbarmungslos schlug der gereizte Herzog auf seine Frau ein. Das war ihr Todesurteil.
„Das ist ihr Ende“, murmelte er vor sich hin, „So stirbt eine tapfere Herzogin. Sie hat diesen Tod nicht verdient.“
„Was murmelst du, Mann?“, fragte ihn einer seiner Leute, als er im Freien stand.
„Nichts“, herrschte ihn der Verwalter an. „Kümmere dich um deine Angelegenheiten. Nässt das Dach, damit es nicht einstürzt.“
„Dafür ist es zu spät, mein Herr. Es hat schon Feuer gefangen. Es brennt lichterloh. Seht doch nur selbst.“
Da sah der Verwalter zum Dach hinauf, das hell lodernd brannte. Und gerade als er zurück laufen wollte, den Herzog zu retten, der auf die Türe zu hastete, stürzten die Balken des Daches ein und verschlossen grausam knisternd den Eingang zu den Stallungen. Der Herzog stand hinter dem brennenden Inferno und sein Blick glitt verwundert auf die Flammen, die sich in Windeseile bis zu ihm fraßen. Der Verwalten und ein Diener starrten gebannt auf den Herzog. Sie sahen den schreienden Mann in Flammen stehen und sich winden, als ein Knarren und Reißen durch das Gebälk zog und sich krachend auf dem Herzog entlud. Gemeinsam mit ihnen stürzte der Mann zu Boden und brannte hell lodernd bis der Stall nur noch einem brennenden Scheiterhaufen glich. Keiner konnte diesem Brand entfliehen und endlich verstummten die verzweifelten Schreie des Herzogs, die über die Flammen hinaus ihren Weg zu ihnen fanden.
Der Brand wurde bis zum Morgen eingedämmt und Falkenweld war gerettet. Als der Verwalter am nächsten Mittag die noch heißen Überreste des Stalles betrat, hoffte er die verkohlten Überreste seiner Herrschaft zu finden, um sie zu beerdigen. Doch die schwarzen Reste des Pferdestalles gaben nur die verbrannten Gebeine des Herzogs frei.
Die Gerippe der Herzogin waren nicht auffindbar und auf dem Gut Falkenweld machte sich nach einige Zeit der Gedanke breit, die Herzogin hätte das Inferno überlebt und wäre aus dem Flammenmeer geflohen und kehrte aus Gram nie mehr wieder.
„So ein dummes Geschwätz. Hört auf damit, diese Geschichten zu spinnen“, versuchte es der Verwalten immer wieder. „Die Hitze der Flammen war so groß, dass sie die Herzogin vollständig verbrannten.“ Er konnte ihnen nicht sagen, dass sie geschlagen und bewusstlos auf dem Boden lag, bevor der Stall über ihr zusammenbrach. Sie war nicht fähig zu fliehen, wie es die Diener hofften, die sich ein besseres Schicksal für ihre stille und freundliche Herrin wünschten. Das Volk blieb bei seiner Fassung der Geschehnisse. Sie ließen nicht ab von ihrer Vorstellung und mit der Zeit wurde es zur Wahrheit im Volk. Dagegen war der Verwalter machtlos. Die Mär wurde hinaus ins Land getragen.
Doch Morwenna hörte davon nichts. Auch später nicht. Denn die Geschichten über ihre Mutter drangen nicht bis Tamweld an den Hof Bornwulfs vor.
Morwenna überlebte in den Armen der Köchin Telja, die das Kind in dieser Nacht sicher barg.
„Sie hat keinen Namen, Telja“, sagte die Hebamme zu ihr, als sie das Kind schlafen sah.
„Dann müssen wir ihr einen geben, Weda. Wir wäre es mit Morwenna? Es kling schön und freundlich. So wie das Wesen des Kindes ist. Siehst du nicht, wie vertrauensvoll sie hier schläft inmitten der Tragödie um ihre Eltern?“
„Ja, sie soll Morwenna heißen. Morwenna von Falkenweld“, murmelte Weda, der alles gefiel, wie es war. Nur nicht der Tod ihrer Herrin, der Herzogin von Falkenweld.
Zwei Tage später wurde das Kind mit seiner Amme nach Tamweld an den Hof geschickt, wo sie als Mündel der Königin Eadgyth aufwuchs und dort ihre schönsten Jahre verbrachte. Bis sie als sechzehnjähriges Mädchen zum ersten Mal Ilari Thorbjörnson begegnete.

Oskar Ashby

Oskar Ashby ist das Mündel des Königs Bornwulf Paeford von Dinora. Er lebt an dessen Hof und wird von ihm wie die eigenen Kinder erzogen. Oskar hat einen unbekümmerten und aufbrausenden Charakter und ist immer gut gelaunt. Bräche der Himmel über ihn zusammen, fände er noch etwas Gutes daran. Als halb nordländischer Bastard wird er von der Bevölkerung der goldenen Stadt Tamweld abgelehnt. Obwohl er von König Bornwulf und Königin Eadgyth gefördert wird, kann er sich nicht seine Stellung innerhalb des Adels sichern. Bei der Dienerschaft jedoch ist er hoch angesehen.

Besonders die Köchin Hildburg liebt ihn wie einen eigenen Sohn. Die große Küche Hildburgs ist für ihn wie ein zweites zu hause.

