Edberts Kindheit

„Nein, Vater, lass’ mich mit dir gehen“, rief der zehnjährige Edbert mit angstvoller Stimme. Seine Worte hallten den langen, feuchten Flur entlang, der aus dem grauen Verlies führte. Er geriet in Panik, als er vom Vater ins finsteren Kerkerloch gesperrt und verlassen wurde. Doch einigen Augenblicke später hörte Edbert das eiserne Tor einrasten. Ein hoher, schneidender Ton von Metall auf Metall schnitt sich ihm in die Brust und ließ seine Kinderseele erzittern. In Wellen erschauderte sein schmaler Kinderkörper, der noch von den grausamen Schlägen brannte, die der Vater ihm mit dem breiten Lederriemen zufügt hatte.
Die Ohnmacht, die Edbert spürte, als er vom Vater über den Tisch gezwungen wurde, war so erniedrigend für ihn, dass er sich schließlich selbst hasste. Edbert spürte die harte Hand, die ihn mit der Brust auf die kantige Tischplatte zwang und vergaß nach dem zehnten Schlag mitzuzählen. Sein Körper war nur noch flammender Schmerz. Er biss anfangs tapfer die Zähne aufeinander. Er gönnte dem Vater nicht, seine schmerzverzerrte Stimme zu hören. Doch weil der Vater mit den Schlägen nicht nachließ, entwich ihm zuerst ein leises Wimmern, das sich zu den Schreien eines gemarterten Kindes steigerte. Edbert hörte die eigene Stimme in seinem Kopf dröhnen, bis er fast einer Ohnmacht nahe war. Erst da ließ der Vater ab von ihm und zwang ihn, ihn anzusehen. Der alte Ellis von Turgod, Herzog von Turgod und Nachkomme der Könige von Dinora, schnitt nach einigen Sekunden eine zufrieden Grimasse. Er hatte die Demütigung des eigenen Sohnes in dessen Augen gesehen. Endlich spürte Ellis die Macht, die er über den Sohn hatte bis in sein Herz. Edbert war ihm hilflos ausgeliefert, er musste zu allen Zeiten die Erniedrigungen erdulden, die der Vater für ihn übrig hatte. Jetzt musste der Junge nur noch in den eisigen Kerker und hätte die Tortur wieder hinter sich.
Langsam gewöhnten sich Edberts Augen an die schale Finsternis, die ihn umgab und ihm den Atem raubte. Es roch nach modriger Erde und rührte an der Angst, einmal lebendig begraben zu werden. Ratten, die hier ihr Dasein fristeten, liefen ihm quiekend über die Füße und verloren ihre Spur in der Dunkelheit der feuchten Ecken des Kerkers. Edbert tat erschrocken einen Sprung zur Seite und stieß sich heftig an einem Mauervorsprung den Kopf. Er taumelte und fiel der Länge nach zu Boden. Erst dachte er, ihm sein nichts geschehen, doch sofort glitt Dunkelheit über seinen Geist und er wurde erst wieder wach, als jemand nach ihm rief. Edbert konnte nicht antworten. Seine Waden taten ihm weh. Ein klarer scharfer Schmerz schnitt sich in sein Bewusstsein und ließ ihn nur jammern. Er war ganz Schmerz und begriff nicht, woher der Schmerz rührte. Da hörte er, wie die Türe des Kerkers aufgeschlossen wurde. Er spürte eine warme Hand, die ihm unter die Schulter griff, und dann noch eine, die ihm half sich aufzurichten. Die Person sagte nichts, doch er hatte die Stimme erkannt. Es war der Bastard des Vaters, sechs Jahre älter als er und der Sohn einer Dienerin aus Konbrogi. Er mochte ihn nicht und hatte auch keine brüderlichen Gefühle für ihn übrig. Doch jetzt ließ Edbert sich von ihm helfen. Er war so tief gesunken, die Unterstützung eines Bastardes anzunehmen. Tiefer konnte ein Turgod kaum fallen.
Kurz darauf spürte Edbert das Tageslicht auf seiner Haut und seine Augen blinzelten in die warme Sonne, die ihn freundlich umhüllte. Doch als sie den Hof hastig überquerten, wusste Edbert, dass der Halbbruder ihn in die dunkle Küche führte. Sie war für ihn tabu. Hier herrschte die Köchin, die ihn verabscheute und ihm nur half, weil sie vom Bruder gebeten wurde. Es war stets dieselbe Prozedur. Sie strich eine dicke, stinkende Salbe auf seine Wunden und ließ ihn wegbringen, so als ertüge sie die Anwesenheit eines Turgod in ihrer Küche nicht. Edbert schwor ihr finstere Rache. Doch jetzt ließ er sich in das Bett seines Bruders bringen, in dem er bis zum nächsten Morgen lag und schlief. Als Edbert erwachte, stützte er sich auf und fing an, seine Wunden zu prüfen. Er stellte mit Freude fest, dass alle am Verheilen waren. Er zog die frische Kleidung an, die wie üblich auf dem Stuhl neben dem Bett lag, und machte einige tastende Schritte. Es ging. Er konnte das Zimmer des Bruders verlassen. Er lief zur Burg und betrat die dunkel Halle, die sommers wie winters kalt und abweisend war. Der Vater saß an einem Schreibtisch und besprach seine Geschäfte mit seinem Verwalter. Ellis warf nur einen kurzen Blick auf seinen Sohn. Er vergaß, ihn genauer in Augenschein zu nehmen.
„Das ist ein Fehler“, murmelte Edbert vor sich hin und ging ohne ein weiteres Wort zu sagen auf sein Zimmer. Dort rief er nach der Dienerin, die ihm einen Krug Wein und zwei Gläser bringen sollte. Er schickte das dumme Ding sofort wieder weg und trat an das Fenster heran. Dort griff er in einen schmalen Zwischenraum und ertastete mit seinen kalten Kinderhänden eine kleine Flasche, die mit einem Korken aus Wachs verstöpselt war. Er entkorkte sie und roch daran. Ein bösartiger, giftiger, bitterer Geruch entströmte dem winzigen Fläschchen, das er letzten Winter von einem herumziehenden Gaukler erhalten hatte. Er wusste, es war ein Mittel, das einem Herzkranken sofort Linderung verschaffte. Doch wenn man dem Kranken zu viel Tropfen bemaß, konnte es leicht geschehen, dass das Herz es nicht vertrug. Im schlimmsten Fall wäre der Kranke nach einer quälenden Nacht tot. Edbert hatte seine ganzen Ersparnisse aufgebracht, um das kleine Fläschchen zu erwerben. Und heute sollte es eingesetzt werden. Der Vater hatte in seiner Lust übertrieben, ihm Schmerzen zuzufügen. Das Maß war für Edbert voll. Es war Zeit für eine klare Abrechnung. Edbert zählte die sieben Tropfen, die der Gaukler ihm angewiesen hatte für einen kräftigen Mann, in das Glas und fügte dann noch einmal die Hälfte dessen hinzu. So würde der Vater einen Herztod erleiden, wenn er mitten in der Nacht in seinem Bett lag. Er sollte nicht tagsüber sterben, wenn alle ihm zur Seite stehen konnten. Der Vater sollte einsam und alleine sterben, wie er es im Leben auch war. Ein einsamer, herzloser Tyrann, dem die Qual anderer Menschen die allergrößten Freuden bereitete.
Ellis trank vom Wein, den der Sohn ihm in das Schlafzimmer gestellt hatte. Edbert wusste, der Vater würde den Krug vor dem Schafengehen leeren. Um den Moment nicht zu verpassen, an dem der Vater seinen letzten Atemzug tat, drückte sich Edbert erwartungsvoll in den Lücken des Flures herum, bis er ein eindeutiges Stöhnen und Poltern aus dem Schlafgemach des alten Herzogs hörte. Edbert begann zu lächeln. Er ahnte, dass sein Plan aufgegangen war. In aufgeregter Erwartung lief er ungesehen zur Türe, öffnete sie zügig und trat in den dämmrigen Raum. Ellis ließ zum Einschlafen stets eine kleine Kerze herab brennen. Die Diener frotzelten, der Alte hätte Angst vor der ewigen Finsternis. Als Edbert tiefer in das Gemach trat, warf das flackernde Licht der zitternden Flamme lange Schatten durch den Raum und Edbert musste sich anstrengen, den Vater zu finden, der nicht mehr im Bett lag, wie es der Junge erwartet hatte. Erst als Edbert seinen ungeduldigen Blick über den Boden gleiten ließ, erkannte er die gekrümmte Gestalt eines kleinen, beleibten Mannes auf dem Boden, der sich in unheilvollen Krämpfen wand. Ellis konnte nur noch stöhnen, zu mehr war sein geplagte Körper nicht mehr fähig. Edbert beeilte sich, stürzte förmlich zum Vater, um ihm noch ein letztes Wort ins Ohr zu hauchen. Er hoffte, dieser würde es mitnehmen in den Tod, dem er fast erlegen war.
„Stirb Teufel, fahr zur Hölle“, gab er dem irrsinnig Stierenden mit auf dem Weg. Zuerst befürchtete Edbert, der Elende hätte die Worte nicht mehr verstanden. Als er aber, wie es der Vater immer getan hatte, den Blick des Herzogs in seinen Augen bündelte, sah er das abgrundtiefe Entsetzten in dessen Augen, als der Tod ihn griff und mitnahm in die ewige Höllenfinsternis. Die Kerze tanzte ein letztes flimmerndes Flackern und erstarb. Als Edbert in Dunkelheit gehüllt war, lächelte er und fürchtete sich zum ersten Mal nicht mehr vor der undurchdringlichen Finsternis, die ihn umgab.