Als er sieben Jahre alt ist wird seine Erziehung von den Priestern des Tempels in Tamweld übernommen. Gemeinsam mit den Söhnen des Adels lebt er innerhalb der Tempelmauern und wird mit seinem Erzfeind Edbert von Turgod unterrichtet. Der trockene Unterricht liegt dem temperamentvollen Oskar nicht. Er kann sich nicht anpassen und ruft dadurch die Ablehnung der adeligen Söhne hervor. Die Feindschaft Oskars mit Edbert gründet sich auf einen schwelenden Konflikt zwischen den Jungen der Priesterschule, der nach Jahren in denen Oskar von Edbert gequält wird, in einem Kampf auf Leben und Tod endet. Edbert ist zwar fast drei Jahre älter als Oskar, aber der Nordländer ist ebenso hochaufgeschossen und wesentlich kräftiger. Als Oskar zwölf Jahre alt ist, setzt er sich gegen Edbert zur Wehr. Er verwickelt seinen Peiniger in einen offenen Kampf in dem Oskar sein überschäumendes Temperament kaum noch bündeln kann. Er erschlägt im Zorn fast Edbert von Turgod und wird von Bornwulf des Hofes verwiesen.

Er geht als Knappe auf ein Gut in den Süden Dinoras. Dort wird er auch im Schwertkampf unterrichtet. Als Oskar dort wie in Tamweld von den anderen Knappen verfolgt wird und im Streit fast einen Mann mit seinem Schwert erschlägt, kehrt er im Alter von vierzehn Jahren an Bornwulfs Hof zurück. Bornwulf verbietet ihm den Schwertkampf und das Tragen eines Schwertes. Damit ist Oskar Freiwild für die Anhänger Edbert von Turgods. Weil sich Oskar jedoch stets in Begleitung der Schmiedegesellen, des angesehenen Schmieds Colan Boyle oder kräftiger Diener befindet, werden schlimmere Konflikte vermieden. Oskar wächst sowohl am Hof als auch inmitten der Dienerschaft auf. Als Oskar sechzehn Jahre alt ist wird er ein letztes Mal von den Schergen Edberts bedroht und in einer dunklen Gasse zusammengeschlagen. Der junge Mann sehnt sich nach Freundschaft und Gleichgesinnte, doch dazu sind die adeligen Söhne an Bornwulfs Hof weder geeignet noch erwünscht. Es scheint fast so, dass die Erziehung des störrischen Oskar völlig aus dem Ruder läuft. Bis er Ilari Thorbjörnson kennenlernt.Hildburgs Küche

Ilari Thorbjörnson

Ilari Thorbjörnson ist der Protagonist des Sturms auf Amber Teils der Chronik der Nebelländer Er ist der Sohn eines mächtigen Hersen aus Norgan und hat vier jüngere Brüder hat. Sein Vater, Thorbjörn Helgison, ist der wichtigste Berater König Bornwulfs. Ilari lebt glücklich am Hofe des Königs und wächst mit Bork Halfdanson, dem Kronprinzen, auf. Sie sind wie ihre Väter befreundet. Doch wird ihr Verhältnis belastet, als Bork sich zu einem bedrohlichen Mann entwickelt. Bork leidet wie sein Großvater an Größenwahn und gilt beim Volk als verrückt und gefährlich.

Auch Ilari ist kein einfacher Charakter. Er ist widerspenstig und beugt sich keiner Obrigkeit ohne triftigen Grund. Er besitzt ein aufschäumendes Temperament, das er schwer im Zaum halten kann. Doch er hintergeht niemanden und ist im Wesentlichen offen und ehrlich. Ilari fürchtet Bork und dessen hinterhältigen Charakter nicht, da er derjenige ist, der Bork am besten versteht, und ihn daher am nachhaltigsten beeinflussen kann. Auf ihre Art sind sie diese grundverschiedenen Charaktere die besten Freunde. Obwohl es selbst für Ilari oft schwierig und gefährlich ist, mit dem offensichtlich wahnsinnigen Kronprinzen befreundet zu sein.

Das glückliche Dasein Ilaris endet abrupt, als sich er in Unna Tisdale verliebt, die er seit seiner Kindheit kennt. Sie ist die Tochter des mächtigen Jarls Olaf Tisdale, der den wichtigen Norden Norgans beherrscht. Unna wurde mit sechs Jahren an den väterlichen Hof nach Tisdale geschickt und kehrte erst im Alter von sechzehn Jahren wieder an den Königshof zurück. Ilari bittet seinen Vater, für ihn um Unnas Hand anzuhalten. Dieser jedoch ist skeptisch, weiß der doch, dass Ehen zwischen den Jarlen und den Königsgeschlechtern geschlossen werden, aber nur sehr selten zwischen den Jarlen und ihren Untergebenen, den Hersen.

Auch wenn die meisten Adeligen am Hof eine Verbindung zwischen Ilari und Unna tolerierten, hat König Halfdan andere Pläne. Er will ein mächtiges Bündnis mit den Jarlen der nördlichen Länder schmieden. Dabei hat er Unna Tisdale für seinen Sohn Bork vorgesehen, der zwar Unna nicht liebt, aber sich mit einer arrangierten Ehe abfindet, weil er die Macht über Norgan besitzen will.

Ilari erkennt vor dem Thronrat, dass er Unna niemals heiraten wird. Er wird von König Halfdan nach Amber geschickt, an den Hof des König Bornwulf von Dinora. Für eine lange Zeit wird er seine Heimat nicht mehr sehen. Er gerät beinahe unmittelbar hinein in den Sturm der Nordmänner auf Amber. Er wird als Nordmann einer derjenigen sein, der das Schicksal Ambers, das zu seiner zweiten Heimat wird, am nachhaltigsten beeinflusst.

Ilaris Zimmer
Ilaris Zimmer

Bornwulfs privater Raum
Bornwulfs privater Raum